Aktuell Russische Föderation 06. Februar 2014

Interview mit Fechterin Imke Duplitzer: "Sport und Politik sind nicht mehr voneinander zu trennen"

Olympische Winterspiele in Sotschi
Unterstützt Amnesty International: Degenfechterin Imke Duplitzer

Unterstützt Amnesty International: Degenfechterin Imke Duplitzer

07. Februar 2014 - Die deutsche Degenfechterin und vierfache Olympia-Teilnehmerin Imke Duplitzer setzt sich bereits seit vielen Jahren für die Menschenrechte ein. In der vergangenen Woche unterstütze sie Amnesty International in Berlin bei einer Protestaktion gegen die Einschränkung der Vereinigungs-, Versammlungs- und Meinungsfreiheit in Russland. Im Interview spricht die 38-jährige Sportlerin über die Lage der Menschenrechte in Russland vor der Eröffnung der Olympischen Spiele, die Beziehung von Sport und Politik und ihr Engagement für Amnesty International.

Frau Duplitzer, an der Amnesty-Aktion vor dem Brandenburger Tor nahm auch die russische Menschenrechtsaktivistin Lilija Schibanowa teil, deren Organisation „Golos“ von den Behörden schikaniert wird. Welchen Eindruck hat das Treffen mit ihr bei Ihnen hinterlassen?
Ich habe absolute Hochachtung und Respekt vor Menschen wie Frau Schibanowa, die so mutig für die Menschenrechte eintreten. Das habe ich ihr auch gesagt. In Deutschland genieße ich Rechtssicherheit und kann meinen Mund aufmachen und Kritik üben, und habe keine keinerlei Repressalien zu befürchten. Mein einziges Problem könnte sein, dass mich der Dachverband nicht mehr aufstellt. Das wär’s auch schon. Doch Aktivistinnen und Aktivisten wie Frau Schibanowa müssen damit rechnen, nicht mehr arbeiten zu können oder notfalls sogar eingesperrt zu werden, und das vielleicht für mehrere Jahre. Ich finde es faszinierend und bewundernswert, dass sie bereit ist, ein solches Risiko auf sich zu nehmen, und dass sie sich nicht unterkriegen lässt. Umso wichtiger ist es deshalb, dass Organisationen wie Amnesty die Situation auch nach den Spielen weiterhin aufmerksam beobachten werden, wenn die „Medienmeute“ schon wieder weitergezogen ist.

Wie bewerten Sie die Menschenrechtslage in Russland, wo heute in Sotschi die Olympischen Winterspiele beginnen?
Die russische Regierung instrumentalisiert den Sport für ihre Interessen. Denn wenn man einen Scheinwerfer auf etwas richtet, dann sieht man nicht mehr, was in den dunklen Schattenbereichen um den Lichtkegel herum passiert. Die Regierung propagiert, dass es die „besten und friedlichsten Winterspiele“ aller Zeiten werden. Doch hinter den Kulissen sieht es anders aus. Die Opposition wird mit immer neuen restriktiven Gesetzen bedroht und eingeschüchtert, viele Nichtregierungsorganisationen können ihrer Arbeit nicht mehr nachgehen. Dabei ist die Idee hinter den Olympischen Spielen mit Werten wie Frieden und Völkerverständigung so eine tolle Sache. Doch das Internationale Olympische Komitee (IOC) scheint es nicht zu interessieren und macht keinen Druck auf die Regierung und die Behörden. Wo kein Wille ist, ist auch immer ein Weg, sich herauszureden. Und da ist das IOC immer vorne dabei. Wenn man die Spiele 2007 nach Russland vergibt, also nach der zweiten Amtszeit von Präsident Wladimir Putin, und dann sagt, die Situation heute sei nicht absehbar gewesen, dann muss man schon sehr blauäugig sein.

Das IOC betont immer wieder, dass Sport und Politik nichts miteinander zu tun hätten...
Sport und Politik sind in der heutigen Zeit nicht mehr voneinander zu trennen. Die Olympischen Spiele sind die drittteuerste Marke der Welt nach Apple und Google. Wenn man so ein großer wirtschaftlicher Faktor ist, ist man automatisch auch ein politischer Faktor. Doch Sport-Funktionäre verstecken sich immer gerne hinter der Autonomie des Sports. Wenn es gut läuft, heißt es: „Wir haben zur Völkerverständigung beigetragen“ und alles ist Friede, Freude, Eierkuchen. Und wenn es schlecht läuft, dann heißt es: „Wir sind ja keine Weltregierung und sollten uns nicht immer einmischen“. Das ist doch alles sehr doppeldeutig. Und natürlich hat auch das IOC politische Ambitionen. Warum sollte sich sonst IOC-Präsident Thomas Bach darüber aufregen, dass Politiker wie Gauck oder Cameron nicht zur Eröffnungsfeier kommen wollen? Wäre Sport wirklich nur Sport, könnte ihm das doch egal sein.

Was müsste sich Ihrer Meinung nach ändern?
Ich kann gut verstehen, wenn sich nicht jeder Sportler und jede Sportlerin zu Menschenrechtsverletzungen äußert. Da braucht man schon ein dickes Fell, vor allem, wenn während der Spiele dann eventuell die Leistungen nicht stimmen. Da gibt es dann oft hämische Kommentare. Doch es ist die Aufgabe des IOC, auf Missstände hinzuweisen und menschenrechtliche Standards einzufordern. Das IOC ist natürlich nicht für alles verantwortlich, aber er ist mächtig. Er könnte die Regierung ermahnen: „Mit eurem Vorgehen beschädigt ihr nicht nur euch selbst, sondern auch uns und die Olympische Idee“. Auch die Sponsoren müssten stärker in die Pflicht genommen werden, die die tollen Bilder und eine positive Berichterstattung wollen. Diese Diskussion wird uns noch sicherlich über viele Jahre begleiten, wenn ich einen Blick darauf werfe, wo die nächsten Spiele und FIFA-Weltmeisterschaften stattfinden werden: 2014 und 2016 in Brasilien, wo diese Großereignisse zu mehr Korruption und Einschnitten in den Sozialsystemen geführt haben, dann die Weltmeisterschaften 2018 in Russland und 2022 in Katar. Der Sport kommt aus dem Morast doch gar nicht mehr heraus. Es geht um die Erschließung von neuen Märkten, aber von der eigentlichen Idee ist nur noch wenig übrig.

Als Sie 2008 an den Olympischen Spielen in Peking teilgenommen haben, haben Sie auch damals schon die Menschenrechtslage im Austragungsland offen kritisiert. Wie haben die chinesischen Behörden darauf reagiert?
Bei den Spielen selbst hatte ich keine Probleme. Aber als ich ein Jahr später wegen eines Turniers erneut einreiste, hätte ich beinahe kein Visum bekommen. In China wurde ich dann jeden Tag von zwei Männern beschattet. Irgendwann wurde es mir zu bunt und ich fragte sie in einem Restaurant, ob sie mir beim Bestellen behilflich sein könnten. Sie fühlten sich ertappt und sagten kein Wort. Ich habe ihnen trotzdem ein Bier spendiert. Am nächsten Tag wurden sie ausgetauscht und ich hatte neue „Schatten“. Als ich das nächste Mal einreisen wollte, hat sich die Visumsvergabe so lange hingezogen, dass ich die Reise abgesagt habe.

Sie tragen seit vielen Jahren bei Wettkämpfen das Amnesty-Logo auf dem Ärmel...
Ich möchte damit ein Zeichen setzen für diejenigen, die sich unter oft schwierigen Bedingungen für die Menschenrechte und für politische Vielfalt einsetzen. Fechten ist natürlich nicht die Medien-Sportart Nummer eins. Aber es wird wahrgenommen, wenn ich beispielsweise bei einem Turnier in Katar auf der Bahn stehe mit dem Amnesty-Logo. Mir ist es schon häufiger passiert, dass im Ausland nach den Wettkämpfen Menschen auf mich zu kamen und sagten: „Amnesty? Finde ich gut!“ Es soll auch ein Zeichen sein, dass der Sport sehr wohl Verantwortung zeigen kann. Denn gerade der Sport bietet so viele Möglichkeiten, Werte wie Menschenrechte und Völkerverständigung zu transportieren – wenn er denn nur möchte.

Interview: Daniel Kreuz

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