Uigure verschleppt
Ilham Tohti, bekannter uigurischer Wissenschaftler und Gründer der Webseite "Uighur Online", wurde am 15. Januar von Angehörigen der chinesischen Behörden aus seiner Wohnung in Peking entführt. Sein derzeitiger Aufenthaltsort ist nicht bekannt. Ihm drohen Folter und anderweitige Misshandlungen.
Appell an
PRÄSIDENT
XI Jinping Guojia Zhuxi
The State Council General Office
2 Fuyoujie
Xichengqu, Beijingshi 100017
VOLKSREPUBLIK CHINA
(Anrede: Your Excellency / Exzellenz)
Fax: (00 86) 10 6238 1025
E-Mail: gov@govonline.cn
MINISTERPRÄSIDENT
LI Keqiang Guojia Zongli
The State Council General Office
2 Fuyoujie, Xichengqu, Beijingshi 100017
VOLKSREPUBLIK CHINA
(Anrede: Your Excellency / Exzellenz)
Fax: (00 86) 10 6596 1109
Sende eine Kopie an
LEITER DER JUSTIZBEHÖRDEN VON XINJIANG
Abuliz Usour Tingzhang
Xinjiang Weiwuer Zizhiqu Sifating
27 Renminlu
Urumqi 830
Xinjiang Weiwuer Zizhiqu
VOLKSREPUBLIK CHINA
(Anrede: Dear Director / Sehr geehrter Herr Direktor)
Fax: (00 86) 99 1231 1590
BOTSCHAFT DER VOLKSREPUBLIK CHINA
S. E. Herrn SHI Mingde
Märkisches Ufer 54
10179 Berlin
Fax: 030-2758 8221
Bitte schreiben Sie Ihre Appelle möglichst sofort. Schreiben Sie in gutem Chinesisch, Englisch oder auf Deutsch. Da Informationen in Urgent Actions schnell an Aktualität verlieren können, bitten wir Sie, nach dem 12. März 2014 keine Appelle mehr zu verschicken.
Amnesty fordert:
FAXE ODER LUFTPOSTBRIEFE MIT FOLGENDEN FORDERUNGEN
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Ich bitte Sie dafür zu sorgen, dass der Aufenthaltsort von Ilham Tohti umgehend bekanntgegeben wird.
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Bitte lassen Sie Ilham Tohti umgehend und bedingungslos frei, da er ein gewaltloser politischer Gefangener ist, der allein wegen der friedlichen Ausübung seines Rechts auf freie Meinungsäußerung festgehalten wird.
- Bitte stellen Sie sicher, dass Ilham Tohti während seiner Haft weder gefoltert noch anderweitig misshandelt wird. Gewähren Sie ihm Zugang zu einem Rechtsbeistand seiner Wahl, zu seiner Familie und zu jeder nötigen medizinischen Versorgung.
PLEASE WRITE IMMEDIATELY
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Urging the authorities to immediately disclose Ilham Tohti’s whereabouts.
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Calling on them to immediately and unconditionally release Illham Tohti as he is a prisoner of conscience, detained solely for the peaceful exercise of his right to freedom of expression.
- Urging them to ensure that while Ilham Tohti remains in custody he is not subjected to torture or other ill-treatment, that he has access to legal representation of his choice, his family and any medical care he may require.
Sachlage
Am 25. Januar wurde Ilham Tohti vom Amt für öffentliche Sicherheit für Urumqi in Peking einer Reihe von Verstößen beschuldigt, darunter die Verwendung seiner Webseite "Uighur Online" zur Rekrutierung von Gefolgsleuten für "separatistische Betätigungen". Amnesty International betrachtet ihn hingegen als gewaltlosen politischen Gefangenen, der nur aufgrund der friedlichen Ausübung seines Rechts auf freie Meinungsäußerung inhaftiert ist.
Ilham Tohti ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Zentralen Universität für nationale Minderheiten in Peking und ein bekannter Kritiker im Hinblick auf Chinas Umgang mit ethnischen und religiösen Minderheiten in der autonomen Uiguren-Provinz Xinjiang (Sinkiang) im Nordwesten des Landes. Dort ist es in den vergangenen Jahren zu mehreren gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Uiguren und Sicherheitskräften gekommen. Die ethnischen Spannungen in der Autonomen Region Xinjiang sind durch Einschränkungen der Religionsfreiheit, Diskriminierung bei der Arbeitsplatzvergabe und durch politische Ausgrenzung noch weiter verschärft worden.
Ilham Tohti wurde inhaftiert, kurz nachdem die Kommunistische Partei Chinas am 19. Dezember 2013 ein neues "großes strategisches Programm" für die Autonome Region Xinjiang gestartet hatte. Dieses erklärt den "Erhalt der gesellschaftlichen Stabilität" zum strategischen Hauptziel in Xinjiang. Gleichzeitig kündigte der Bürgermeister Pekings, Wang Anshun, am 16. Januar diesen Jahres an, die Regierung werde die Kontrolle des Internets im Zuge von Antiterrormaßnahmen verschärfen. Tatsächlich hat die Regierung die Kontrollen im Internet auf breiter Ebene ausgebaut. Zudem sind Mitglieder der "Neuen Bürgerbewegung", einem lockeren Netzwerk von AktivistInnen, die sich für eine transparente Regierung und die Aufdeckung von Korruptionsfällen einsetzen, inhaftiert worden.
Hintergrundinformation
Ilham Tohti, der selbst Uigure ist, kommentiert seit Jahren die Lage der Uiguren in China. Seine Webseite "Uighur Online" berichtete über Menschenrechtsverletzungen, die nicht nur an Uiguren, sondern auch an der ethnischen Mehrheit der Han-Chinesen verübt werden. Die Webseite ist von den Behörden bisher mindestens zweimal geschlossen worden: einmal vor den Olympischen Spielen in Peking 2008 und ein weiteres Mal über einen Monat lang zwischen März und April 2009. Außerdem stellten die Behörden Ilham Tohti unter Überwachung und verhörten ihn nach einer Frankreichreise im März 2009, auf der er Medieninterviews gab und Chinas Umgang mit seinen ethnischen Minderheiten kritisierte.
Am 5. Juli 2009 versammelten sich mehrere Hundert Uiguren in Urumqi, der Hauptstadt der Autonomen Region Xinjiang, um gegen die Untätigkeit der Regierung bei der Ermordung von uigurischen WanderarbeiterInnen am 26. Juni in Shaoguan in der Provinz Guangdong zu protestieren. Die anfangs friedlichen Proteste arteten in Krawalle aus, als die Polizei Gewalt gegen die Protestierenden anwendete. Dabei sind nach offiziellen Zahlen 197 Menschen, hauptsächlich Han-Chinesen, getötet worden. Nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua nahmen die chinesischen Behörden mehr als 1.400 Beteiligte fest, darunter auch mehrere Schlüsselfiguren, die man der Anstiftung der Unruhen beschuldigte. Ilham Tohti war zwischen dem 8. Juli und dem 23. August 2009 willkürlich inhaftiert, kurz nachdem die Behörden den Vorwurf erhoben hatten, die auf seiner Webseite veröffentlichten Artikel hätten die Gewalt in Urumqi angeheizt. Seitdem wird er regelmäßig inhaftiert und unter Hausarrest gestellt.
Am 15. Januar 2014 wurden neben Ilham Tohti auch acht seiner StudentInnen von der Zentralen Universität für nationale Minderheiten, die der uigurischen Minderheit angehören, inhaftiert. Obwohl China das UN-Übereinkommen gegen Folter 1988 ratifiziert hat, sind Folter und Misshandlungen von Gefangenen in ganz China an der Tagesordnung.
Die Uiguren sind eine größtenteils muslimische ethnische Minderheit, die hauptsächlich in der Autonomen Region Xinjiang lebt. Seit den 1980er Jahren werden die Uiguren immer wieder Opfer von systematischen schweren Menschenrechtsverletzungen wie willkürlichen Festnahmen und Inhaftierungen, Haft ohne Kontakt zur Außenwelt, Einschränkung der Religionsfreiheit sowie der Einschränkung sozialer und kultureller Rechte. Die lokalen Behörden kontrollieren die Religionsausübung weiterhin streng. So ist es beispielsweise allen RegierungsmitarbeiterInnen und Kindern unter 18 Jahren verboten, in Moscheen zu beten. Die Politik der chinesischen Regierung, die den Gebrauch der uigurischen Sprache und die Religionsfreiheit in erheblichem Maße einschränkt, trägt in Verbindung mit dem kontinuierlichen Zustrom von Han-Chinesen in die Region zur Zerstörung der Sitten und Gebräuche der UigurInnen bei und schürt, einhergehend mit der Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt, die Unzufriedenheit und den ethnischen Konflikt. Die Lage hat sich seit den Angriffen auf das World Trade Center in New York am 11. September 2001 noch weiter zugespitzt, da die chinesischen Behörden ein Vorgehen gegen den Terrorismus als Vorwand dafür verwenden, um die Menschenrechte der UigurInnen noch weiter zu unterdrücken.