Insel der Hoffnung
Selbstorgansiert und rebellisch: Partizan Minsk ist alles andere als ein normaler Fußballverein. Vor allem aber würde man ihn nicht in der belarussischen Hauptstadt vermuten.
Von Jens Uthoff
Alexander Grigorjewitsch Lukaschenko guckt und spielt lieber Eishockey – Fußball mag er nicht so gern. Der belarussische Präsident, der am 10. Juli dieses Jahres 20 Jahre lang Staatsoberhaupt sein wird, protegiert den Sport Nummer eins in seinem Reich: Im Mai 2014 wird in Weißrussland die Eishockey-Weltmeisterschaft ausgetragen. Russland, der Iran und China springen dafür finanziell in die Bresche.
Das Land ist regelmäßig im Zusammenhang mit Willkürherrschaft, Unterdrückung der Opposition, Zensur und Todesstrafe in den Schlagzeilen. Über den Fußball in Belarus, Sportart Nummer zwei hinter dem Eishockey, ist hingegen wenig bekannt.
Der Ligafußball ist aufgrund der Dominanz des Abonnement-Meisters BATE Baryssau offensichtlich langweilig. Über Dinamo Minsk, den bekanntesten Club, ist hin und wieder zu hören, dass Vereinspräsident Yury Chyzh mit Präsident Lukaschenko kollaboriert.
Auch von Nazi-Bannern in der Fankurve des Clubs ist die Rede.
Die Geschichte eines anderen Minsker Vereins macht dagegen Hoffnung. Denn einen selbstorganisierten, von den eigenen Fans betriebenen Verein, der sich – als erster im Land – offensiv antifaschistisch, rebellisch und anarchistisch gibt, den vermutet man am allerwenigsten in der belarussischen Hauptstadt.
FC Partizan Minsk heißt dieser Club. Die Ultras und Fans des Vereins, der derzeit in der Druhaja Liha, der dritten belarussischen Liga kickt, bilden seit 2012 auch den Vorstand und die Geschäftsführung. Einen Namen in der europäischen Fanszene hat sich Partizan gemacht, als die Minsker im März 2013 auf einer Deutschland-Tour unter anderem befreundete Clubs in St. Pauli, Babelsberg und von Tennis Borussia Berlin besuchten. Das Motto damals: "Another football is possible". Im Logo zur Tour war ein nostalgisch anmutender Lederball zu sehen, der ein Hakenkreuz zerschlägt.
In Belarus ist das Fan-Dasein eine politische Angelegenheit. Partizan ist ein Verein mit einer eindeutig linken Ultra-Szene. "Wir werden oft von Nazis aus den gegnerischen Fanlagern angegriffen. Wir halten dagegen, mit allen Mitteln", berichteten Katsiaryna und Oleg bei ihrem Besuch in Deutschland. Die beiden sind Mitte zwanzig und in die Organisation des Clubs eingebunden. Andere Anhänger erzählten, wie sehr sich in Belarus das Fansein auf Rechtsextreme gegen "Antifa" reduzieren lasse. Das als rechts geltende Fanlager von Dinamo Minsk bekam mit Partizan einen Widerpart: "Unsere Ultras und Hooligans halten zusammen, wenn sie sich gegen die Rechten wehren", so Katsiaryna.
Partizan ist der erste selbstorganisierte Verein in Belarus. Er erscheint fast wie eine demokratische Insel in dem autokratisch regierten Land. Als der litauische Geschäftsmann Vladimir Romanov sein Engagement für den Verein Anfang 2012 einstellte, ergriffen Katsiaryna, Oleg und weitere Mitstreiter die Chance, den Verein künftig selbst zu führen. Die großen Erfolge – darunter zwei Pokalsiege – feierte der Verein allerdings noch unter der Ägide Romanovs, der beste Kontakte zu Lukaschenko unterhielt.
Das ist jetzt vorbei. Der 2002 gegründete Club, der zunächst MTZ Ripo Minsk hieß, hat sich in den vergangenen zwei Jahren umstrukturiert. Die Fans nehmen die unterklassige Liga und bescheidene finanzielle Mittel in Kauf, um einen Fußballverein nach ihren Vorstellungen zu ermöglichen. Fundraising unter europäischen Fans brachte Geld in die Klubkasse. Zuvor gab es in Osteuropa mit dem ukrainischen Club ZSKA Kiew erst einen Versuch, einen Fußballverein in die Hand der Fans zu geben.
Die Entwicklung hin zu einer Fanszene, die antirassistische – und antisexistische – Ideale verfolgt, setzte bei Partizan aber weit vor der Übernahme ein: "Wir fingen schon vor Jahren an, zu MTZ-Spielen zu gehen. Wir wollten den Club attraktiv machen für ein linkes Publikum", erzählte Katsiaryna bei seinem Besuch. Das Vorbild kommt aus Deutschland und heißt St. Pauli. Ähnlich wie in Hamburg Mitte der achtziger Jahre okkupierte man einen Club, um der Rechtslastigkeit der Fußballfanszene etwas entgegenzusetzen. Für andere Vereine in Belarus hatte Partizan Vorbildfunktion – inzwischen gibt es auch dort weitaus mehr linke Fangruppen.
Die Club-Aktivitäten sind für Katsiaryna und Oleg eine wichtige Nische im Alltag, doch müssen sie aufpassen, dass sie nichts Falsches über die Regierung sagen. So gaben sie bei ihrem Besuch in Deutschland manchmal auch keine Antwort, wenn man sie nach der belarussischen Opposition fragte oder nach Einschüchterungsversuchen. Dass Anarchisten, und davon gibt es unter den Partizan-Fans einige, ohnehin immer mit einem Bein im Gefängnis stehen, darf man vermuten. Auch Ihar Alinevich, ein militanter Gegner der Lukaschenko-Regierung, ist Partizan-Anhänger. Er verbüßt wie so viele andere Oppositionelle eine lange Haftstrafe.
Mit Restriktionen kennen sich natürlich auch die Fußballfans aus. Die Überwachung durch Miliz und Sicherheitsorgane ist allgegenwärtig. In den Stadien sind englischsprachige Banner verboten – weil die Polizisten die Slogans nicht verstehen könnten. Gruppen wie die "Rebel Ultras" von Partizan müssen in ihrem Auftreten nach außen sehr vorsichtig sein. Genaueres ist über sie nicht zu erfahren.
Die Fankurven von Partizan sind kein Paradies, auch hier gibt es Sexismus, Homophobie und dumme Sprüche. "Wir achten aber schon darauf, dass es in unseren Reihen keine homophoben Äußerungen gibt", berichtete Katsiaryna. Auch in Sachen Antisexismus hat sich einiges getan in der Partizan-Kurve: Während eine Gruppe wie Girls Stand United (GSU) in den Anfangsjahren noch als exotisch galt, beteiligten sich an der Reise nach Deutschland erstaunlich viele Frauen – sie stellten etwa ein Drittel und wirkten bestens integriert.
Die meisten Partizan-Fans, so auch Katsiaryna, kicken selbst nebenbei in der "Belarus D.I.Y. Football League", die Ähnlichkeit hat mit einer bunten oder wilden Liga in Deutschland. Sowohl Männer- als auch Frauenteams kicken dort zum Spaß, alles findet selbstorganisiert statt – ein Paralleluniversum zur offiziellen Sphäre des Sports. Katsiaryna erzählte begeistert von der Liga, in der 40 Teams aus dem ganzen Land mitkicken, die sich an den unmöglichsten Orten zu Spielen treffen.
Auch dies eine kleine Geschichte aus dem Reich Lukaschenkos, die Hoffnung macht. Genau wie die Minsker Fans, die der Diskriminierung und der Verfolgung die Stirn bieten.