Aktuell Kanada 12. August 2010

Ein ganzes Volk leidet unter der Ölförderung

Kanada: Lubicon Cree
Mehr als 5600 Hektar des Landes wurden für den Ausbau der Öl- und Gasindustrie gerodet

Mehr als 5600 Hektar des Landes wurden für den Ausbau der Öl- und Gasindustrie gerodet

Seit Jahrzehnten muss das Lubicon Cree-Volk im Norden der kanadischen Provinz Alberta mit ansehen, wie das traditionell genutzte Land wirtschaftlich von großen Konzernen ausgebeutet wird. Die Öl- und Gasförderung bringt den Unternehmen jährlich riesige Profite, an denen die indigenen Gemeinden nicht beteiligt werden, die zudem unter der Umweltzerstörung und dem damit einhergehenden Verlust ihrer Lebensgrundlage leiden müssen.

Das Leben vieler indigener Völker auf dem amerikanischen Doppelkontinent ist charakterisiert von Ausgrenzung und Benachteiligung. Indigene Gruppen sind nicht nur häufig von extremer Armut betroffen, sondern werden auch oft von Entscheidungsprozessen, in denen es um die Zukunft ihres Landes und ihrer Lebensgrundlage geht, ausgeschlossen. Besonders in rohstoffreichen Gegenden werden die wirtschaftlichen Interessen einzelner Unternehmen, meist mit Rückhalt der Regierungen, über das Wohl der dort lebenden Menschen gestellt.

Ölförderung expandiert

Die Rechte der Lubicon Cree im Bundesstaat Alberta werden seit Jahrzehnten verletzt, ihre Lebensgrundlage durch den Ausbau der Öl- und Gasindustrie zerstört, wie der Menschenrechtsausschuss der Vereinten Nationen bereits 1990 feststellte. Auch zwanzig Jahre nach der Empfehlung des UN-Ausschusses an die kanadische Regierung über eine Einigung in diesem Landkonflikt hat sich die Situation der Lubicon Cree nicht verbessert. Im Gegenteil: die Provinzregierung in Alberta hat inzwischen 70 % des Lubicon Gebietes (6.754 km²) an Unternehmen zur Erdöl-, Gas- und Mineralförderung verpachtet. Im Jahr 2008 wurde der Bau der derzeit größten Gaspipeline auf dem Gebiet genehmigt. Nahezu 100 neue Bohrstellen entstehen jedes Jahr. Der Bau von Straßen, Pipelines und sonstiger Infrastruktur zur Gewinnung und zum Transport der Rohstoffe hat ein extremes Ausmaß an Umweltzerstörung zur Folge.

Katastrophale Folgen für die Lubicon

Bis in die 1970er Jahre hinein - als das Gebiet erstmals Ziel von intensiver Erdölförderung wurde - lebten die Lubicon Cree überwiegend autark vom Jagen, Fischen und anderen Formen traditioneller Landnutzung. Wald, Flüsse und Seen lieferten das Lebensnotwendige.

Alle Wege führen zu Öl- und Gasförderungsanlagen

Alle Wege führen zu Öl- und Gasförderungsanlagen

"Wir hatten niemals etwas Besonderes, aber wir waren auch niemals hungrig. Dann fanden sie plötzlich Öl, und wir standen im Weg", schildert Lubicon-Häuptling Bernard Ominayak rückblickend die Lage. Die wirtschaftliche Erschließung des Gebiets hatte für die Lubicon katastrophale Folgen. Der Wildbestand ging um 90 Prozent zurück, Wälder wurden abgeholzt, Bäche und Trinkwasserquellen verschmutzt und zerstört. Seit den frühen 80er Jahren liegen Berichte der Lubicon Cree über tiefgreifende gesundheitliche und gesellschaftliche Probleme vor, die in Zusammenhang mit zunehmender Verarmung, Verlust der Grundlagen ihrer Kultur und mangelnden Perspektiven für die nachfolgende Generation stehen. Dazu gehören ansteckende Krankheiten wie Tuberkulose, Krankheiten der Haut und Atemwegsorgane, die auf die Luft- und Wasserverschmutzung zurückzuführen sind, unverhältnismäßig viele Fehl- und Totgeburten, sowie steigende Fälle von häuslicher Gewalt, Alkoholismus, Drogenkonsum und Selbstmorden, als Folge des Zusammenbruchs der traditionellen Gesellschaft und Lebensweise.

Nach einem Besuch der Lubicon Gemeinde im Jahr 2007 beschrieb der damalige UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Wohnen die "erschreckenden Lebensbedingungen" und "die Zerstörung von traditionellen Praktiken" als Resultat der "zerstörerischen Auswirkungen der Ölförderung."

Keine Hilfe von der Regierung

Von der kanadischen Regierung haben die Lubicon Cree kaum Unterstützung erhalten in Hinblick auf den Umgang mit dem Verlust ihrer traditionellen Lebensgrundlagen oder die Entwicklung alternativer Möglichkeiten, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Außerdem fehlt ihnen nach wie vor der Zugang zu staatlichen Basisdienstleistungen, wie sauberem Trinkwasser und Sanitärversorgung, was in anderen Gemeinden in Kanada als Selbstverständlichkeit gilt. Auch im Vorfeld der Vergabe von Förderlizenzen an Unternehmen wurde das Lubicon-Volk nicht von der Regierung konsultiert, noch wurden die Unternehmen zur Offenlegungen ihrer Vorhaben gegenüber der Gemeinde, zur Durchführung von Konsultationen oder Abschluss von Übereinkünften mit den Lubicon Cree verpflichtet. Verhandlungen über eine Entschädigung für die Zerstörung ihres Landes mit der kanadischen Regierung scheiterten immer wieder.

Lubicon-Vertreter Dwight Gladue kam daher im Jahr 2008 zu folgendem Schluss: "Es gibt hier keine Menschenrechte. Sie existieren nicht. Und der Beweis liegt in unseren Gräbern. Wir haben nun Selbstmorde. Die jungen Leute sehen keine Zukunft mehr und geben auf."

Werden Sie aktiv! Beteiligen Sie sich an den Aktionen.

Online Petition: Unterzeichnen Sie den Brief an die Regierung von Alberta

Schreiben Sie einen Brief an die Verantwortlichen

Mehr zum Thema:

AI-Journal Oktober 2003: Kanada: Landrechte

Englischsprachige Artikel, Berichte und Hintergründe auf Amnesty.org

Canada: From homeland to oil sands: The impact of oil and gas development on the Lubicon Cree of Canada, Juni 2010 (pdf)

Canada: 20 years' denial of recommendations made by the United Nations Human Rights Committee and the continuing impact on the Lubicon Cree, März 2010 (pdf)

The rights of the Lubicon Cree must be protected: Joint statement, März 2010 (pdf)

Canada: Defending land and way of life - The Lubicon Cree: Indigenous peoples in Alberta, Canada, Postkartenaktion, Mai 2009 (pdf)

Canada: Land and life under threat: The Lubicon Cree of Canada, Mai 2009 (pdf)

Zur Themenseite der kanadischen Sektion von Amnesty International

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