Aktuell Syrien 28. Juni 2012

Syrien: Mediziner in Aleppo gefoltert und getötet

Schilder mit dem Porträt von Bashar al-Assad im Zentrum von Aleppo, Syrien

Schilder mit dem Porträt von Bashar al-Assad im Zentrum von Aleppo, Syrien

26. Juni 2012 - Der Fund der verbrannten und verstümmelten Leichen von drei jungen syrischen Medizinern, eine Woche nach deren Inhaftierung in Aleppo, ist ein weiterer Beweis für die erschreckende Missachtung der Unantastbarkeit medizinischer Helfer durch syrische Sicherheitskräfte.

Alle drei Männer waren Studenten an der Universität in Aleppo. Basel Aslan und Mus’ab Barad studierten in ihrem vierten Jahr Medizin während Hazem Batikh, ein ausgebildeter Erste-Hilfe Sanitäter, im zweiten Jahr englische Literatur studiert hat.

Die drei jungen Männer waren Teil eines Teams von Ärzten, Krankenschwestern und Sanitätern, welches verletzte Demonstranten in provisorischen Feldlazaretten medizinisch behandelt. Demonstrierende, die während der Proteste von den Sicherheitskräften verletzt und angeschossen werden, können Schussverletzungen wegen der Gefahr der Inhaftierung, Folter oder Tötung nicht in staatlichen Krankenhäusern behandeln lassen.

Am 17. Juni wurden die drei Studenten inhaftiert. Seitdem wurden sie vom Geheimdienst der Luftwaffe festgehalten. Die verbrannten Leichname der drei medizinischen Helfer wurden am frühen Morgen des 24. Juni in einem ausgebrannten Auto in Neirab, ein Gebiet an Aleppos nordöstlichen Stadtgrenzen, gefunden.

Mediziner, die Körper der drei jungen Männer im Leichenschauhaus gesehen haben, schilderten Amnesty International, dass Basel Aslan eine Schusswunde am Kopf aufwies, und dass seine Hände hinter seinem Rücken gefesselt waren. Ein Arm sowie ein Bein des Opfers seien gebrochen gewesen, ihm fehlten mehrere Zähne und eine offene Fleischwunde am Bein legte seine Knochen frei. Außerdem fehlten ihm mehrere Fingernägel. Auch an den Körpern der beiden anderen Männer, die stärkere Verbrennungen aufwiesen, waren weitere Wunden sichtbar. Amnesty International hat Fotografien der Leichname gesehen, die diese Beschreibungen untermauern.

Die Personal- und Studentenausweise wurden unversehrt neben den drei Männern gefunden, was dafür spricht, dass sie erst nachdem die Leichname verbrannt worden waren, dort abgelegt wurden. Ein weiterer verbrannter Leichnam, der mit den Studenten gefunden wurde, muss noch identifiziert werden.

Kurz nachdem die drei Studenten inhaftiert worden waren, hat ein Elternteil das Mobiltelefon des Sohnes angerufen und eine nicht identifizierte Person soll Berichten zufolge geantwortet haben: "Sie wissen nicht wie Sie Ihren Sohn erziehen müssen. Wir werden ihm beibringen, wie man sich zu benehmen hat."

Während ihrer Inhaftierung durch den Luftwaffen-Geheimdienst hatten Freunde der drei Studenten verzweifelt versucht ihre Freilassung zu erwirken. Hochrangige Offiziere des Luftwaffen-Geheimdienstes – die angeblich offenbar zuvor Gefangene gegen Bestechungen wieder freigelassen haben sollen – sagten den Freunden: "sie sollten die drei Männer vergessen."

"Die brutale Tötung der drei jungen Mediziner, die unter einem großen persönlichen Risiko die Rettung und Versorgung von verletzen Demonstranten durchgeführt haben, zeigt deutlich die Bereitschaft der syrischen Sicherheitskräfte unsagbare Verbrechen zu begehen, um Dissidenten zum Schweigen zu bringen" sagte die Krisenbeauftragte von Amnesty International, Donatella Rovera, die kürzlich von einem mehrwöchigen Aufenthalt in Syrien zurückgekehrt ist. "Während die Anzahl der verwundeten Personen in den aktuellen Unruhen angestiegen ist, hat die Regierung unter Präsident Bashar al-Assad die Jagd auf die Verletzten sowie auf diejenigen, die für sie lebensrettende Notfallbehandlungen durchführen, intensiviert. Solche Übergriffe sind Teil eines zunehmend fest verwurzelten Musters von Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die von den syrischen Sicherheitskräften, von Armee und Milizen völlig straflos begangen werden"

Niederschlagung der Proteste in Aleppo

Die syrischen Sicherheitskräfte haben auf die friedlichen Demonstrationen in Aleppo routinemäßig reagiert, in dem sie mit scharfer Munition in die Menschenmenge feuerten und bekannte sowie verdächtigte Demonstrierende und deren Unterstützer inhaftierten und folterten. Da in Aleppo in den vergangenen Wochen immer häufiger und immer größer werdende Demonstrationen stattgefunden haben, wurde die Niederschlagung der Proteste durch die syrischen Sicherheitskräfte zunehmend brutaler und umfassender.

Ende Mai wurde eine Delegierte von Amnesty International in Aleppo Zeugin, wie Sicherheitskräfte an mehreren aufeinander folgenden Tagen willkürlich mit scharfer Munition auf die Demonstrierenden schossen und dabei Demonstrierende und Passanten, darunter mehrere Kinder, verletzt und getötet haben.

Mediziner im Visier

Seit Beginn der Proteste im Februar 2011 haben die syrischen Sicherheitskräfte Ärzte und medizinisches Personal im Visier. Sie werden verdächtigt, Demonstrierenden und Passanten, die im Zuge von Angriffen verletzt wurden, durch lebensrettende Notfallsversorgungen zu helfen. Amnesty International dokumentierte derartige Angriffe in einem Bericht der letzten Oktober veröffentlich wurde.

Ferner zerstörten und verbrannten Soldaten und Shabiha-Milizen gezielt und systematisch Kliniken und provisorische Feldlazarette in den Städten und Dörfern nieder , in denen sie ihre Angriffe durchgeführt haben.

"Medizinische Helfer, die in Konflikten im Einsatz sind, nehmen enorme Risiken in Kauf, um lebensrettende Soforthilfe für die Verletzten zu leisten und sie in Sicherheit zu bringen. In Syrien werden diese Risiken noch dadurch gravierend verschärft, dass die Regierungspolitik gezielte Vergeltungsmaßnahmen gegen medizinisches Personal vorsieht," schilderte Rovera.

"Diejenigen, die auf höchster Regierungsebene für diese schweren Menschenrechtsverletzungen verantwortlichen sind, sollten gewarnt sein, dass sie nicht für immer Straffreiheit für diese Verbrechen genießen werden."

Bereits im April 2011 kam Amnesty International zu dem Ergebnis, dass im Rahmen der im März 2011 begonnenen Niederschlagung der Proteste in Syrien Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen werden. Die Organisation hat den UN Sicherheitsrat wiederholt dazu aufgefordert, wegen der sich verschlechternden Sicherheitslage in Syrien den internationalen Strafgerichtshof einzuschalten und darauf hingewiesen, dass diese Verbrechen nach dem Weltrechtsprinzip geahndet werden müssen.

"Russland muss endlich damit aufhören, entscheidende Maßnahmen des UN Sicherheitsrats zur Beendigung des Leidens in Syrien zu blockieren", hob Donatella Rovera hervor. "Vor allem sollte Russland, der Beauftragung des internationalen Strafgerichtshofs mit Ermittlungen zur Lage in Syrien zustimmen."

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