Mexiko / Interview mit der Aktivistin Consuelo Morales Elizondo
Die mexikanische Menschenrechtsaktivistin Consuelo Morales Elizondo gründete 1993 die Organisation CADHAC
© Deutsche Botschaft Mexiko-Stadt
10. Juni 2015 - Consuelo Morales Elizondo ist Gründerin und Direktorin der mexikanischen Menschenrechtsorganisation "Ciudadanos en Apoyo a los Derechos Humanos" (Bürger für die Menschenrechte) und Trägerin des Deutsch-Französischen Menschenrechtspreises Gilberto Bosques. Im Interview redet sie über das Verschwindenlassen in Mexiko, ihre Arbeit im Bundesstaat Nuevo León und die Verantwortung der staatlichen Institutionen.
1993 haben Sie in Nuevo León die Organisation CADHAC gegründet. Monterrey, die Hauptstadt Nuevo Leóns, ist einer der wichtigsten Industriestandorte Lateinamerikas und galt bis vor einigen Jahren als eine der Städte mit der höchsten Lebensqualität in Lateinamerika. Wie ist die Situation heute?
Um die organisierte Kriminalität zu bekämpfen, schickte Präsident Felipe Calderón 2010 das Militär nach Monterrey. Damit begann eine sehr schwierige Zeit für uns. Der Staat entschied "aufzuräumen" und nahm dabei alle verdächtigen Jugendlichen mit, insbesondere jene aus armen Verhältnissen, oder solche mit Ohrringen oder Tattoos. Sie wurden festgenommen und gefoltert, die meisten starben dabei. Das Militär, die Polizei und die organisierte Kriminalität ließen Menschen verschwinden, und die Gesellschaft war zwischen den Konfliktparteien gefangen. In Lateinamerika wird das Verschwindenlassen benutzt, um die Gesellschaft zu paralysieren. Sie haben es geschafft, nicht nur die Bürger, sondern auch die Behörden einzuschüchtern.
CADHAC unterstützt die Familien der Verschwundenen in ihrer Suche. Wie gehen Sie dabei vor?
Unser Ziel ist es, die Familien in ihrer Suche nach ihren vermissten Familienmitgliedern und der Suche nach den Verantwortlichen zu begleiten. Dabei stehen wir ihnen mit psychosozialer und juristischer Unterstützung zur Seite. Im ersten Moment sind es oft die Familienmitglieder, die aus Verzweiflung anfangen, die Verschwundenen zu suchen. Die Zuständigkeit liegt jedoch bei den Behörden. Genauso wie die Expertise. Und falls sie die nicht haben, dann müssen sie sich weiterbilden!
In welchem Kontakt stehen Sie zu den Behörden?
2011 kam der Poet Javier Sicilia, dessen Sohn entführt und ermordet wurde, mit der "Caravana del Consuelo" (Karawane des Trostes) nach Monterrey. Nachdem er die Berichte von sechs Müttern gehört hatte, sagte er: "Wir müssen mit dem Generalstaatsanwalt sprechen." Und dieser empfing uns. Als der Generalstaatsanwalt die Geschichten der Mütter hörte, versprach er, diesen nachzugehen. Ich glaubte ihm nicht und fragte: "Bis wann?" - "Nächsten Monat", versprach er. Doch nach einem Monat gab es keinen Fortschritt und wir wurden wieder auf den nächsten Monat vertröstet. Die große Überraschung kam, als es im Monat darauf tatsächlich Fortschritte in der Bearbeitung der Akten gab. Daraufhin fingen die Familien an, den Behörden mehr Informationen zu geben und es begann eine Kooperation zwischen den Behörden, den Familien und uns. Natürlich war das nicht einfach, beide Seiten hatten große Vorurteile. Doch der Kontakt zwischen den Behörden und den Familien hat einen wichtigen Wandel bewirkt. Vorher haben sie nur Akten überprüft, als sie aber die Familien selbst kennengelernt haben, fingen sie an, die Suche nach den Verschwundenen ernst zu nehmen.
Seitdem treffen wir von CADHAC uns alle zwei Monate mit den Behörden und den Familien, um jeden Fall einzeln durchzugehen. So haben wir einige Personen wiederfinden können.
Was waren die größten Erfolge in der Arbeit von CADHAC?
Mit den Familien zusammen haben wir es geschafft, dass das Verschwindenlassen 2012 in Nuevo León als Straftatbestand aufgenommen wurde. Außerdem haben wir eine Anleitung erstellt, wie eine unmittelbare Suche abläuft. Seit letztem Jahr gibt es hierzu eine Sondereinheit. Diese Sondereinheit arbeitet an 365 Tagen im Jahr, 24 Stunden am Tag. Wenn eine Person als vermisst gemeldet wird, sind die ersten 72 Stunden entscheidend. Danach sinken die Chancen, die Person lebend zu finden. Früher wurden Vermisstenmeldungen gerade am Anfang nicht ernst genommen. Das hat sich geändert, und jetzt ist die Anzahl der Personen, die gefunden werden, sehr hoch. Im ersten Jahr wurden 1339 von 1515 vermissten Personen gefunden, das sind 88 Prozent. Außerdem befinden sich in Nuevo León momentan 72 Personen in Haft, denen Verschwindenlassen vorgeworfen wird. Zwölf Polizisten wurden bereits verurteilt. Natürlich sind wir nicht immer erfolgreich, aber wir sind auf einem guten Weg.
Außerdem sehen wir, wie die Familienangehörigen der Verschwundenen immer mehr ihre Rechte wahrnehmen und trotz ihrer schmerzvollen Situation immer stärker werden.
Ließen sich die Erfolge von Nuevo León auch in anderen Bundesstaaten wiederholen?
Ich denke, unser Modell lässt sich auch in anderen Staaten anwenden, vorausgesetzt, es gibt den notwendigen politischen Willen von Seiten des Gouverneurs und des Staatsanwalts. Außerdem braucht es ein Mindestmaß an Kapazitäten, um die Mitarbeiter auszubilden. Das bedeutet, dass ein armer Staat wie Guerrero finanzielle Unterstützung von der Bundesebene braucht. Der Generalstaatsanwalt vom Nachbarstaat Tamaulipas hat uns bereits angefragt, als er von unserer Sondereinheit gehört hat. Momentan sind wir dabei, 22 Fälle in Tamaulipas zu überprüfen. Es ist wichtig, dass die Familien, trotz ihres berechtigten Misstrauens, auf den Rechtsstaat setzen. Denn nur so können wir Wahrheit und Gerechtigkeit erlangen.
Dieses Jahr haben Sie den Deutsch-Französischen Menschenrechtspreis Gilberto Bosques erhalten. Was bedeutet der Preis für Sie?
Mir scheint, dass unsere Arbeit damit anerkannt wird. Aber nicht nur meine Arbeit, oder die von CADHAC, sondern in erster Linie die der Familien, die noch immer ihre Angehörigen suchen. Wir begleiten sie dabei. Außerdem gibt es ernsthafte Bemühungen von Seiten der Behörden in Nuevo León. Wir von CADHAC sind das Getriebe zwischen den Familien und den Behörden. Der Preis bedeutet, dass es Regierungen und Menschen gibt, die diese Anstrengungen wahrnehmen.
Welche Unterstützung kann Deutschland leisten?
Mit mehr als 1700 in Mexiko angesiedelten deutschen Firmen hat Deutschlands Stimme viel Gewicht in Mexiko und wird von der Politik gehört. Deutschland kann helfen, Druck auf die Politik auszuüben. Denn was wir brauchen, ist politischer Wille, der sich auch in Taten zeigt und zu Gerechtigkeit führt. Die Verantwortlichen müssen vor Gericht gestellt und verurteilt werden, auch die aus höheren Rängen.
Das Interview führte Leona Binz.