Gefahr für Menschen in Rakhine
Pagoden Bagan, Myanmar
© Amnesty
Nach einer Reihe von Angriffen auf Polizeieinrichtungen im Norden des Bundesstaates Rakhine gehen die Sicherheitskräfte massiv gegen die Bevölkerung vor. Sie begehen Menschenrechtsverletzungen, schränken aber auch den Zugang in die Region für humanitäre Organisationen, unabhängige Journalist_innen und Menschenrechtsbeobachter_innen ein.
Appell an
GENERALSTABSCHEF DER STREITKRÄFTE
Senior General Min Aung Hlaing
Ministry of Defense
Office 24
Nay Pyi Taw
MYANMAR
(Anrede: Dear Senior General / Sehr geehrter Herr General)
Fax: (0095) 67 404 299
E-Mail: admm.myanmar@mptmail.net.mm
AUSSENMINISTERIN
Daw Aung San Suu Kyi
Ministry of Foreign Affairs
Office No. 9
Nay Pyi Taw
MYANMAR
(Anrede: Your Excellency / Exzellenz)
Fax: (00 95) 67 412 439
E-Mail: mohamyanmar@gmail.com
Sende eine Kopie an
MINISTER FÜR SOZIALE ANGELEGENHEITEN UND EINGLIEDERUNG VON FLÜCHTLINGEN UND VERTRIEBENEN
Dr. Win Myat Aye
Ministry of Social Welfare, Relief and Resettlement
Office No. 23
Nay Pyi Taw
MYANMAR
Fax: (00 95) 67 404 335
E-Mail: chmyanmarnhrc@gmail.com
BOTSCHAFT DER UNION MYANMAR
I. E. Frau Yin Yin Myint
Thielallee 19
14195 Berlin
Fax: 030-2061 5720
E-Mail: info@botschaft-myanmar.de
Bitte schreiben Sie Ihre Appelle möglichst sofort. Schreiben Sie in gutem Birmanisch, Englisch oder auf Deutsch. Da Informationen in Urgent Actions schnell an Aktualität verlieren können, bitten wir Sie, nach dem 27. Dezember 2016 keine Appelle mehr zu verschicken.
Amnesty fordert:
LUFTPOSTBRIEFE, E-MAILS ODER FAXE MIT FOLGENDEN FORDERUNGEN
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Bitte stellen Sie sicher, dass die Zivilbevölkerung im Norden des Bundesstaates Rakhine geschützt wird und erlauben Sie humanitären Organisationen den umfassenden, sicheren und ungehinderten Zugang in die Region.
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Zudem bitte ich Sie, unabhängigen Beobachter_innen, Journalist_innen und Menschenrechtsexpert_innen den Zugang in den Norden des Bundesstaates Rakhine zu ermöglichen.
- Bitte leiten Sie umgehend eine unabhängige und unparteiische Untersuchung der Vorwürfe über Menschenrechtsverletzungen der Sicherheitskräfte ein. Wenn hinreichende Beweise vorliegen, müssen diejenigen, denen Straftaten zur Last gelegt werden, in fairen Verfahren ohne Rückgriff auf die Todesstrafe vor Gericht gestellt werden.
PLEASE WRITE IMMEDIATELY
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Calling on the Myanmar authorities to take immediate action to protect all civilians in northern Rakhine State and allow humanitarian organizations and agencies full, safe and unfettered access to the region.
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Calling on them to allow independent observers, journalists and human rights monitors to access northern Rakhine State; and
- Calling on them to immediately initiate an impartial and independent investigation into allegations of human rights violations by the security forces. Where sufficient evidence is gathered, those suspected of responsibility for crimes - including those with command responsibility - should be brought to justice in trials which meet international standards of fairness, without recourse to the death penalty.
Sachlage
Am 9. Oktober griffen Unbekannte drei Polizeiaußenstellen im Norden des Bundesstaates Rakhine an und töteten neun Grenzpolizist_innen und stahlen Waffen und Munition. Nach den Überfällen leiteten die Sicherheitskräfte eine umfassende Sicherheitsoperation ein und riegelten das Gebiet ab. Dadurch werden mehrere Tausend Menschen, die auf Hilfe von außen angewiesen sind, großer Gefahr ausgesetzt.
Vor dem Beginn des Vorgehens der Sicherheitskräfte waren rund 150.000 Menschen im Norden des Bundesstaates Rakhine, in dem die Mehrzahl der Angehörigen der ethnischen Gruppe der Rohingya lebt, auf humanitäre Unterstützung angewiesen. Der Grund dafür sind erhebliche Einschränkungen ihres Rechts auf Freizügigkeit und anderer Rechte. Seit dem 9. Oktober schränken die Behörden den Zugang in das Gebiet für humanitäre Organisationen ein, indem sie die regelmäßige humanitäre Hilfe aussetzen und verhindern, dass die Lage von ca. 15.000 vor kurzem vertriebenen Menschen geprüft wird. Die strengen Einschränkungen bedeuten, dass viele Angehörige der Rohingya in ihren Dörfern bleiben müssen. Auch der Zugang zur Gesundheitsversorgung, darunter auch lebensrettende medizinische Behandlungen, wird nur eingeschränkt zugelassen. Am 6. November war es Vertreter_innen des Welternährungsprogramms möglich, sich ein Bild der Lage in vier betroffenen Dörfern zu verschaffen und dort Lebensmittel zu verteilen, andere Dörfer in der Region haben aber bislang keine Lebensmittellieferungen oder andere Unterstützung erhalten.
Amnesty International erhält zudem immer wieder Berichte über Menschenrechtsverletzungen, die Sicherheitskräfte im Zuge ihrer Operationen an Angehörigen der Rohingya begehen. Dazu zählen rechtswidrige Tötungen, Vergewaltigungen und andere Formen sexueller Gewalt, willkürliche Festnahmen und Inhaftierungen. Die Regierung bestreitet diese Vorwürfe, verwehrt aber de facto auch unabhängigen Beobachter_innen und Menschenrechtsexpert_innen den Zugang zu dem Gebiet.
Hintergrundinformation
Der Norden des Bundesstaates Rakhine (Northern Rakhine State, Bezeichnung für die beiden Townships Maungdaw und Buthidaung) liegt im Westen von Myanmar und grenzt an Bangladesch. Dort leben mehrheitlich Angehörige der ethnischen Gruppe der Rohingya, aber auch andere ethnische Minderheiten, wie die buddhistischen Rakhine. Die Rohingya sind seit Jahrzehnten Unterdrückung und Diskriminierung ausgesetzt. Dazu zählen umfassende Beschränkungen ihres Rechts auf Freizügigkeit, wodurch ihr Zugang zu gesundheitlicher Versorgung, Bildung und Erwerbsmöglichkeiten erheblich behindert wird. Aufgrund der fortgesetzten Unterdrückung sind in den vergangenen Jahren Tausende Rohingya geflohen und haben in anderen Ländern Zuflucht gesucht.
Seit den Überfällen vom 9. Oktober hat sich die Situation im Norden von Rakhine noch weiter verschlechtert. Die Behörden beschuldigen Rohingya-Gruppen, für die Angriffe verantwortlich zu sein, obwohl bislang über die Täter_innen keine Informationen vorliegen. Die Sicherheitskräfte haben umfassende Fahndungsmaßnahmen eingeleitet und das Gebiet auf der Suche nach den Täter_innen und den gestohlenen Waffen durchkämmt. Die Behörden schreiben einen weiteren Angriff auf einen Grenzposten am 3. November, bei dem ein Grenzbeamter getötet wurde, ebenfalls Rohingya-Gruppen zu. Amnesty International erkennt das Recht und die Pflicht der Behörden von Myanmar an, die Bevölkerung und die Sicherheitsbehörden vor Angriffen zu schützen und die Verantwortlichen für die Angriffe vom 9. Oktober und 3. November zu ermitteln und vor Gericht zu stellen. Die Behörden müssen jedoch sicherstellen, dass die als Reaktion auf die Angriffe eingeleiteten Maßnahmen verhältnismäßig sind und dabei keine Menschenrechtsverletzungen begangen werden. Die Ermittlungen sollten fair, transparent und in Übereinstimmung mit dem Völkerrecht erfolgen.
Vertreter_innen der Regierung haben wiederholt Berichte über Menschenrechtsverletzungen der Sicherheitskräfte zurückgewiesen und erklärt, die Berichte seien von Gegner_innen der Regierung konstruiert worden, um internationale Unterstützung zu erhalten. In einigen Fällen werfen sie Angehörigen der Rohingya vor, in Dörfern ihre eigenen Häuser niedergebrannt zu haben, um so den Anschein zu erwecken, als habe das Militär das Dorf niedergebrannt. In den staatlichen Medien wird den an den Angriffen Beteiligten vorgeworfen, "die Lage zu destabilisieren und dabei das Ziel zu verfolgen, die örtliche Bevölkerung, die zurückkehren will, abzuschrecken und die Sicherheitskräfte zu Sündenböcken zu machen".
Seit Beginn der Sicherheitsoperationen haben mehrere UN-Expert_innen ihre Sorge über die Situation im Norden von Rakhine zum Ausdruck gebracht. Am 24. Oktober hat eine Gruppe von UN-Expert_innen, darunter der Sonderberichterstatter über die Menschenrechtssituation in Myanmar, der Sonderberichterstatter über außergerichtliche, summarische und willkürliche Hinrichtungen und der Sonderberichterstatter für die Menschenrechte Binnenvertriebener, in einer gemeinsamen Erklärung die Behörden von Myanmar aufgefordert, die schweren Menschenrechtsverletzungen im Norden des Bundesstaates Rakhine zu beenden und humanitären Organisationen den Zugang zu ermöglichen. Am 8. November hat das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNICEF) eine Stellungnahme veröffentlicht, in der auf die Gefahren für Kinder im Norden von Rakhine durch die eingeschränkte humanitäre Unterstützung hingewiesen wurde. Am 11. November hat die UN-Sonderbeauftragte für sexuelle Gewalt in Konflikten die Behörden von Myanmar aufgefordert, Vorwürfe über die von Sicherheitskräften begangene sexuelle Gewalt zu untersuchen.