Deutschland 26. Oktober 2018

Steffi

Porträtfoto von Steffi vor einem Brückenbogen, an dem eine Straßenlaterne leuchtet

Mit neun Jahren habe ich gesagt, dass ich mich einsam fühle und mich mit anderen austauschen will. Da sagten die Ärzt*innen, dass es da niemanden gebe – was ich sei, wäre so selten, dass ich gar nicht erst danach suchen brauche.

Jahre später erfuhr ich dann durch Zufall, dass zeitgleich mit mir auch eine männlich zugewiesene intersexuelle Person an der Uniklinik von meinem Arzt behandelt worden war. Denn er hatte ohne Zustimmung unzensierte Ganzkörpernacktaufnahmen von uns beiden in einem Fachbeitrag veröffentlicht. 

Erst als ich 28 Jahre alt war, hat sich mein Kindheitswunsch nach Kontakt erfüllt: Ich ging zu dem ersten Treffen der Selbsthilfegruppe und fühlte mich gleich wie zu Hause – man erzählt und das Gegenüber versteht. Die Menschen waren sofort wie Familie für mich. 

Inzwischen betreue ich seit Jahren den Erstkontakt für Betroffene, die sich an die Selbsthilfe XY-Frauen oder die Selbsthilfe Intersexuelle Menschen richten.

Meine Intention ist, Menschen zu beraten, zu stärken, sie aus ihrer Isolation herauszubringen.

Wir bekommen Anfragen von überall in Deutschland, teils aus der ganzen Welt. Wenn sie dann zum ersten Mal zu einem Treffen kommen und ich sehe, wie sie aus ihrem Schneckenhaus kommen und sich entwickeln, ist das einfach schön.

Deshalb stecke ich viel Herzblut und Energie in diese Arbeit – Energie, die ich früher brauchte, um einem bestimmten Klischee zu entsprechen, um eine Fassade aufrechtzuerhalten, der ich selbst nie entsprechen konnte.

Ich sehe mich als intersexueller Mensch, der operativ weiblich angeglichen wurde. Ich verorte mich eher als weiblich, manchmal auch als männlich – aber das kann auch von Minute zu Minute wechseln.

Auch mit 42 Jahren habe ich keine medizinische Diagnose. Zu meinen Eltern sagten die Ärzt*innen damals: "Mit drei bis vier Operationen machen wir ein Mädchen draus oder mit sieben bis acht einen Jungen."

Aus heutiger Sicht hätte ich mir gewünscht, dass sie mich einfach gelassen hätten, wie ich war. Stattdessen kam ich am fünften oder sechsten Tag nach meiner Geburt gleich für drei Wochen in die Uniklinik, war getrennt von meinen Eltern.

Im Alter von neun Monaten, zwölf Monaten und fünfeinhalb Jahren wurde ich operiert. Für mich ist das eine Menschenrechtsverletzung.

Es wurden endgültige Tatsachen geschaffen, ohne dass ich zustimmen konnte.

Und all das sind Eingriffe, die die Sensibilität einschränken und auch das gesamte Empfinden hätten zerstören können: In Eichel oder Klitoris enden 8.000 Nerven – wenn da ein Skalpell ansetzt, sind gleich ein paar Hundert durchtrennt. 

All das geschah in meiner frühen Kindheit und trotzdem kann ich mich daran erinnern und habe Traumata erlitten: Nach der Operation im Alter von fünf hatte ich wahnsinnige Schmerzen im Genitalbereich und wusste gar nicht, wieso.

Als ich elf war, erfuhr ich zufällig bei der jährlichen Routineuntersuchung von der damals durchgeführten Gonadenentfernung – die Ärzt*innen sprachen von Eierstöcken, tatsächlich waren es Hoden, die sie herausgeschnitten hatten.

Porträtfoto von Steffi mit einem Blätterzweig vor dem Gesicht

Bis heute spüre ich die gravierenden Auswirkungen – psychisch und hormonell: Die Ärzt*innen sagten zu mir: "So was wie dich will sowieso niemand als Partner*in, such dir besser ein Hobby." Mit diesem Satz im Hinterkopf überhaupt zuzulassen, sich zu verlieben, ist ein steiniger Weg.

Ganz konkret leide ich heute auch an verminderter Knochendichte, da ich über 20 Jahre hinweg gar keine Hormone genommen habe.

Dafür suche ich mir meine Ärzt*innen entsprechend aus. Und auch in meinem sozialen Umfeld ziehe ich einzelne Menschen bewusst ins Vertrauen: Sie reagieren gut, das hat Freundschaften intensiver gemacht. Das vermeintliche Stigma ist ein Trugschluss. Die Gesellschaft ist viel weiter, als wir denken: Jetzt müssen sich auch Politik und Medizin dringend verändern.

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