Aktuell Blog Griechenland 24. Oktober 2018

Flüchtlingslager auf Chios: Tote werden billigend in Kauf genommen

Ein hoher Zaun vor Wohncontainern, am oberen Ende des Zaun stecken vier Jacken im Stacheldraht fest

Das Flüchtlingslager Vial auf der griechischen Insel Chios im Oktober 2018

Unterkünfte direkt neben einer Müllpresse, giftige Schlangen, mangelnde Versorgung und sexualisierte Gewalt: Die Zustände im Flüchtlingslager Vial auf der griechischen Insel Chios sind unmenschlich und eine Schande für Europa. Amnesty-Mitarbeiterin Franziska Vilmar war vor Ort.

Seit ich vergangene Woche mit Vial einen der fünf griechischen Hotspots gesehen habe, glaube ich kaum noch an die Macht der Worte. So viel hatte ich in den vergangenen Jahren über die unerträglichen Zustände in diesen "Camps" auf den griechischen Inseln gelesen, dass ich doch eigentlich darauf hätte vorbereitet sein müssen. Sprachlose Ohnmacht legte sich wie Mehltau auf mich.

Nichts in den zahlreichen NGO-Berichten zu den Hotspots, die zur Umsetzung des EU-Türkei-Deals betrieben werden, hatte mich vor dem Besuch wirklich erreicht. Stets waren nur Zahlen und Fakten übrig geblieben. Warum schreien die Worte über dieses Ausmaß der im Namen und Willen der EU organisierten Menschenrechtsverletzungen nicht so laut und lange, bis sich etwas ändert? Bis jeder Mensch erkennt, dass sich etwas ändern muss?

Um mich mit diesen Auswirkungen des sogenannten EU-Türkei-Deals auseinanderzusetzen, nahm ich gemeinsam mit etwa hundert Aktiven von NGOs und Kirchen aus zahlreichen europäischen Ländern an einer Asylkonferenz in Griechenland teil. Wir besuchten auch das Flüchtlingslager Vial auf Chios.

Zwei Männer, von denen einer nur ein Bein hat und an Krücken geht, gehen nebeneinader, im Hintergrund stehen mehrere Personen vor Wohncontainer

Zehn Kilometer von der Inselhauptstadt entfernt steht ein längliches Fabrikgebäude im staubigen Niemandsland, umgeben von kargen Bergen und grauen Olivenbäumen. Unter dessen Dach sind in mehreren Containern verschiedene Organisationen und Behörden untergebracht: das "Reception and Identification Center" (RIC), die griechische Asylbehörde, das Europäische Unterstützungsbüro für Asylfragen (EASO), das UNHCR und die EU-Grenzschutz-Agentur FRONTEX. Im angrenzenden zweiten Gebäudeteil wird Müll gepresst.

Wo Müll gepresst wird, stinkt es bestialisch. Und wo Müll gepresst wird, wohnt meist niemand – jedenfalls nicht da, wo Menschenrechte gelten. Auf Chios ist das anders. Hier hat man sich dafür entschieden, die derzeit über 2.000 Männer, Frauen und Kinder aus Syrien, Afghanistan oder dem Irak, die aus der Türkei nach Europa fliehen, direkt neben der Müllpresse im Gestank "hausen" zu lassen – doppelt so viele Menschen wie angeblich Platz hätten. Hausen ohne Häuser. Wer einen Container mit seiner Familie bezogen hat, darf sich glücklich schätzen. Alle anderen schlafen unter aufgehängten Planen oder in Zelten, oft ohne Matratze oder Decke. Dass die Geflüchteten hier von giftigen Schlangen gebissen werden, ist den Behörden bekannt. Doch es ändert sich nichts.

Ich kann den verzweifelten und vorwurfsvollen Blicken aus den staubigen Gesichtern im Camp nicht standhalten. Wie soll ich erklären, dass diese grauenhaften Zustände für europäische Regierungschefs keine Rolle spielen? Dass Menschenrechte an den EU-Außengrenzen höchstens noch auf dem Papier stehen? Dass ich rein zufällig das unverdiente Recht habe, mich heute Nacht wieder ins gemütliche Hotelbett zu kuscheln?

Der Winter naht, nachts wird es schon jetzt merklich kühler. Tote, wie es sie vergangenes Jahr auf der Nachbarinsel Lesbos gegeben hat, sind einkalkuliert und werden billigend in Kauf genommen. Menschen werden wieder gezwungen sein, Feuer in ihrem eiskalten Zelt zu machen, um sich und ihre Kinder zu wärmen – mit dem Risiko, zu verbrennen. Denn niemand wird neue Container aufstellen. Das macht der freundliche Bürgermeister von Chios, mit dem wir lange diskutieren, deutlich. Die Insel-Bevölkerung stünde Kopf, kämen noch mehr Menschen über die Türkei auf die Insel, behauptet er.

Das Camp soll abschrecken. Die griechischen Verantwortlichen für die Camp-Leitung reden schön, verheimlichen oder belügen uns. Stets werden Zuständigkeiten geleugnet, wird auf andere verwiesen. Die Unzuständigkeit hat System, das Chaos ist beabsichtigt. Es soll möglichst unklar bleiben, wer für die unzähligen Menschenrechtsverletzungen verantwortlich ist: der Insel-Bürgermeister, die griechische Regierung oder gar die Europäische Union?
 

Mehrere Personen stehen vor einer großer trostlosen Halle, an der die Flaggen von Griechenland und der EU hängt

Während unsere Delegation auf Chios ist, besucht Bundesentwicklungsminister Müller das Lager Moria auf Lesbos. Dabei ist er von Amts wegen eigentlich nur für Länder außerhalb der EU zuständig. Es sei eine "Schande", dass solche Zustände in Europa geduldet werden, weil sich die EU-Staaten in der Flüchtlingspolitik nicht einigen könnten. "Das kann kein europäischer Standard sein", sagt er. Doch was tut die deutsche Regierung, um dies zu ändern?

Bei unserem Besuch in Vial dürfen wir keine Fotos machen. Wir sollen möglichst nicht mit den im Camp lebenden Menschen sprechen, die uns vom täglichen Hunger oder vom stundenlangen Schlangestehen berichten und davon, dass sie dringend einen Arzt bräuchten.

Auf der ganzen Insel ist das Leitungswasser nicht trinkbar. Doch in Vial wird es neuerdings als trinkbar deklariert, für die Geflüchteten ist es gut genug. Es überrascht uns nicht, dass diejenigen, die vor Ort für die internationalen Organisationen und europäischen Agenturen arbeiten, nach wie vor Wasser in Plastikflaschen kaufen.

Wir sollen gefälligst glauben, dass für alles gesorgt ist – auch für die Sicherheit im Camp, die es laut Amnesty-Recherchen in keinem der griechischen Hotspots gibt. Frauen trauen sich nachts nicht auf die Toilette, um nicht Opfer von Vergewaltigungen zu werden.

Der Polizist, der unsere Delegation begleitet, erzählt, er habe zuvor zwei Jahre in Moria auf Lesbos gearbeitet, wo derzeit 9.000 Migranten und Flüchtlinge vor sich hinvegetieren. Dort sei es viel schlimmer. Und so verliert Chios zu seiner Erleichterung den Wettlauf der Schäbigkeiten. Ein kleiner Junge aus dem Irak klammert sich plötzlich an das in der dunkelblauen Polizeiuniform steckende Bein und sucht dort eine Sicherheit, die ihm das eigene Leben bisher versagt.

Für die im Hotspot Vial Gestrandeten dauert der menschenunwürdige Aufenthalt viele Monate, bis sie erfahren, wie es mit ihnen weitergeht. Jeder zweite ist besonders schutzbedürftig und hätte längst auf das griechische Festland gebracht werden müssen.

Mein Besuch hier ist nach drei Stunden vorbei und ich kann dem Gestank und menschlichen Elend mit einem Taxi entkommen. Einfach so.

 

Der internationale Amnesty-Generalsekretär Kumi Naidoo besuchte Anfang Oktober das Flüchtlingslager Moria auf Lesbos – lies hier den Bericht

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