Nordkorea: Krankes Gesundheitssystem braucht dringend Hilfe
Nordkorea investiert etwa einen halben Dollar pro Jahr und pro Person in die Gesundheitsfürsorge.
© BBC World Service
15. Juli 2010 - Medizinische Einrichtungen in Nordkorea arbeiten unter katastrophalen Bedingungen: schlechte Hygienezustände, regelmäßige Stromausfälle und fehlende Heizungen. Medizinisches Personal bekommt zumeist kein Gehalt und die meisten Krankenhäuser arbeiten ohne Medizin oder andere Versorgungsgüter. Der Amnesty-Bericht "The Crumbling state of health care in North Korea" zeigt: Das Gesundheitssystem in Nordkorea befindet sich in einem katastrophalen Zustand.
Im internationalen und auch regionalen Vergleich schneidet Nordkorea in Bezug auf das Gesundheitswesen extrem schlecht ab: Nordkorea investiert etwa einen halben Dollar pro Jahr und pro Person in die Gesundheitsfürsorge. Nachbarstaaten mit einem geringeren Bruttosozialprodukt geben wesentlich mehr für diesen Bereich aus.
Die nordkoreanische Regierung behauptet zwar auch weiterhin, dass jeder Bürger einen kostenlosen Zugang zur Gesundheitsversorgung erhält. Amnesty International liegen aber viele Aussagen von Zeugen vor, die berichten, dass sie seit den 1990er Jahren für alle Leistungen selbst aufkommen mussten. Mediziner erhalten oft kein Gehalt - Sprechstunden bei Ärzten werden daher üblicherweise mit Zigaretten, Alkohol und Lebensmitteln bezahlt, medizinische Untersuchungen und Eingriffe mit Bargeld.
Der Amnesty-Bericht zeigt, dass viele Nordkoreaner auf die Beratung durch Ärzte verzichten und direkt auf den ausgeprägten Schwarzmarkt zurückgreifen um sich mit Medikamenten zu versorgen. Selbstdiagnosen und die eigenmächtige Einnahme von mangelhaften Medikamenten haben nicht selten fatale Folgen. Erst kürzlich haben nordkoreanische Behörden ein stark süchtig machendes Schmerzmittel verboten, das viele Nordkoreaner regelmäßig als "Allheilmittel" einnahmen.
Tuberkulose ist mit einer Verbreitung von etwa 5% der Einwohner eine der häufigsten Krankheiten in Nordkorea. Für die Behandlung gibt es im Land keine Antibiotika, die bei den arzneimittelresistenten Fällen anschlagen. Generell sind ab Juli 2010 die Vorräte an Antibiotika im Land aufgebraucht, sofern das Ausland nicht für Nachschub sorgt.
Verschärft wird das Problem durch die mangelhafte Ernährung eines großen Teils der Bevölkerung: Nahezu 9 Millionen Menschen, mehr als ein Drittel der Bevölkerung, leiden unter extremer Nahrungsmittelknappheit. Die Währungsreform vom 30. November 2009 löste eine Inflation aus und führte damit erneut zu einer verschärften Lebensmittelknappheit. Die Regierung verschlimmerte die Lage zusätzlich durch das Verbot, mit ausländischer Währung zu zahlen, durch die Schließung von Nahrungsmittelmärken sowie einem Ernteverbot für Kleinbauern.
"Nach internationalem Recht ist Nordkorea verpflichtet, das Recht der Bevölkerung auf eine Gesundheitsversorgung bestmöglich zu gewährleisten," sagte Catherine Baber, stellvertretende Leiterin von Amnesty Internationals Asien-Pazifik Abteilung. "Das bedeutet, dass ein Mindestmaß an den entsprechenden gesundheitsrelevanten Faktoren wie Nahrung, Unterkunft, Zugang zu sauberem Trinkwasser und adäquater Abwasserentsorgung, sichere Arbeitsbedingungen und eine gesunde Umgebung gewährleistet werden müssen. Dieser Verpflichtung kommt Nordkorea nicht nach," sagte Baber.
Nordkorea braucht unbedingt weitere internationale Unterstützung, um die Infrastruktur im Gesundheitswesen verbessern zu können. Amnesty International fordert die Geberländer auf, die humanitäre Hilfe im Rahmen der Vereinten Nationen fortzusetzen und auszuweiten und politische Interessen hintanzustellen.
Gleichzeitig muss die nordkoreanische Regierung ihren Verpflichtungen nachkommen und internationale Unterstützung anfordern, falls sie nicht in der Lage ist, die Situation selbst in den Griff zu bekommen.
Lesen Sie den Amnesty-Bericht "The Crumbling state of health care in North Korea" (Englisch, PDF)