Aktuell 03. November 2015

Ölpest in Nigeria: Falsche Behauptungen von Shell

Ölpest in Nigeria: Falsche Behauptungen von Shell

Durch Erdöl verschmutztes Land im Niger-Delta in Nigeria

3. November 2015 - Ein Bericht widerlegt die Behauptung von Shell, der Ölkonzern habe schwere Ölverschmutzungen im Nigerdelta beseitigt.

Der Bericht "Clean it up: Shell's false claims about oil spills in the Niger Delta" dokumentiert anhaltende Verunreinigungen an vier Orten, die durch Öllecks verseucht wurden und laut Angaben des Konzerns bereits vor Jahren saniert worden sein sollen.

Amnesty International hat den Bericht gemeinsam mit dem nigerianischen Zentrum für Umweltschutz, Menschenrechte und Entwicklung (Centre for Environment, Human Rights and Development – CEHRD) veröffentlicht. Mit der Veröffentlichung soll dem Umweltaktivisten und Schriftsteller Ken Saro-Wiwa gedacht werden, der vor 20 Jahren – am 10. November 1995 – hingerichtet wurde. Er hatte sich unermüdlich für die Rechte der Bevölkerung im Nigerdelta eingesetzt und die durch die Ölindustrie entstandenen Schäden angeprangert.

"Shell hat die durch seine Pipelines und Bohrlöcher entstandene Verschmutzung nicht angemessen beseitigt und dadurch Tausende Frauen, Männer und Kinder jahre- oder gar jahrzehntelang verunreinigtem Land, schmutzigem Wasser und verschmutzter Luft ausgesetzt", so Mark Dummett, Experte für Wirtschaft und Menschenrechte bei Amnesty International. "Ölkatastrophen haben verheerende Auswirkungen auf die Felder, Wälder und Fischgründe, auf die die Menschen im Nigerdelta für Nahrung und die Bestreitung ihres Lebensunterhalts angewiesen sind. Man muss sich die betroffenen Orte nur ansehen und die Luft dort einatmen, um zu begreifen, wie allgegenwärtig die Schäden sind."

In dem Bericht wird auch auf das Versagen der nigerianischen Regierung eingegangen, die Ölindustrie angemessen zu regulieren. Die zuständige Aufsichtsbehörde NOSDRA (National Oil Spill Detection and Response Agency) verfügt nicht über ausreichende Mittel und stuft weiterhin Gebiete als "sauber" ein, die ganz offensichtlich mit Erdöl verseucht sind.

"Menschen in Nigeria und auf der ganzen Welt gedenken an diesem Jahrestag Ken Saro-Wiwa und acht weiteren Angehörigen der Ogoni, die 1995 hingerichtet wurden. Vor diesem Hintergrund können Shell und die nigerianische Regierung nicht länger ignorieren, was die Ölindustrie im Nigerdelta anrichtet. Für viele Menschen in der Region hat das Öl nichts als Elend gebracht", so Stevyn Obodoekwe, Programmdirektor bei CEHRD. "Die Lebensqualität der Menschen, die hier seit Jahrzehnten inmitten von Öldämpfen, ölverklebter Erde und ölverseuchten Flüssen leben müssen, ist entsetzlich schlecht."

Untersuchung zeigt Verunreinigungen auf, die laut Shell bereits beseitigt wurden

Das Nigerdelta ist die wichtigste Ölförderregion in Afrika. Der größte dort aktive internationale Ölkonzern ist Shell. Shell gehören etwa 50 Ölfelder und 5.000 Kilometer an Pipelines. Ein Großteil dieser Infrastruktur ist alt und in schlechtem Zustand. Der Ölriese räumt laut eigenen Zahlen 1.693 Ölkatastrophen seit 2007 ein, doch die wahre Zahl ist vermutlich weitaus höher.

Im Jahr 2011 deckte das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) in einer Studie schwerwiegende Umweltverschmutzungen in Ogoniland auf, verursacht durch Öl aus Shell-Pipelines. Die UNEP-Studie machte deutlich, dass die Schäden für Umwelt und Bevölkerung durch die unzulänglichen Säuberungsmaßnahmen seitens des Ölkonzerns noch verschärft wurden. Daraufhin sicherte Shell zu, die von UNEP benannten Gebiete zu sanieren und künftigen Öllecks wirkungsvoller zu begegnen.

Allerdings haben Amnesty International und CEHRD an vier dieser 2011 als schwer verseucht eingestuften Orte Felduntersuchungen durchgeführt und dabei herausgefunden, dass diese Gebiete auch im Jahr 2015 noch erkennbar verunreinigt sind – trotz der Zusicherung von Shell, sie gesäubert zu haben. Die aktuellen Verunreinigungen sind nachweislich nicht auf neue Öllecks, sondern auf die unzureichende Sanierung nach vergangenen Ölkatastrophen zurückzuführen.

Einer dieser Orte ist das Bohrloch Nr. 11 des Bomu-Ölfeldes. Dort wurden 45 Jahre nach einem Ölleck schwarz gefärbte Erde sowie Ölschichten auf dem Wasser gefunden, obwohl Shell versichert, das Gebiet zweimal (1975 und 2012) gesäubert zu haben. Anderswo wurde im Rahmen der Untersuchungen verunreinigte Erde und verschmutztes Wasser in der Nähe von Wohnsiedlungen und landwirtschaftlichen Flächen gefunden, obwohl die nigerianische Aufsichtsbehörde diese Gebiete als "gesäubert" eingestuft hatte.

Aus der Untersuchung geht hervor, dass Shell grundlegende Probleme bei seinem Ansatz zur Sanierung von ölverseuchten Gebieten in Nigeria nicht gelöst hat, wie zum Beispiel die Schulung und Überwachung von lokalen Dienstleistern, die die Arbeiten vor Ort ausführen.

Ein solcher von Shell beauftragter Dienstleister sprach mit Amnesty International über die halbherzigen und oberflächlichen Säuberungsaktionen, mit denen langfristige Umweltschäden nicht verhindert oder beseitigt werden: "Hier geht es nur um Vertuschung. Man muss nur wenige Meter tief graben, und schon findet man Öl. Wir haben einfach Erde ausgehoben, sie woanders verschwinden lassen, und dann alles wieder zugeschüttet."

Die Gemeinden leiden am meisten unter der Ölverschmutzung

Die im Nigerdelta lebenden Gemeinden sprachen mit Amnesty International und CEHRD darüber, wie die bleibenden Verschmutzungen nach Öllecks den Boden und die Flüsse, auf die zwei Drittel der Bevölkerung für Nahrung und die Bestreitung ihres Lebensunterhalts angewiesen sind, verseucht haben.

Emadee Roberts Kpai ist über 80 Jahre alt und war bis zu einem schweren Ölleck am Sammelrohr des Bomu-Ölfelds im Jahr 2009 in der Landwirtschaft und Fischerei tätig: "Unsere Bäche gibt es nicht mehr. Die Fischerei gibt nichts mehr her. Die Farm, auf der ich gearbeitet habe, hat wegen der Shell-Ölkatastrophen den Betrieb eingestellt. Nutzpflanzen bringen keinen Ertrag mehr. Es gibt keine Fische mehr im Wasser. Wir pflanzen Feldfrüchte und sie wachsen zwar, aber die Erträge sind nicht gut. Als Shell hierher kam, versprachen sie uns, dass sich hier alles zum Besseren wenden würde und wir alle glücklich würden, wenn sie Öl finden... Stattdessen stehen wir nun mit leeren Händen da."

Kritik prallt an Shell ab

Shell sagte gegenüber Amnesty International, dass der Konzern die Untersuchungsergebnisse nicht anerkenne, ohne dafür nähere Gründe zu nennen. Das Unternehmen verwies auf seine Internetseite, wo jedoch nur spärliche Informationen zum Thema Ölsanierung zu finden sind. Außerdem wiederholte Shell seinen oft angeführten Standpunkt, dass die meisten Öllecks und einhergehenden Verunreinigungen nicht auf mangelhafte Wartung, sondern auf illegale Aktivitäten zurückzuführen sind, zum Beispiel auf Öldiebstahl an den Rohren.

Amnesty International und CEHRD haben bereits in der Vergangenheit Berichte veröffentlicht, in denen falsche Angaben von Shell über illegale Aktivitäten und die Menge an ausgetretenem Öl aus korrodierten Rohren aufgedeckt wurden. Nach der nigerianischen Gesetzgebung ist das Unternehmen, dem die Ölpipelines gehören, im Falle eines Lecks für die Ölsanierung zuständig – ganz egal, was zu dem Austreten des Öls geführt hat.

Amnesty International fordert Shell auf, bezüglich seiner Ölsanierungsaktivitäten mehr Transparenz an den Tag zu legen. Die Organisation ist zudem der Ansicht, dass die nigerianische Regierung dafür sorgen muss, dass die zuständige Aufsichtsbehörde NOSDRA besser aufgestellt ist.

"Shell sagt, dass die Öllecks auf Diebstahl zurückzuführen sind. Doch selbst wenn diese Behauptung stimmen sollte, entschuldigt das nicht das anhaltende Versagen des Konzerns, die Ölverschmutzungen zu beseitigen. Diese Schuldzuweisungen von Shell können nicht länger von seinen gebrochenen Versprechungen und seiner maroden Infrastruktur ablenken", so Mark Dummett. "Solange Ölkonzerne ihren Verpflichtungen nicht nachkommen, wird das Nigerdelta als abschreckendes Beispiel dafür dienen, wie Unternehmen der örtlichen Bevölkerung Wohlstand versprechen und stattdessen nur verbrannte Erde zurücklassen."

Hintergrund: Shell im Visier der "Clean it up"-Kampagne

Der Bericht wurde im Rahmen der Kampagne "Clean It Up" von Amnesty International verfasst. Die Organisation fordert Shell auf, die verheerenden Auswirkungen der Ölkatastrophe im Nigerdelta endlich gründlich zu beseitigen. Im Rahmen der Kampagne werden im Vorfeld des 20. Jahrestags der Hinrichtung von Ken Saro-Wiwa Mahnwachen vor Shell-Tankstellen abgehalten. Ken Saro-Wiwa wurde am 10. November 1995 nach einem unfairen Verfahren in Nigeria exekutiert.

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Als Teil der Kampagne hat Amnesty zudem ein Parodie-Video basierend auf der "Make the Future"-Videoserie veröffentlicht, mit der Shell Technik-Studentinnen und -Studenten für sich gewinnen möchte.

Hier können Sie den vollständigen englischsprachigen Bericht "Clean it up: Shell's false claims about oil spills in the Niger Delta" herunterladen

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