Amnesty Journal 19. Februar 2021

Daddeln macht endlich Sinn

Ein junger Mensch in einer Jeansjacke steht im Wald, breitet die Arme aus und hat den Kopf bei geschlossenen Augen in den Nacken gelegt; hinter ihm sind eine weitere Person, ein Allradwagen und Bäume.

Eine Transgender-Person als Hauptfigur: Szene aus dem Spiel "Tell Me Why".

Computer- oder Handyspiele können mehr als unterhalten. Die sogenannten Serious Games inszenieren Themen wie Flucht, LGBTI, Ausbeutung oder politischen Widerstand.

Eine Auswahl von Klaus Ungerer

Serious Games, seriously? Für den Gewohnheitsdaddler klingt das ein bisschen wie Veganschnitzel für den Fleischfreund: Wenn Spiele mir eine Einsicht vermitteln sollen, wenn sie im weitesten Sinne pädagogisch sind – wo bleibt dann der Spaß? Schließlich will man doch rumballern, Abenteuer erleben, kämpfen, auch gern hemmungslos böse sein können. Gerade wenn das eigene Leben brav und geordnet dahinplätschert, verlangen Fantasie und Spieldrang nach einem Ausgleich. Nach dem wilden Leben.

Serious Games gibt es trotzdem schon lange, sie sind schlicht gesagt: Lernspiele, oder enger gefasst: Spiele der Aufklärung. Weltverbessernde Spiele. Die den Spieler an seiner Spielfreude packen, um ihm etwas zu zeigen. Um ihn, anders als ein Buch oder ein Film es kann, in die Rolle des Anderen zu stupsen, des Unterprivilegierten, Ausgegrenzten. Allerdings: Wo das Gute gewollt ist, sind die Etats oft kleiner, und so reißen die üblichen Serious Games keinen 14-Jährigen vom Hocker. Die meisten sind eher simpel, aber doch für ein paar Stunden spielbar. "3rd World Farmer" etwa entführt uns in den Teufelskreis des Überlebens, dem ein afrikanischer Bauer in einer Krisenregion ausgesetzt ist. Bei "Spent" wird man zum unterbezahlten Arbeiter in einem Land, das über kein ausreichendes Sozial- und Gesundheitssystem verfügt. Wie lange hält man durch, ehe wieder Geld reinkommt? Meldet man den kleinen Unfall, den man verursacht hat, oder haut man lieber ab? Bezahlt man dem Kind Schulessen oder lässt man zu, dass es gehänselt wird? Ein würdevolles Dasein ist erst ab einem bestimmten Einkommen möglich. In "Frontiers" lässt sich die Abschottung der EU-Außengrenzen als Fliehender oder als Grenz­wächter erleben.

Tell Me Why

Einen nächsten Schritt will nun "Tell Me Why" unternehmen, das exklusiv für Microsoft entwickelt wurde. Es ist das erste ­Projekt der Gamingindustrie, das eine Transgender-Person als Hauptfigur hat. Damit gehe das Entwicklerstudio Dontnod ein Risiko ein, hieß es. Denn ist die Welt schon bereit für einen Transgender-Charakter als Hauptfigur? Fakt ist, Spieler sind ja einiges an Identitätswechseln gewohnt, dem Verkauf aber schadet die zusätzliche Aufmerksamkeit wohl eher nicht.

Spielerisch ist "Tell Me Why" eher unscheinbar, selten kommt der Spieler über die Rolle des Geschichten-Anschiebers hinaus: Dieses Adventure hat sich schon stark dem Psychodrama-Film angenähert. Die Rätsel sind einfach, es geht weniger um Spannung als darum, die Spieler in die Lebenswelt Tylers einzuführen, der vor zehn Jahren in den Tod seiner Mutter verwickelt war, als er noch im Körper eines Mädchens steckte. Wie kam es zu dem verhängnisvollen Abend? Tyler und seine Schwester Alyson, jetzt junge Erwachsene, kehren zurück an den Ort ihrer Kindheit, den Ort, an dem die Mutter in den Wochen vor ihrem Tod immer seltsamer wurde, einen Ort, an dem es unausgesprochene Geheimnisse gibt. Ein vernünftiges, spielenswertes Spiel mit vernünftigen, spielenswerten Charakteren. Welche Geschlechtsidentität die nun haben – who cares? Dieses innere Achselzucken ist vielleicht wertvoller als jeder Versuch, ein mögliches Aufregerthema zu setzen.

"Tell Me Why" ist für Windows und Xbox One erschienen und kostet ­ungefähr 30 Euro.

Comichaft dargestellte Szene, in der Menschen in einem Zeltlager ein Zelt aufbauen.

Fluchtbegleitung per Handy: Szene aus "Bury me, my love".

Bury me, my love

Du bist Majd. Nour ist deine Frau. Während du im kriegsgebeutelten Syrien bleiben musst, macht sich Nour auf den Weg nach Europa. Alles, was du tun kannst, ist, ihre Nachrichten im Messenger zu lesen, ihr zu antworten, sie zu ermutigen auf ihrem langsamen, gefahrvollen Weg in ein erhofftes Leben ohne Angst. Ist dem Schleuser wirklich zu trauen? Sieht das Boot vertrauenswürdig aus? Soll sie einem Gerücht folgen und ihre Route ändern? Soll sie es zu Fuß über die nächste Grenze versuchen oder sich in einen Zug setzen? Was Nour widerfahren kann, hängt auch davon ab, wie du sie berätst und ob du ihr gut zuhörst. Das Gespräch findet vor deinen Augen statt – auf deinem Handy.
Das Spiel überzeugt durch seine schlichte, aber schöne Gestaltung, und die Spielwelt überschneidet sich mit deiner. Dein Handy ist Majds Handy. Du kannst sogar in Echtzeit spielen, da geht es dann oft über viele Stunden nicht weiter, da Nour gerade in Abenteuer verwickelt ist, die sie vielleicht überlebt – und die sie immer weiter von dir entfernen. Es gibt viele Wege, einen geliebten Menschen zu verlieren.

"Bury me, my love" ist für Nintendo Switch, Android, Microsoft Windows und iOS zum Preis von knapp 5 Euro erschienen.

Comicdarstellung: Zwei Menschen beobachten den brennenden und rauchenden Reichstag.

Im Widerstand: Szene aus dem Spiel "Through the Darkest of Times".

Through the Darkest of Times

Rundenbasierte Aufbauspiele sind ein ehrwürdiges Genre, und für gewöhnlich bedienen sie einen kindlichen Optimismus. Das Land, das man regiert, der Bauernhof, den man führt, oder der Fußballclub, den man managt – sie werden im Laufe des Spiels immer größer, schöner, erfolgreicher. Bei "The Darkest of Times" liegt von Anfang an die Ahnung in der Luft, dass die Dinge keinesfalls gut ausgehen werden. Denn um die eigene kleine Gruppe von Widerständlern herum wächst die Dunkelheit – das Dritte Reich.

Angesiedelt in Berlin ab 1933, stellt das Spiel eine existenzielle Frage: Auch wenn ich weiß, dass die Welt untergeht, was werde ich tun? Man rettet eben, was zu retten geht, das kleine biss­chen Menschlichkeit. Unter immer widrigeren Bedingungen muss der Spieler als Gruppenchef versuchen, Geld zu beschaffen, neue Mitglieder anzuwerben und Aktionen gegen das Regime durchzuführen. Von Anfang an strampelt man dabei gegen den Sog des Untergangs: Mitglieder steigen unter Druck aus oder werden verhaftet, jeder kleine Schritt ist mit Gefahren verbunden, und sei es nur das Einkaufen von Papier für das nächste Flugblatt. Macht das etwa Spaß? Oh ja.

"Through the Darkest of Times" ist für verschiedene Plattformen für rund 15 Euro erscheinen, eine Version fürs Handy kostet ca. 8 Euro.

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