Amerika
"Die Leute fragen mich, warum ich nicht endlich vergeben kann", sagt Tita Radilla Martínez. "Weil sie mir nicht sagen wollen, was sie meinem Vater angetan haben. Ist er tot oder lebt er noch? Man rät mir, die alte Wunde nicht wieder zu öffnen. Wieder öffnen? Die Wunde ist noch offen – sie ist niemals verheilt."
Mehr als 30 Jahre sind vergangen, seitdem Tita Radilla Martínez ihren Vater Rosendo Radilla zum letzten Mal gesehen hat. Er war 60 Jahre alt, als er im Jahr 1974 "verschwand". Der sozial engagierte Mann und ehemalige Bürgermeister wurde zuletzt in einer Militärkaserne im Bundesstaat Guerrero in Mexiko gesichtet.
Als der Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte Mexiko im November verurteilte, weil der Staat keine ausreichenden Untersuchungen zur Aufklärung des "Verschwindenlassens" von Rosendo Radilla durchgeführt hatte, keimte die Hoffnung seiner Familie auf Wahrheit und Gerechtigkeit wieder auf.
Während der Zeit der Militärherrschaft in Lateinamerika, die von den 1960er Jahren bis Mitte der 1980er Jahre andauerte, verloren Hunderttausende Menschen ihr Leben, wurden Opfer des "Verschwindenlassens" oder erlitten Folter. Und eine noch größere Anzahl von Menschen war gezwungen, ins Exil zu gehen. Mit der Rückkehr zu zivilen, demokratisch gewählten Regierungen wurde jedoch die Straffreiheit für die meisten dieser Verbrechen noch nicht überwunden. Die Tatsache, dass für die während dieser dunklen Epoche der Geschichte begangenen Übergriffe kaum Rechenschaft abgelegt werden musste, hat zur Verfestigung einer Politik und zu Praktiken geführt, die solchen Verbrechen auch weiterhin Vorschub leisten. Das Versagen, die Täter ungeachtet ihrer Position zur Verantwortung zu ziehen, ist ein deutliches Signal dafür, dass diejenigen, die an der Macht sind, über dem Gesetz stehen.
In den vergangenen Jahren hat jedoch eine zunehmende Anzahl lateinamerikanischer Länder wichtige Fortschritte beim Kampf gegen die Straflosigkeit erzielt und damit anerkannt, dass Versöhnung ein leeres Konzept ist, wenn sie nicht auf Wahrheit, Gerechtigkeit und Wiedergutmachung beruht. Bis in die jüngste Zeit hinein richteten sich die meisten Strafverfahren und Urteile gegen Angehörige unterer Dienstränge der Sicherheitskräfte, also auf diejenigen, die eine unmittelbare Schuld an den Verbrechen trugen. Es wurden aber nur wenige oder gar keine Anstrengungen unternommen, um auch jene ihrer Strafe zuzuführen, die letztendlich die Verantwortung für die rücksichtslose Unterdrückung Andersdenkender und Oppositioneller hatten.
Im April 2009 wurde dennoch zum ersten Mal ein demokratisch gewähltes Staatsoberhaupt wegen Menschenrechtsverletzungen verurteilt. Der ehemalige peruanische Präsident Alberto Fujimori wurde schuldig befunden, im Jahr 1991 schwere Menschenrechtsverletzungen begangen zu haben, und zu einer Gefängnisstrafe von 25 Jahren verurteilt. Zu den Anklagepunkten gehörten Folter, "Verschwindenlassen" und außergerichtliche Hinrichtungen. Der Schuldspruch macht in der Region endlich deutlich, dass Recht und Gesetz für alle gelten. Die Richter entschieden, dass den ehemaligen Präsidenten Alberto Fujimori persönliche Schuld an den Verbrechen trifft, da er die militärische Befehlsgewalt über diejenigen besaß, die die Straftaten ausführten.
Alberto Fujimori war nicht der einzige ehemalige Staatschef, der im Jahr 2009 vor Gericht stand. Das Verfahren gegen den ehemaligen Präsidenten von Suriname, Oberstleutnant Désiré Bouterse (1981–87), und 24 weitere Personen, die wegen der Tötung von 13 Zivilpersonen und zwei Armeeoffizieren auf einer Militärbasis in Paramaribo im Dezember 1982 angeklagt worden waren, wurde im Jahr 2009 wieder aufgenommen. Der frühere General und De-facto-Präsident von Uruguay, Gregorio Álvarez (1980–85), wurde wegen der Entführung und Ermordung von 37 Gegnern der Militärregierung in Argentinien im Jahr 1978 zu einer Gefängnisstrafe von 25 Jahren verurteilt.
In Kolumbien bestätigte der Staatsrat die Entlassung eines Armeegenerals wegen Menschenrechtsverletzungen. Álvaro Velandia Hurtado und drei weitere Armeeoffiziere wurden wegen Folter, "Verschwindenlassens" und der außergerichtlichen Hinrichtung von Nidia Erika Bautista im Jahr 1987 aus der Armee entlassen. Das Land war im November auch Zeuge der Verurteilung des pensionierten Armeegenerals Jaime Uscátegui zu 40 Jahren Haft wegen seiner Mitverantwortung an einem Massaker an 49 Zivilpersonen, das rechtsgerichtete paramilitärische Kräfte in Mapiripán im Jahr 1997 verübt hatten.
Während der Militärherrschaft in Argentinien (1976–83) diente die Technikerschule der Marine (ESMA) als geheimes Haftzentrum, in dem Tausende von Menschen "verschwanden" und/oder gefoltert wurden. 17 ehemalige ESMA-Marineoffiziere wurden schließlich wegen Menschenrechtsverletzungen, darunter Folter und Mord, vor Gericht gestellt. Zu den ihnen vorgeworfenen Verbrechen zählten die Ermordung von zwei französischen Nonnen, einem Journalisten und drei Gründungsmitgliedern der Menschenrechtsgruppe Madres de Plaza de Mayo. Unter den Angeklagten befand sich auch Alfredo Astiz, gegen den bereits 1985 zum ersten Mal im Zusammenhang mit diesen Verbrechen ein Prozess angestrengt worden war. Inzwischen aufgehobene Amnestiegesetze hatten jedoch das Verfahren gegen ihn zum Stillstand gebracht.
Im Mai wurde Sabino Augusto Montanaro, der unter der Regierung von General Alfredo Stroessner das Amt des Innenministers von Paraguay innehatte, festgenommen, nachdem er freiwillig aus dem Exil nach Paraguay zurückgekehrt war. Er steht wegen Menschenrechtsverletzungen vor Gericht, darunter Verbrechen, die mutmaßlich im Rahmen der "Operation Cóndor", einer Vereinbarung über die regionale Zusammenarbeit der Sicherheitskräfte bei der Verfolgung vermeintlicher politischer Gegner, begangen worden waren. Im September wurden in Chile mehr als 165 pensionierte Mitarbeiter des chilenischen Geheimdienstes (Dirección de Inteligencia Nacional – DINA) wegen ihrer Beteiligung an dieser Operation und wegen anderer in den Anfangsjahren des chilenischen Militärregimes begangener Verbrechen, der Folter und des "Verschwindenlassens" angeklagt.
Trotz dieses wichtigen Fortschritts bei einer steigenden Anzahl von symbolträchtigen Prozessen wegen in der Vergangenheit begangener Menschenrechtsverletzungen blieb den meisten der mehreren hunderttausend Opfer Gerechtigkeit versagt. In El Salvador, Brasilien und Uruguay erschwerten Amnestiegesetze weiterhin die Bemühungen, die Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen. In Uruguay erreichte ein nationales Referendum zu dem im Jahr 1986 erlassenen Gesetz über das Erlöschen der staatlichen Strafansprüche (Ley de caducidad) nicht die erforderliche Mehrheit, um das Gesetz zu kippen. Im Vorfeld des Bürgerentscheids erließ der uruguayische Oberste Gerichtshof jedoch im Rechtsfall von Nibia Sabalsagaray, einer jungen Oppositionellen, die im Jahr 1974 gefoltert und ermordet worden war, ein historisches Urteil, in dem das Amnestiegesetz als verfassungswidrig eingestuft wurde. Zusammen mit Rechtsauslegungen der Exekutive, die es zum Ziel hatten, die Anwendung des Gesetzes einzuschränken, führte dieses Urteil zu einem Fortschritt im Streben nach Gerechtigkeit.
Etwas zügiger kommen möglicherweise die Opfer von Menschenrechtsverletzungen aus dem Jahr 2006 im mexikanischen Bundesstaat Oaxaca zu ihrem Recht, da der Oberste Gerichtshof von Mexiko die Untersuchung der vier Jahre zurückliegenden politischen Krise abgeschlossen hat. Der Gerichtshof gelangte zu dem Schluss, dass der Gouverneur des Bundesstaates und andere höhere Regierungsbeamte zur Verantwortung gezogen werden sollten. Allerdings wurden keine Schritte unternommen, um Anklage gegen sie zu erheben.
Viele andere im Jahr 2009 durchgeführte Untersuchungen wurden jedoch behindert oder scheiterten, und die Familien sahen sich in ihren Hoffnungen und Erwartungen auf Wahrheit, Gerechtigkeit und Wiedergutmachung enttäuscht. So stellte z. B. ein mexikanisches Bundesgericht das Verfahren wegen Völkermordes gegen den ehemaligen Präsidenten Luis Echeverría ein, und die Streitkräfte in Brasilien blockierten weiterhin Untersuchungen über in der Vergangenheit begangene Menschenrechtsverletzungen. Im Dezember kündigte Präsident Luiz Inácio Lula de Silva die Schaffung einer Wahrheitskommission zur Untersuchung von Folter, Morden und "Verschwindenlassen" während der Militärherrschaft in den Jahren 1964–85 als Teil des Dritten Nationalen Menschenrechtsplans an. Nachdem aber das Militär konzertierten Druck ausgeübt hatte, kam die Befürchtung auf, dass der Vorschlag verwässert werden könnte.
Und wenig Fortschritt gab es auch dabei, die Verantwortlichen für Menschenrechtsverletzungen, die im Rahmen des von den USA geführten "Kriegs gegen den Terror" verübt worden waren, vor Gericht zu bringen.
Internationale Justiz
Neben den Versuchen, die auf der nationalen Ebene erfolgten, um die Straflosigkeit in Lateinamerika zu bekämpfen, spielte im Jahr 2009 auch die internationale Justiz weiterhin eine wichtige Rolle bei diesem Bemühen. Im Juni hat Chile als letzter Staat in Südamerika das Römische Statut des Internationalen Strafgerichtshofs ratifiziert. Im November lief die Frist der von Kolumbien gemäß Artikel 124 des Römischen Statuts abgegebenen Erklärung ab, mit der sieben Jahre lang die Zuständigkeit des Gerichts für Kriegsverbrechen nicht anerkannt worden war. Damit war der Weg für Untersuchungen von Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit frei.
Im Januar stellte der Nationale Gerichtshof Spaniens 14 salvadorianische Armeeoffiziere und Soldaten wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Staatsterrorismus unter Anklage. Die Anklage bezog sich auf die Ermordung von sechs Jesuitenpatern, ihrer Wirtschafterin und deren 16-jähriger Tochter in der Zentralamerikanischen Universität in El Salvador im November 1989.
Im August ordnete ein paraguayischer Richter die Auslieferung des ehemaligen Armeearztes Norberto Bianco nach Argentinien an, wo er wegen seiner mutmaßlichen Rolle bei der rechtswidrigen Inhaftierung von mehr als 30 Frauen und der darauf folgenden "Aneignung" ihrer Kinder während des Militärregimes in den Jahren 1977/78 vor Gericht gestellt werden sollte.
Im November begann in Italien das Verfahren gegen den ehemaligen chilenischen Militärstaatsanwalt General Alfonso Podlech im Zusammenhang mit dem "Verschwindenlassen" von vier Personen in den 1970er Jahren, unter denen sich auch der ehemalige Priester Omar Venturelli befand. Im selben Monat entschied ein US-Gericht, dass ausreichende Gründe vorlägen, um gegen den ehemaligen bolivianischen Präsidenten Sánchez de Lozada und den ehemaligen Verteidigungsminister Carlos Sánchez Berzaín im Zusammenhang mit der Anklage wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit – darunter staatlicher Mord – auch eine Zivilklage auf Schadenersatz in den USA zu verhandeln.
Öffentliche Sicherheit
In vielen Ländern gab die Situation der öffentlichen Sicherheit weiterhin Anlass zu großer Sorge. Die Mordraten an Frauen und Männern stiegen weiter an, insbesondere in Mexiko, Guatemala, Honduras, El Salvador und Jamaika. Millionen von Menschen in den Armenvierteln Lateinamerikas und der Karibik litten unter den Aktionen krimineller Banden und den repressiven, diskriminierenden und korrupten Gegenmaßnahmen der Gesetzeshüter. Gleichzeitig wurde aber von den Angehörigen der Sicherheitskräfte, insbesondere den Polizisten, gefordert, ihren Dienst in einer Art und Weise zu erfüllen, die häufig ihr eigenes Leben gefährdete.
Da die organisierte Kriminalität ihre Aktivitäten von Drogenschmuggel auf Entführung und Menschenhandel, darunter Frauen und Kinder, ausweitete, nahmen die Risiken für Migranten ohne regulären Aufenthaltsstatus und andere schutzbedürftige Gruppen zu. Üblicherweise unternahmen die Regierungen in der Region nur sehr wenig, um Daten zu erheben und diese neuen Probleme zu analysieren. Und sie waren noch untätiger, wenn es darum ging, Verstöße zu verhindern oder die Schuldigen zur Verantwortung zu ziehen.
Die staatlichen Maßnahmen zur Bekämpfung der eskalierenden Gewalt waren häufig von Vorwürfen über schwerwiegende Menschenrechtsverletzungen begleitet. Dazu gehörten das "Verschwindenlassen" von Personen, Folter und andere Misshandlungen. In Brasilien, Jamaika, Kolumbien und Mexiko wurden die Sicherheitskräfte beschuldigt, Hunderte von rechtswidrigen Tötungen begangen zu haben. Die meisten dieser Beschuldigungen wurden mit der Begründung abgewiesen, die Personen hätten sich "der Festnahme widersetzt" oder sie wurden als unwahre Behauptungen abgetan, die das Ziel hätten, die Ehre der Sicherheitskräfte zu beschmutzen.
Trotz Berichten über schwere Menschenrechtsverletzungen durch Armeeangehörige und Sicherheitskräfte erhielten Kolumbien und Mexiko weiterhin massive Sicherheitsunterstützung von den USA. Noch mehr Unterstützung wird auf der Grundlage der Bestimmungen der Mérida-Initiative erwartet. Dabei handelt es sich um eine mit großzügigen Finanzmitteln ausgestattete Vereinbarung zwischen Mexiko (sowie einigen anderen zentralamerikanischen Ländern) und den USA zum Zwecke des Kampfes gegen das organisierte Verbrechen.
Einige Länder förderten Projekte zur Stärkung der öffentlichen Sicherheit. Dies waren zwar äußerst wichtige Initiativen gegen illegale Polizeimethoden, doch erfüllten sie oft nicht die in sie gesetzten Erwartungen und wurden z. B. von den betroffenen Bevölkerungsgruppen in der Dominikanischen Republik und in Jamaika kritisiert, weil dadurch die dringend benötigte Polizeireform nur noch weiter aufgeschoben und allgemeinere Bedürfnisse der Bevölkerung außer Acht gelassen werden.
Konflikt und Krise
Ein im Jahr 2009 in der Region zu beobachtender allgemeiner Trend zum Besitz von Waffen weckte Befürchtungen hinsichtlich des potentiellen Einflusses auf die Menschenrechte von Personen, die bereits in Situationen fragiler oder nicht existierender Sicherheit leben.
Die Zivilbevölkerung in Kolumbien trug weiterhin die Hauptlast des seit 40 Jahren andauernden internen bewaffneten Konflikts. Alle Konfliktparteien – die Sicherheitskräfte, die paramilitärischen Gruppierungen und die Guerillagruppen – verstießen weiterhin gegen die Menschenrechte und verletzten das humanitäre Völkerrecht.
Indigene Völker, führende Mitglieder sozialer Organisationen und Menschenrechtsverteidiger gehörten zu den am meisten gefährdeten Gruppen. Seit Beginn des Konflikts wurden 3 wenn nicht sogar bis zu 5 Mio. Menschen vertrieben. Im Jahr 2009 lag ihre Zahl bei rund 286000.
Frauen waren nach wie vor von sexueller Gewalt betroffen, und bestimmte Bevölkerungsgruppen waren Geiselnahmen, "Verschwindenlassen" von Personen, Zwangsrekrutierung von Kindern sowie willkürlichen Angriffen und Morddrohungen ausgesetzt, die jene einschüchtern sollten, die als besonders gefährlich für die Interessen der jeweiligen Konfliktpartei galten.
Unsicherheit und Instabilität beschränkten sich jedoch nicht auf Kolumbien. Honduras erlebte den ersten vom Militär unterstützten Staatsstreich in Lateinamerika seit dem Putsch 2002 in Venezuela – ein beunruhigender Nachhall der Vergangenheit. Es folgten Monate politischer Turbulenzen und Instabilität, die auch durch die im November durchgeführten Wahlen nicht beendet wurden. Die Sicherheitskräfte reagierten auf die Proteste gegen den Staatsstreich mit dem Einsatz unverhältnismäßiger Gewalt, Einschüchterungen und Angriffen auf Oppositionelle.
Das Recht auf freie Meinungsäußerung wurde eingeschränkt, als mehrere Medienunternehmen geschlossen wurden. Es gab auch Berichte über Gewalt gegen Frauen und die Tötung von mehr als zehn Transgender-Frauen. Der unter Vermittlung der internationalen Gemeinschaft zustande gekommene Vertrag Tegucigalpa – San José (Acuerdo Tegucigalpa – San José para la reconciliación y el fortalecimiento de la democracia en Honduras), der die Schaffung einer Kommission zur Identifizierung der Ursachen der entstandenen Krise vorsah, machte keine Fortschritte, und die De-facto-Regierung war Ende 2009 noch immer an der Macht.
Beziehungen zwischen den Ländern des amerikanischen Doppelkontinents
Die Zusicherungen der USA, ein partnerschaftliches Verhältnis anzustreben, weckten Erwartungen und Hoffnungen auf eine neue Epoche in den Beziehungen auf dem amerikanischen Doppelkontinent. Bei seiner Rede auf dem Fünften Gesamtamerikanischen Gipfeltreffen in Trinidad im April versprach US-Präsident Barack Obama eine Ära des gegenseitigen Respekts und eines multilateralen Ansatzes. Doch zum Jahresende belasteten die Honduras-Krise, die US-Politik gegenüber Kuba und Kolumbiens Bereitschaft, den USA die Benutzung einiger Militärbasen des Landes zu erlauben, die Beziehungen. Zunehmende Spannungen zwischen mehreren lateinamerikanischen Ländern – zwischen Kolumbien und den Nachbarn Ecuador und Venezuela sowie zwischen Peru und den Nachbarn Chile und Bolivien – beeinträchtigten ebenfalls die Bemühungen um eine größere regionale Integration.
Wirtschaft und Armut
Auf dem lateinamerikanischen Doppelkontinent existieren tief verwurzelte und anhaltende Ungleichheiten, insbesondere beim Zugang zu Bildung, bei der Höhe der Einkommen, dem Gesundheitszustand und der Ernährung, bei der Gefährdung durch Gewalt und Verbrechen und beim Zugang zur Grundversorgung.
Obwohl einige lateinamerikanische und karibische Länder nicht so stark von der internationalen Finanzkrise betroffen waren, wie anfangs befürchtet wurde, gerieten schätzungsweise weitere 9 Mio. Menschen in die Armut. Dies kehrte den jüngsten Trend einer sich durch Wirtschaftswachstum verringernden Einkommensarmut wieder um. Mit unterschiedlichem Engagement ergriffen die Staaten Maßnahmen, um die am meisten gefährdeten Bevölkerungsgruppen vor der Krise zu schützen, und vermieden dadurch Einschnitte in die sozialen Rechte. Die Sozialausgaben in Lateinamerika und der Karibik sind jedoch noch immer extrem niedrig, und es existieren keine langfristig ausgerichteten politischen Programme zur Bekämpfung der Menschenrechtsverletzungen, die in Armut lebende Menschen erdulden müssen. Davon am stärksten betroffen waren Frauen, Kinder und indigene Gemeinschaften, also diejenigen, die zuvor auch schon benachteiligt waren.
Im Jahr 2009 war eine sichere Geburt weiterhin das Privileg der besonders wohlhabenden Frauen der Region. In allen Ländern – auch in den Hochlohnländern USA und Kanada – waren die ohnehin marginalisierten Afroamerikanerinnen und indianischen Ureinwohnerinnen dem größten Müttersterblichkeitsrisiko infolge von Komplikationen während der Schwangerschaft oder Geburt ausgesetzt. Diese Ungleichheiten existieren in den USA unverändert seit 25 Jahren.
Gewalt gegen Frauen und Mädchen
Die vorherrschende Gewalt gegen Frauen und Mädchen setzte sich unvermindert fort. Die Anzahl der gemeldeten Fälle von häuslicher Gewalt, Vergewaltigung und sexuellem Missbrauch und die Ermordung von Frauen sowie die Verstümmelung ihrer Körper, nachdem sie vergewaltigt worden waren, stieg in Mexiko, El Salvador, Honduras, Nicaragua und Haiti an. In mehreren Ländern, insbesondere in Nicaragua, Haiti und der Dominikanischen Republik, zeigen die vorliegenden Daten, dass mehr als die Hälfte der Opfer Mädchen waren.
Mehrere internationale Gremien hoben die Diskriminierung von Frauen hervor und bemängelten, dass Vorwürfe über die Anwendung von Gewalt nicht gründlich untersucht wurden. So verurteilte z. B. der Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte das Land Mexiko, weil es nicht genügend getan habe, um die Entführung und Ermordung von drei Frauen im Jahr 2001 in Chihuahua zu verhindern bzw. effektiv zu untersuchen und die Hinterbliebenen zu entschädigen. Die Behörden mehrerer Länder, darunter Uruguay, Venezuela und die Dominikanische Republik, gestanden ein, dass sie nicht in der Lage waren, die hohe Anzahl von Klagen aufgrund von Gewalt gegen Frauen zu bearbeiten, obwohl in einigen Ländern spezielle Gender-Einheiten in den Strafrechtssystemen eingerichtet worden waren. Die medizinische Versorgung von Überlebenden war häufig unzureichend oder unterblieb vollständig.
Die praktische Umsetzung von Gesetzen zur Sicherung der Frauenrechte und Verhinderung von Gewalt verlief weiterhin schleppend, und zwar besonders in Argentinien, Mexiko, Jamaika und Venezuela. Einige Länder, hauptsächlich die karibischen Inselstaaten, führten zwar Reformen durch, erreichten jedoch nicht die internationalen Standards, da Vergewaltigung nicht unter allen Umständen als eine Straftat definiert wurde.
In einer Reihe von Ländern, so in Kolumbien, Kuba und den USA sowie im mexikanischen Bundesdistrikt México, konnte ein Schwangerschaftsabbruch nach einer Vergewaltigung oder bei Gefahr für das Leben der Mutter legal durchgeführt werden. In vielen anderen Ländern ist ein Schwangerschaftsabbruch zwar rechtlich zulässig, doch gab es in der Praxis Hindernisse beim Zugang zu einer Abtreibung. In Peru wurden Schritte unternommen, um den Schwangerschaftsabbruch unter gewissen Voraussetzungen zu entkriminalisieren. Die in der Dominikanischen Republik und 17 mexikanischen Bundesstaaten durchgeführten Verfassungsreformen, die ein Recht auf Leben vom Augenblick der Empfängnis an postulieren, weckten Befürchtungen, dass ein totales Abtreibungsverbot folgen könnte. Abtreibungsverbote ohne jegliche Ausnahme waren auch 2009 in Chile, El Salvador und Nicaragua in Kraft.
Obwohl das Recht einer Mutter auf ihr eigenes Leben und ihre eigene Gesundheit eine einfache juristische Tatsache ist, polarisierte das Thema die Meinungen und Gefühle der Menschen. Dabei wurden Befürworter von Schwangerschaftsabbrüchen und medizinische Fachkräfte, die Schwangerschaftsabbrüche vornahmen, bedroht. Ein US-amerikanischer Arzt wurde getötet.
Positiv ist zu vermerken, dass Schritte unternommen wurden, um die Rechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender-Personen zu stärken. Mexiko-Stadt verabschiedete ein wegweisendes Gesetz, das die Eheschließung von homosexuellen Männern legalisierte. Honduras, Peru und Chile sowie karibische Länder wie Jamaika und Guyana unternahmen hingegen nichts, um Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender-Personen vor Schikanierung und Einschüchterung zu schützen.
Indigene Völker
In der ganzen Region herrschte weiterhin eine sowohl systemische als auch systematische Diskriminierung indigener Bevölkerungsgruppen vor. Wortreichen Ankündigungen folgten keine entschiedenen Maßnahmen zum Schutz der Rechte indigener Völker. Bei Entscheidungen über die Vergabe von Lizenzen zur Erdölförderung, Holzgewinnung und Vermarktung anderer Rohstoffe blieben die Rechte der indigenen Bevölkerung gänzlich unberücksichtigt. Die UN-Erklärung über die Rechte indigener Völker von 2007 definiert das Recht auf freiwillige und in Kenntnis der Sachlage erteilte vorherige Zustimmung der betroffenen indigenen Völker zu Angelegenheiten, die einen Einfluss auf ihr Leben haben können. Amnesty International dokumentierte in Kanada, Peru, Argentinien, Chile und Paraguay Fälle, bei denen die Behörden kein wirksames Verfahren eingeführt hatten, um die Einhaltung dieses Rechts bei Vorschlägen für Entwicklungsvorhaben sicherzustellen.
Großprojekte zur Nutzung von Erdöl- und Erdgasvorkommen setzte man z. B. in Kanada ohne die Zustimmung der Lubicon Cree in Nord-Alberta weiter um. Dadurch wurde ihr Recht auf die Verfügungsgewalt über ihr angestammtes Siedlungsgebiet untergraben. Noch schlechtere Gesundheit und noch größere Armut waren die Folgen.
Aus der gesamten Region trafen Meldungen über die Vertreibung indigener Gemeinschaften aus ihren angestammten Siedlungsgebieten ein. Bedrohung, Einschüchterung und Gewaltanwendung gegenüber indigenen Sprechern und Angehörigen dieser Bevölkerungsgruppen waren an der Tagesordnung.
Eine im Februar 2009 in Bolivien in Kraft getretene neue Verfassung bestätigte, dass die indigene Bevölkerung aus mehreren unabhängigen Völkern besteht und von zentraler Bedeutung für das Land ist. Die neue Verfassung legte einen Rahmen für Reformen fest. Dazu gehört die Gleichstellung des traditionellen indigenen Rechtssystems mit den existierenden juristischen Verfahren.
Während des ganzen Jahres kämpften die indigenen Völker in der gesamten Region für die Achtung ihrer sozialen, bürgerlichen, wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Rechte. Häufig stießen sie dabei auf Einschüchterung, Schikanierung, exzessive Gewaltanwendung, falsche Anklagen und Festnahmen. Im mexikanischen Bundesstaat Querétaro waren drei indigene Frauen auf der Grundlage konstruierter Anklagen verurteilt worden. Eine der Frauen setzte man auf freien Fuß, doch die beiden anderen waren bei Jahresende noch in Haft, da ein Wiederaufnahmeverfahren anhängig war. In Peru wurden indigene Sprecher des Aufruhrs, der Aufwiegelung und der Verschwörung gegen den Staat angeklagt, ohne dass Beweismittel vorgelegt wurden. Die Anklagen erfolgten nach der Auflösung einer Straßenblockade, an der sich Hunderte von Indigenen beteiligt hatten und bei der zahlreiche Protestierende verletzt sowie 33 Personen getötet wurden. Darunter befanden sich auch 23 Polizeibeamte. In Kolumbien beschuldigten die Behörden indigene Bevölkerungsgruppen und deren Vertreter häufig zu Unrecht und gegen besseres Wissen, Verbindungen mit Guerillagruppen zu unterhalten.
Antiterrormaßnahmen und Sicherheit
Es schien so, als wolle die neue US-Regierung substantielle Änderungen in einigen Politikbereichen durchführen, durch die in den vergangenen sieben Jahren die internationalen Abkommen zum Schutz der Menschenrechte verletzt worden waren. Begrüßenswerte Schritte waren z. B. die Beendigung des Programms des US-Geheimdienstes CIA hinsichtlich geheimer Gefängnisse und die Freigabe von Informationen über die Rechtsgutachten, die zur Unterstützung dieses Programms abgegeben worden waren. Aber nicht alle Versprechen wurden eingelöst. Die Frist von einem Jahr, die Präsident Obama am zweiten Tag nach seiner Amtsübernahme für die Schließung des Haftlagers in Guantánamo verkündet hatte, wurde nicht eingehalten, da der US-amerikanischen Parteipolitik Vorrang vor der Sorge um die Menschenrechte der Gefangenen eingeräumt wurde. Die positive Entscheidung der neuen Regierung, einige Verfahren gegen Guantánamo-Häftlinge durch ordentliche Bundesgerichte durchführen zu lassen, wurde überschattet durch die zur selben Zeit getroffene Entscheidung, die Militärkommissionen für andere Verfahren beizubehalten.
Währenddessen wurde der Betrieb des Gefangenenlagers auf dem US-Luftwaffenstützpunkt Bagram in Afghanistan wie unter der vorherigen Regierung weitergeführt, und die USA kamen ihrer rechtlichen Verpflichtung nicht nach, Rechenschaftslegung sicherzustellen und sich um eine Wiedergutmachung der im Zusammenhang mit dem "Krieg gegen den Terror" seit September 2001 begangenen Menschenrechtsverletzungen zu bemühen.
Todesstrafe
Im Jahr 2009 wurden in den USA 52 Todesurteile vollstreckt. Dies war zwar seit 2006 die höchste Zahl an Hinrichtungen in den USA, doch lag sie weit unter den Zahlen, die in den späten 1990er Jahren erreicht worden waren. Todesurteile waren rückläufig, sogar in Texas und Virginia. Auf diese beiden US-Bundesstaaten entfällt fast die Hälfte aller seit 1977 in den USA vollstreckten Hinrichtungen. Gegen etwa 100 Personen ergingen im Jahr 2009 landesweit Todesurteile, während die entsprechende Zahl anderthalb Jahrzehnte zuvor noch bei 300 gelegen hatte. Im März schaffte New Mexico als 15. Bundesstaat die Todesstrafe ab, doch drei Monate später legte der Gouverneur des Bundesstaates Connecticut sein Veto gegen den Vorstoß der Legislative ein, auch in diesem Bundesstaat die Todesstrafe aufzuheben.
Obwohl auf den Bahamas sowie in Guyana und Trinidad und Tobago Todesurteile ergingen, wurden keine Hinrichtungen vollzogen.
Fazit
Bei der Aufklärung einer nennenswerten Anzahl von zurückliegenden Menschenrechtsverletzungen konnten im Jahr 2009 zwar Fortschritte erzielt werden, doch es gab noch erhebliche rechtliche und politische Hindernisse sowie ungeklärte Fragen der Zuständigkeit, die dazu beitrugen, dass die Straflosigkeit in der Region fest verwurzelt blieb.
In der gesamten Region trotzten die Opfer von Menschenrechtsverletzungen zusammen mit ihren Familien und Menschenrechtsverteidigern, die sie unterstützten, weiterhin den Einschüchterungen, Drohungen und Schikanen und traten energisch dafür ein, dass Regierungen und bewaffnete Gruppen ihrer Pflicht nachkommen, die internationalen und nationalen Menschenrechtsstandards zu respektieren.
Tita Radilla Martínez forderte von der mexikanischen Regierung, dem Urteil des Interamerikanischen Gerichtshofs nachzukommen, das die Zuständigkeit der Militärjustiz für alle Fälle von Menschenrechtsverletzungen für beendet erklärt hatte, so dass die Wahrheit über das "Verschwindenlassen" ihres Vaters und Hunderter anderer Personen schließlich doch noch ans Licht kommen wird.
Den Opfern von Menschenrechtsverletzungen und ihren Angehörigen muss Gerechtigkeit widerfahren. Die Zeit der leeren Worte ist vorbei.