Amnesty Journal Venezuela 05. Mai 2019

Bonbontüte in Bogotá, Zeichen eines Geflüchteten

Gibson im März 2019 in Bogotá

Venezolaner mit kolumbianischem Akzent. Gibson im März 2019 in Bogotá. 

Mehr als eine Million Venezolaner sind nach Kolumbien geflohen. Dort hat der Verteilungskampf um die knappen Hilfsmittel längst begonnen. 

Von Paul Hildebrand, Bogotá

Als die Fahrgäste ihre Gesichter abwenden, weiß Junior, dass ihm hier keiner einen Peso geben wird. Trotzdem spricht er ­weiter, ein kleiner Mann mit verzweifeltem Blick. Er erzählt von seiner Heimat, vom Hunger, von der Angst. Es ist früh morgens in Bogotá, der Hauptstadt Kolumbiens, und im Stadtbus drängen sich die Passagiere dicht an dicht. Es gibt Tausende junge Männer wie Junior, an jeder Straßenecke. Sie alle hoffen auf ein paar Pesos, auf etwas Wasser, auf eine rettende Hand. Junior sagt mit lauter Stimme: "Ich brauche Ihre Hilfe. Wenn ich bis heute Abend keine 20.000 Pesos habe, dann lande ich auf der Straße." Junior stammt aus Venezuela, er ist 30 Jahre alt und fährt ­jeden Tag Bus, um zu betteln.

20.000 Pesos sind umgerechnet etwa sieben Euro. So viel muss er für ein Zimmer im Zentrum von Bogotá bezahlen. Die Straßen dort sind schmutzig, Frauen bieten in den Hauseingängen ihre Körper an, Jugendliche schnüffeln an Klebstoffflaschen. In Juniors Armbeuge klemmt eine Tüte mit Bonbons, er verschenkt sie, wenn ihm jemand Geld gibt. In Bogotá senden die Bonbontüten ein eindeutiges Signal: Hier steht ein Geflüchteter aus Venezuela.

Die Lage in Kolumbiens Nachbarland ist dramatisch: Die Inflation ist schwindelerregend hoch, die Läden sind leer, Kriminalität herrscht allerorten. Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International berichten, dass Oppositionelle gefoltert und hingerichtet werden. Mehr als drei Millionen Venezolaner sind bereits geflohen – es ist eine der größten Flüchtlingskrisen weltweit.

Etwa die Hälfte von ihnen lebt nun in Kolumbien, bis zum Jahresende könnten es zwei Millionen sein, schätzen die UN, 300.000 allein in der Hauptstadt Bogotá. Täglich überqueren 30.000 Venezolaner die Grenze. Die meisten wollen nur Medikamente und Essen kaufen und kehren nach Venezuela zurück. Ganze Karawanen machen sich aber auf den beschwerlichen Weg weiter nach Westen, ins Landesinnere von Kolumbien, viele von ihnen zu Fuß. Wie Junior hoffen sie auf ein besseres Leben.

Massive soziale Probleme

Doch sie erreichen ein Land, das bereits unter massiven sozialen Problemen leidet. Jeder vierte Einwohner ist sehr arm, in Bogotá sogar jeder dritte. Ein halbes Jahrhundert Bürgerkrieg hat mehr als sieben Millionen Menschen zu Binnenflüchtlingen gemacht, von denen Hunderttausende in die Armenviertel der Hauptstadt drängten, lange bevor die Krise in Venezuela begann. 

An einem Montagmittag steht im Zentrum Bogotás eine Gruppe obdachloser Menschen vor einer Hilfseinrichtung und wartet auf das kostenlose Mittagessen. Einige von ihnen sind barfuß, ihre Gesichter schmutzig, die Hosen zerrissen. Seit einigen Wochen dürfen Venezolaner dort nicht mehr hinein. Wer Hilfe will, muss sich ausweisen können.

Die Gruppe vor dem Eingang ist sich einig: Venezolaner ­haben hier nichts zu suchen. Ein Mann sagt: "Die sollen sich um ihr eigenes Land kümmern. Hier stehlen sie uns die Arbeit. Wenn ich einen Job für 200 Pesos machen will, dann gibt es längst einen Venezolaner, der es für die Hälfte macht. Oder für weniger als die Hälfte." Es ist ein Verteilungskampf, der sich in Bogotá anbahnt: Zwischen Armen und noch Ärmeren.

Für die neu Angekommen bleiben kaum Ressourcen. Es gibt nur wenige Hilfsorganisationen, die sich für die Geflüchteten einsetzen. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen UNHCR bezeichnet die Situation als angespannt. Fast die Hälfte der Geflüchteten sind Frauen, viele von ihnen schwanger, viele krank. Jeder dritte geflohene Venezolaner ist minderjährig.

Kolumbien und Venezuela verbindet eine lange gemeinsame Geschichte. Noch vor zehn Jahren bot Venezuela aufgrund seines Ölreichtums die Chance, Arbeit zu finden. 1,5 Millionen Kolumbianer gingen deshalb ins Nachbarland. Jetzt hat sich die Situation umgekehrt. Von der Chance zu arbeiten, träumt auch Gibson. Der 26-Jährige sitzt in einem Innenhof in der Altstadt von Bogotá. Seit sechs Monaten lebt er nun schon in der Stadt, wie es weitergehen soll, weiß er nicht. Dabei hatte er Glück: Sein Bruder lebt schon lange in Bogotá. Er vermittelte Gibson einen Job in einem Hostel. Dort hat er Nachtschichten übernommen und fegt den Hof. Gibson wird dafür nicht bezahlt, sondern bekommt im Austausch einen Schlafplatz.

Gibson hatte im Sommer 2018 beschlossen, ein neues Leben zu beginnen. Zu diesem Zeitpunkt war die Situation in Caracas deprimierend, erzählt er. Es gab kaum Lebensmittel, keine Arbeit, keine Perspektive. Er kratzte sein Erspartes zusammen und stellte sich in die Warteschlange, um einen Busfahrschein zu kaufen. Vier Tage musste er warten, dann konnte er sich endlich auf den Weg machen. Als er die Grenze nach Kolumbien überquerte, habe sich das wie eine Befreiung angefühlt, doch als er schließlich Bogotá erreichte, sei ihm klar geworden, dass er in eine Sackgasse geraten war.

Gibson spricht mit kolumbianischem Akzent, den er sich schon nach wenigen Wochen in Bogotá angewöhnt hat. Niemand soll hören, dass er aus Venezuela stammt. Denn immer wieder kommt es in Kolumbien zu fremdenfeindlichen Übergriffen. Es gibt Geschichten von Lynchjustiz, von Überfällen, sogar von Morden – oft als Reaktion auf Gerüchte, die kursieren. Wenn etwas Schlimmes passiert, dann ist für viele Kolumbianer schnell klar: Der Täter kommt aus Venezuela.

Als im Herbst 2018 immer mehr Venezolaner am zentralen Busbahnhof in Bogotá strandeten, griff die Regierung ein. Sie ­errichtete im November ein großes Zeltlager, in dem Tausende Flüchtlinge untergebracht wurden. Es war eine große Willkommensgeste. Die Regierung erklärte, man müsse den Nachbarn helfen.

Doch schon drei Monate später wurde das Camp wieder ­abgebaut. Nun müssen sich die Geflüchteten auf eigene Faust durchschlagen.

"Das Leben hier ist hart"

Nur wenige hundert Meter vom Eingang des Busbahnhofs entfernt sitzt eine junge Frau mit ihrem Sohn in der prallen Sonne. Sie hält den Passanten Süßigkeiten entgegen, vor ihr liegt die Bonbontüte wie ein Hinweisschild. Doch die Menschen eilen an ihr vorbei. Niemand scheint sie zu sehen. Sie heiße Marianna, sagt sie, und sei 30 Jahre alt. Dann fängt sie an zu weinen. "Seit zwei Wochen bin ich in Bogotá. Das Leben hier ist hart. Aber drüben ist es noch schlimmer."

Marianna ist nicht die einzige, der er so geht. Bis zur nächs­ten Straßenecke sitzen zwanzig weitere Frauen und betteln. In den vergangenen Monaten befreite die kolumbianische Polizei Hunderte Frauen aus der Gewalt von Menschenhändlern. Die Geflüchteten waren eingesperrt und zur Prostitution gezwungen worden. Seit 2016 sind 75 Prozent der Opfer von Menschenhandel venezolanische Frauen und Kinder. Marianna ist am Ende ihrer Kräfte. Ihre Lippen sind trocken, ihre Augen gerötet. Sie ruft nicht mehr, steigt nicht in die Busse, bittet niemanden um Hilfe. Sie sitzt nur da und wartet darauf, dass ihr jemand etwas Geld für einen Schlafplatz schenkt.

Gibson hat derweil entschieden, nach Peru weiterzuziehen. Er sieht keine Perspektive mehr in Bogotá. Nach Lima sind es rund 3.000 Kilometer, das ist etwa so weit wie von Berlin an die syrische Grenze. Gibson ist nicht allein auf diesem Weg, Zehntausende Venezolaner reisen in die gleiche Richtung, immer weiter, in der Hoffnung auf ein neues Leben.

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