Pressemitteilung Aktuell Nigeria 27. Mai 2020

Militär inhaftiert und foltert Tausende Kinder im Kampf gegen Boko Haram

Zwei uniformierte Soldaten mit Gewehren sitzen auf der Ladefläche eines Jeeps.

Nigerianische Soldaten im Einsatz gegen Boko Haram

Im Nordosten Nigerias haben jahrelange Gräueltaten durch die bewaffnete Gruppe Boko Haram sowie Menschenrechtsverletzungen durch das Militär tiefe Spuren hinterlassen. Tausende Kinder werden sowohl von Boko Haram als Soldaten und "Ehefrauen" missbraucht als auch vom Militär rechtswidrig inhaftiert und gefoltert. Dies belegt ein aktueller Bericht von Amnesty International. Eine ganze Generation von Kindern muss dringend Schutz und Zugang zu Bildung erhalten.

In einem neuen Bericht macht Amnesty International auf die prekäre Lage von Kindern in den nordnigerianischen Bundesstaaten Borno und Adamawa aufmerksam. Kinder, die bereits Opfer von Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit durch die bewaffnete Gruppe Boko Haram geworden sind, erfahren durch rechtswidrige Inhaftierungen und Folter seitens des Militärs zusätzliches Leid.

Anstatt die Bevölkerung in Nordnigeria vor den abscheulichen Taten von Boko Haram zu schützen, hat das nigerianische Militär das Leid von Kindern und Familien noch vergrößert.

Franziska
Ulm-Düsterhöft
Afrika-Expertin bei Amnesty International in Deutschland

Diese Praxis wird indirekt durch internationale Geldgeber gestützt, die ein Programm zur Rehabilitation ehemaliger Boko-Haram-Kämpfer finanzieren, das jedoch in weiten Teilen zur rechtswidrigen Inhaftierung von Kindern und Erwachsenen geführt hat.

"Anstatt die Bevölkerung in Nordnigeria vor den abscheulichen Taten von Boko Haram zu schützen, hat das nigerianische Militär das Leid von Kindern und Familien noch vergrößert. In den vergangenen Jahren mussten Kinder immer wieder Folter, willkürliche Inhaftierungen, sexuelle Gewalt und Hunger erleben, ohne dass Angehörige des Militärs mit Konsequenzen zu rechnen hatten. Verantwortliche für Menschenrechtsverletzungen müssen endlich zur Rechenschaft gezogen werden, um den Teufelskreis der Gewalt zu beenden", fordert Franziska Ulm-Düsterhöft, Afrika-Expertin bei Amnesty International in Deutschland.

Tweet der nigerianischen Amnesty-Sektion:

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Für den Bericht mit dem Titel "'We dried our tears': Addressing the toll on children of Northeast Nigeria’s conflict" hat Amnesty International zwischen November 2019 und April 2020 mehr als 230 von diesem Konflikt betroffene Personen interviewt, darunter 119, die als Minderjährige Opfer von schweren Verbrechen durch Boko Haram, das nigerianische Militär oder beiden wurden. Zu ihnen gehörten 48 Kinder, die monate- oder sogar jahrelang in Militärgewahrsam gehalten worden waren, sowie 22 Erwachsene, die zusammen mit Kindern inhaftiert waren.

Brutales Vorgehen von Boko Haram

Zu den Taktiken von Boko Haram zählen Angriffe auf Schulen, die Verschleppung Tausender Kinder, die Rekrutierung und der Einsatz von Kindersoldaten sowie die Zwangsverheiratung von Mädchen und jungen Frauen. Boko Haram foltert Kinder mit Schlägen und Auspeitschungen und zwingt sie, öffentliche Bestrafungen und Hinrichtungen anzusehen.

Amnesty International hat mit Mädchen und jungen Frauen gesprochen, die als Minderjährige von Boko-Haram-Kämpfern zur Ehe gezwungen worden waren. Die meisten von ihnen gaben an, von der nigerianischen Regierung wenig bis gar keine Unterstützung bei der Rückkehr in die Schule, bei der Existenzgründung oder beim Zugang zu psychosozialer Betreuung erhalten zu haben.

Inhaftierung durch das Militär

Kinder, die aus Boko-Haram-Gebieten entkommen können, sind der Gefahr ausgesetzt, Menschenrechtsverletzungen durch nigerianische Sicherheitskräfte zum Opfer zu fallen. Schlimmstenfalls werden sie jahrelang rechtswidrig in Militärkasernen inhaftiert.

Die Kinder werden nie einer Straftat angeklagt und die Behörden verweigern ihnen den Zugang zu einem Rechtsbeistand sowie zu ihren Familien. Amnesty International befürchtet, dass diese weitverbreiteten rechtswidrigen Inhaftierungen Verbrechen gegen die Menschlichkeit darstellen könnten.

Ein Mädchen mit Hidschab sammelt gebückt Holzkohle ein. Im Hintergrund stehen Strohhütten und verschmutzte Säcke voller Kohle.

Ein Mädchen sammelt in einem Flüchtlingslager in der Stadt Maiduguri im Nordosten Nigerias Holzkohle ein (April 2019).

 

Nahezu alle Menschen, die aus von Boko Haram gehaltenen Gebieten fliehen, darunter auch Kinder, werden vom nigerianischen Militär und der mit ihm verbündeten Miliz Civilian Joint Task Force überprüft. Dieser Prozess bedeutet in vielen Fällen, dass die Betroffenen gefoltert werden, bis sie "zugeben", eine Verbindung zu Boko Haram zu haben. Mutmaßliche Mitglieder oder Unterstützer von Boko Haram werden oft monate- oder jahrelang unter unerträglichen Bedingungen in Hafteinrichtungen wie der Kaserne Giwa in Maiduguri im Bundesstaat Borno oder dem Militärstützpunkt Kainji im Bundesstaat Niger festgehalten.

Die Zellen sind so überfüllt, dass die Kinder gezwungen sind, im Sitzen zu schlafen oder mit mehr als 200 anderen Kindern und Erwachsenen eng zusammen liegen müssen. Kinder beschreiben die Zellen als brutal heiß, voller Parasiten und oft mit nur einer Toilette. Viele Kinder urinieren oder entleeren sich beim Warten auf die freie Toilette auf sich selbst. In den vergangenen Jahren hatten die Gefangenen, darunter auch Kinder, nur sehr unzureichenden Zugang zu Nahrung und Wasser bei Temperaturen von über 38 Grad Celsius.

Diese Bedingungen, unter denen Zehntausende Gefangene festgehalten werden, sind so extrem, dass sie Folter darstellen, ein Kriegsverbrechen. Immer noch befinden sich viele Kinder unter diesen Bedingungen in Haft, obwohl es Ende 2019 und Anfang 2020 Massenfreilassungen gab. Amnesty International geht davon aus, dass während des Konflikts mindestens 10.000 Personen, darunter zahlreiche Kinder, in Haft gestorben sind.

Das Rehabilitationsprogramm "Sicherer Korridor"

Amnesty International hat auch im Zusammenhang mit dem Rehabilitationsprogramm "Safe Corridor" Menschenrechtsverletzungen dokumentiert. Das Programm wird von der EU, Großbritannien, den USA und anderen Geldgebern finanziert. Dabei handelt es sich um ein vom Militär geführtes Haftzentrum im Bundesstaat Gombe, in dem mutmaßliche Boko-Haram-Kämpfer und -Unterstützer entradikalisiert, therapiert und reintegriert werden sollen.

Die Bedingungen in dieser Einrichtung sind zwar besser als in den übrigen Militärhafteinrichtungen, aber viele Männer und Jungen werden auch hier bis zu 19 Monate ohne Anklage oder Gerichtsverfahren gegen ihren Willen festgehalten.

Zudem ist die medizinische Versorgung extrem schlecht. Sieben Inhaftierte sind gestorben, die meisten, weil sie keine angemessene medizinische Versorgung erhalten hatten. Amnesty International befürchtet außerdem, dass sich das Berufsausbildungsprogramm, das Teil von "Safe Corridor" ist, als Zwangsarbeit herausstellen könnte, weil die meisten Insassen nie wegen einer Straftat verurteilt wurden und ohne jegliche Bezahlung alles Mögliche herstellen müssen - von Schuhen über Seife bis zu Möbeln.

"Im Zuge des Konflikts mit Boko Haram im Nordosten von Nigeria wurden über zwei Millionen Menschen vertrieben. 75 Prozent der Kinder gehen nicht zur Schule. Die nigerianische Regierung muss endlich handeln, sonst droht eine verlorene Generation. Die Kinder müssen umgehend aus den Militärhafteinrichtungen entlassen werden und psychologische Unterstützung erhalten. Statt Haftanstalten für Kinder ohne rechtliche Grundlage zu finanzieren, sollten die EU und andere Geldgeber den Kindern den Weg in die Schulen ebnen, um ihnen eine Zukunftsperspektive zu geben", sagt Ulm-Düsterhöft.

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