Honduras: "Beeindruckende Doppelmoral"
Bertha Oliva bei einer Veranstaltung in Berlin, 1. März 2010.
© Eva Usi
11. März 2010 - Im honduranischen Radiosender "Radio América" ist dieser Tage zu hören, Bertha Oliva vom Kommittee der Familienangehörigen der Verschwundenen und Verhafteten (COFADEH) sowie Jesús Garza von der Honduranischen Koalition der Bürgeraktion seien in Deutschland unterwegs mit dem Ziel, die honduranische Regierung zu diskreditieren.
Menschenrechtler sind in Gefahr
Solche Anschuldigungen können Aktivisten in Honduras schnell gefährlich werden. Seit dem Putsch vom 28. Juni 2009 sind zahlreiche politische und Menschenrechtsaktivisten bedroht, misshandelt und ermordet worden. Auch wenn der politische Hintergrund nicht in jedem Fall nachweisbar ist, steht die gezielte Bedrohung und Tötung von Aktivisten für den UN-Menschenrechtsrat, die Organisation Amerikanischer Staaten, Amnesty International und weitere Menschenrechtsorganisationen außer Frage.
200 Menschenrechtsverletzungen seit dem Amtsantritt von Präsident Lobo
Bertha Oliva von COFADEH, eine der ältesten und angesehensten honduranischen Menschenrechtsorganisationen, zählt allein seit dem Amtsantritt des neuen Präsidenten Porfirio Lobo über 200 Menschenrechtsverletzungen, darunter fünf Morde an Bauern und Gewerkschaftern. Porfirio Lobo wirft sie eine "beeindruckende Doppelmoral" vor – außenpolitisch würde er sich für Versöhnung und die Einhaltung der Menschenrechte aussprechen. Gleich nach seinem Amtsantritt richtete er sogleich eine Wahrheitskommission ein. Bei der strafrechtlichen Verfolgung von Menschenrechtsverletzungen oder der Einbeziehung der Zivilgesellschaft höre seine Bereitschaft zur Versöhnung jedoch schnell auf. "Perfirio Lobo hat die Wahrheitskommission mit dem Ziel eingerichtet, seine Wahrheit zu finden, nicht die Wahrheit des honduranischen Volkes", sagt Bertha Oliva.
"Wenn wir aufhören, machen wir uns zu Komplizen der Täter"
Und eben um zu verhindern, dass die Wahrheit der honduranischen Bevölkerung über die schweren Menschenrechtsverletzungen seit dem Putsch, die Gewalt gegen Demonstranten durch staatliche Sicherheitskräfte, die Vergewaltigung von Frauen durch Polizisten, die Repressionen gegen Journalisten und die ermordeten Aktivisten in Vergessenheit geraten und die Verantwortlichen straffrei ausgehen, reist Bertha Oliva gemeinsam mit Jesús Garza durch Europa, spricht vor dem Europäischen Parlament, dem Internationalen Strafgerichtshof, dem UN-Menschenrechtsrat, trifft sich Politikern und Nichtregierungsorganisationen. Leichter und ungefährlicher wird ihre Arbeit in Honduras dadurch nicht. Trotzdem gibt es für sie, die als 25jährige ihren Mann durch "Verschwindenlassen" verloren hat, keine Alternative zur Fortführung ihres Engagements. Denn: "Wenn wir aufhören mit unserer Arbeit machen wir uns zu Komplizen der Täter".