Aktuell 02. November 2010

Zerstörte Häuser - zerstörte Zukunft

Ein Bagger zerstört Häuser in Port Harcourt, Nigeria, April 2010

Ein Bagger zerstört Häuser in Port Harcourt, Nigeria, April 2010

In der nigerianischen Hafenstadt Port Harcourt droht über 200.000 Menschen die Zwangsräumung. Sie sollen Platz machen für Geschäfts- und Freizeitzentren. Um Ersatzunterkünfte kümmern sich die Behörden nicht.

Von Malena Theele

Mit ohrenbetäubendem Lärm fressen sich die Bagger und Bulldozer mit ihren Schaufeln und Ketten durch den Slum. Motoren heulen auf, Holz und Glas zersplittern, Wände stürzen ächzend ein. Schreiend laufen Menschen durch die engen Gassen der Hafensiedlung Njemanze in der nigerianischen Millionenstadt Port Harcourt. Einige von ihnen können gerade noch ein paar Gegenstände aus ihren Häusern und Hütten retten, bevor diese dem Erdboden gleich gemacht werden. Rund 30 schwer bewaffnete Soldaten und Polizisten schützen die Fahrzeuge und hindern die Bewohner immer wieder daran, ihre Habseligkeiten zu retten. Männer in Zivil schlagen mit Peitschen auf die Bewohner ein und legen Brände. Die Sicherheitskräfte lassen sie gewähren. Am Ende des Tages haben über 13.000 Menschen kein Zuhause mehr.

Eine von ihnen ist die fünffache Mutter Love Basset Okpadio: "Wir haben sehr gelitten. Als die Bulldozer kamen, haben wir alles verloren: unsere Essensvorräte, den Fernseher und den Kühlschrank, meine Kleidung und die der Kinder, ihre Bücher und Geburtsurkunden. Wir konnten nichts dagegen tun." Die darauffolgende Nacht schlief sie gemeinsam mit ihrem Mann und ihren Kindern unter freiem Himmel, bei strömendem Regen.

Schüsse auf friedliche Demonstranten

Die Zwangsräumungen vom 28. August 2009 waren nach internationalem Recht illegal. Entgegen ihrer Verpflichtung hatten die Behörden die Bewohner weder rechtzeitig über die Aktion informiert noch ihnen Entschädigungszahlen oder angemessene Ersatzunterkünfte angeboten. Noch heute sind viele der Betroffenen obdachlos. Dies belegt ein Ende Oktober veröffentlichter Bericht von Amnesty International, in dem auch weitere Zwangsräumungen der vergangenen Monate dokumentiert sind. Sie brachten tausenden Menschen Leid und Unsicherheit, und doch könnten sie nur der bittere Vorgeschmack für noch Schlimmeres sein: Nach Informationen von Amnesty droht mehr als 200.000 Einwohnern wegen der geplanten Umgestaltung des Hafengebiets die Zwangsräumung.

Einwohner protestieren am Welt-Habitat-Tag 2009 (5. Oktober) gegen den Abriss ihrer Häuser in Njemanze und Port Harcourt

Einwohner protestieren am Welt-Habitat-Tag 2009 (5. Oktober) gegen den Abriss ihrer Häuser in Njemanze und Port Harcourt

Laut der nigerianischen Regierung ist der Abriss des Gebiets notwendig, um ein großes Hafenbauprojekt durchzuführen. Dabei sollen unter anderem Geschäfts- und Freizeitzentren entstehen. Allerdings wurde keine der betroffenen Gemeinden in die Pläne einbezogen. "Daraus resultieren große Ungewissheit und Verunsicherung", erklärt Tawanda Hondora, der stellvertretende Direktor des Afrikaprogramms von Amnesty International. Die Regierung müsse nach Alternativen suchen - Zwangsräumungen dürften nur der letzte Ausweg sein: "Sie werden hunderttausende Menschen noch tiefer in die Armut stürzen."

Sorgen bereitet dem Amnesty-Experten zudem die hohe Gewaltbereitschaft der Sicherheitskräfte. Jedes Jahr werden in Nigeria mehrere hundert Menschen von der Polizei erschossen. Als am 12. Oktober 2009 Bewohner der Ufersiedlung Bundu friedlich gegen eine geplante Zwangsräumung demonstrierten, schossen Polizisten und Soldaten wahllos in die Menge. Mindestens zwölf Menschen wurden lebensgefährlich verletzt, ein Mann starb. Hondora fordert daher die Behörden auf, den geplanten Abriss der Unterkünfte auszusetzen: "Die Regierung sollte die Räumungen in den Ufergebieten stoppen, bis sichergestellt werden kann, dass sie den internationalen Menschenrechtsstandards entsprechen."

"Wir schaffen die Menschen einfach weg"

Dass dieser internationale Druck helfen kann, zeigte sich im September dieses Jahres, als die Behörden eine angekündigte Räumung von Uferquartieren in Port Harcourt doch nicht durchführten. Amnesty International und andere zivilgesellschaftliche Gruppen in- und außerhalb Nigerias hatten vehement dagegen protestiert und in verschiedenen Ländern mit einer Eilaktion fast 30.000 Unterschriften gesammelt. Die hohe internationale Aufmerksamkeit hat bislang verhindert, dass die Bewohner ihre Häuser verlassen müssen. Die Bedrohung ist jedoch noch nicht vollständig abgewendet.

Dass es noch ein weiter Weg ist, um die Verantwortlichen zum Umdenken zu bringen, beweist nicht zuletzt folgende Aussage des zuständigen Gouverneurs gegenüber Amnesty im Dezember 2009: "Wir schaffen die Menschen einfach weg. Um Ersatzunterkünfte müssen sie sich dann selber kümmern."

Doch den meisten Betroffenen fehlen dafür einfach die Mittel. "Das Problem ist das Geld", berichtet Charity Roberts, eine Grundschullehrerin. Sie lebt in einem Haus, das abgerissen werden soll. "Im Moment haben die Menschen nicht einmal genug zu essen. Wie sollen sie da umziehen können? Es gibt einige Menschen, die ihren Lebensunterhalt zum Beispiel durch Fischerei bestreiten. Was sollen diese Leute machen, wenn sie aus der Hafenregion zwangsvertrieben werden?"

Auch Amnesty-Experte Hondora weist darauf hin, dass viele Menschen in Port Harcourt in ihren Unterkünften kleine Geschäfte oder Werkstätten betreiben. Verlieren sie ihr Zuhause, verlieren sie auch ihre Einkommensquelle. "Die Behörden zerstören durch die Zwangsräumungen daher nicht nur die Häuser der Menschen", so Hondora. "Sie zerstören auch ihre Zukunft."

Die Autorin ist freie Mitarbeiterin des Amnesty Journals.

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