Aktuell 17. Dezember 2010

Auf den Leib geschrieben

Derzeit sind viele internationale Tanzstücke zu sehen, die sich auf unterschiedliche Weise mit dem Thema Menschenrechte auseinandersetzen. Politisiert sich die Tanzszene? Von Katrin Bettina Müller

Es gibt wohl kaum ein Kleidungsstück, um das sich derzeit so viele politische Diskussionen ranken, wie die Burka. Im Sommer 2009, der Gesetzentwurf zum Verbot der Burka in Frankreich lag noch nicht auf dem Tisch, bezog Héla Fattoumi, eine französische Tänzerin und Leiterin des Centre choréographique national in Caen, mit ihrem Stück "Manta" deutlich Position in der Debatte um die Burka. Fattoumi, die in muslimisch-arabischer Tradition aufgewachsen ist, belegt in dem Solo ihre Überzeugung, "dass es keinen Vorwand gibt, keinen Kontext und keinen Text, der einem das Tragen von irgendetwas, das den Körper beeinträchtigt, auferlegen kann".

"Manta" ist ein spannendes Solo, mit vielen Bildern der Verfremdung des Körpers. Dazu gehört anfangs ein lustiger Tanz der hochgereckten Pobacken, während der Rumpf der verhüllten Tänzerin vorgeklappt und unsichtbar ist. Dann aber folgen viele Momente, die der These, das verhüllende Gewand biete Schutz vor männlicher Zudringlichkeit und damit einen Freiraum, widersprechen: Fattoumi stellt dar, wie die Verhüllung den Körper ent-individualisieren und fast zur Sexpuppe degradieren kann, bevor sie sogar zu einem Instrument der Bemäntelung von sexueller Gewalt wird. Anschließend arbeitet Fattoumi sich am Falten von gestapelten Stoffgewändern ab, bis das Falten zu einer Einübung in Monotonie wird, eine Wiederholung des Immergleichen, dem die Performerin zunehmend mit Wut begegnet. Die Empathie des Publikums ist ihr gewiss.

Verschiedenene Blickwinkel

Die Produktion "Manta" war dieses Jahr zum Festival "Tanz im August" in Berlin eingeladen, dessen Schwerpunkt auf dem Thema Menschenrechte lag. Auffällig viele Berliner Projekte, die mit Laien und Jugendlichen arbeiten, befassen sich derzeit mit dem Bleibe- und Asylrecht. Tanz erweist sich dabei als geeignetes Medium, um Teilnehmer ganz unterschiedlicher kultureller und sozialer Herkunft zusammenzubringen. Ein Beispiel dafür ist die Lis:sanga Dance Company, mit ihren 60 Darstellern aus 15 Nationen. In ihrem Stück "Pass", das auf Interviews und eigenen Erfahrungen beruht, beschäftigt sie sich mit Abschiebungen in Deutschland. Fast jeden Monat kann man in Berlin ähnlich sozial engagierte Aufführungen besuchen. "Pass" war zwar nicht Teil des Festivals, lief aber zur gleichen Zeit.

Auf die biografische Recherche zu setzen, ist heute ein viel beschrittener Weg in der Tanzszene, freilich ein Weg mit offenem Ausgang. Das erfuhren zum Beispiel die Berliner Choreografen Jutta Hell und Dieter Baumann, die unter dem Namen Rubato seit 15 Jahren immer wieder in China arbeiten. Sieben jungen chinesischen Tänzern stellten sie Fragen über ihren Alltag: Sie hofften, auf diese Weise etwas über die Ausbeutung von Wanderarbeitern und die Verletzung der Menschenrechte in China zu erfahren und dieses Material für ihre Stücke verwenden zu können. Dieser Blickwinkel interessierte die jungen Chinesen jedoch überhaupt nicht. Mit Lust und ästhetischer Finesse übten sie sich dagegen in der Karikatur von Markenfälschungen, Billigwaren und im Kopieren und Sampeln unterschiedlicher Lifestyles. "Look at me, I’m Chinese" hieß schließlich das Stück, das bei "Tanz im August" seine Uraufführung erlebte und ursprünglich als Teil des Programmschwerpunkts Menschenrechte gedacht war. Aber die Wege der Selbstbestimmung laufen eben manchmal anders als man denkt.

Tanz um ein verlorenes Land

Nur wenige Tanzstücke beziehen so dezidiert Haltung wie Héla Fattoumi oder wie der neuseeländische Regisseur Lemi ­Ponifasio in seinem Stück "Tempest: Without a Body", das ebenfalls in Berlin zu Gast war. Er arbeitet dabei mit Tame Iti, einem Maori-Aktivisten, der in seiner Sprache eine an die englische Queen gerichtete Anklage vorträgt: "Unser Land wurde gestohlen / Und unsere Gärten und Äcker / Unsere Vorfahren wurden entführt und aus ihren Häusern vertrieben." Man kann das nachlesen im Programmheft, aber während der Aufführung rollen die Worte dunkel, drohend und fremd auf den Zuschauer zu und könnten ebenso gut eine Abrechnung mit den Göttern sein.

Tame Iti tritt bei seiner Rede im Anzug auf, zuvor präsentierte er seinen tätowierten Körper. Was man sieht, fühlt und hört in "Tempest: Without a Body", ist vor allem eine große Klage und Trauer darüber, von den eigenen Wurzeln abgespalten zu sein. Irgendwo an einem sehr verlassenen Ort, in der Tiefe eines Abgrundes spielt das Stück, in dem jede Figur auch von einem großen Geheimnis umgeben ist. Der Schlüssel, um die ritualisierten Formen der Bewegung zu lesen, ist abhanden gekommen. Verantwortlich dafür ist die westliche Kultur der Gegenwart mit ihrem hegemonialen Anspruch.

Ponifasio ist ein weltweit tourender Künstler, der seine Auftritte nutzt, um die Folgen des Kolonialismus, die seine Heimat Samoa und andere pazifische Inseln noch heute erleiden, zum Thema zu machen. Etwas, das dem Untergang geweiht wurde, zu leben, müsste doch als Menschenrecht geschützt sein – das ist der Ansatz von Ponifasios Kunst.

Schrift und Menschenrechte

Einen ganz anderen Ansatz vertritt ein prominentes Tanzstück, nämlich "Human Writes" von William Forsythe. Darin geht es konkret um den Text der 1948 verabschiedeten Menschenrechte und um die Schrift als dem Medium von Gesetzen: "Das Gesetz existiert nicht ohne den Akt des Schreibens", führte Susanne Baer, Professorin für Recht und Gender Studies an der Humboldt-Universität Berlin, in einem begleitenden Vortrag aus. Und sie zitiert einen Kollegen: "Der Rechtstext ist nicht ­Behälter der Rechtsnorm, sondern Durchzugsgebiet konkurrierender Interpretationen."

Dass Sprache und Schrift äußerst fragile Medien sind, die erst in der Auslegung wirkmächtig werden, ist der Punkt, an dem Forsythe mit "Human Writes" ansetzt. In einem Raum voller Tische erlebt das Publikum die Arbeit des Schreibens als ein ständiges Ringen gegen Widerstände. Die mehr als 40 Tänzer, oft mit künstlichen Handicaps, bitten um Mithilfe, wenn sie mit schwarzer Kohle die Buchstaben des Gesetzestextes in vielen Sprachen auf die Tischplatten zeichnen. Die Körper werden dabei schwärzer und schwärzer, am Ende sehen sie aus wie Bergarbeiter. Sie gehen sozusagen mit allen Gliedern durch die Schrift hindurch, jeder Strich und jeder Bogen ist mit Anstrengung verbunden. Am Ende hinterlässt der Text eine Spur von Kampf, von Gemeinsamkeit, die von der Verletzbarkeit der Körper und der Verletzbarkeit der Schrift zeugt.

Die Gründe, weshalb sich derzeit so viele Choreografen mit dem Thema Menschenrechte befassen, sind vielfältig. Oft steht das Thema nicht explizit im Vordergrund, sondern wird erst durch eine Bündelung, wie bei dem Berliner Festival, sichtbar. Daraus die These abzuleiten, die internationale Tanzszene würde sich politisieren, wäre zu hoch gegriffen. Doch geht der zeitgenössische Tanz davon aus, dass Körper immer auch politisch definiert sind. Und die Menschenrechte sind eine Facette davon.

Die Autorin Katrin Bettina Müller ist Theaterkritikerin und lebt in Berlin.

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