Amnesty Journal Israel und besetzte Gebiete 22. Juli 2015

Kunst auf den Konfliktlinien

Mit seinem neuen Film »Mein Herz tanzt« widmet sich Regisseur Eran Riklis den Arabern, die in Israel leben.

Von Jürgen Kiontke

Mein Vater ist Terrorist!« – Erst gestern hat sich Eyad von seinem jüdischen Kumpel aus der Zeitung vorlesen lassen. Und da stand drin, dass sein »Baba« unter diesem Vorwurf verhaftet wurde. Zwar kam er nach zwei Tagen wieder frei und war unschuldig. Der Lehrer, der dem jungen israelischen Araber auf die Hände schlägt, kann dies jedoch nicht wissen. »Tagelöhner« sei der, nicht »Terrorist«. Darauf beharrt die Lehrkraft.

Diese Kindergeschichte deutet an: Konfrontationen aller Art und harte Bruchlinien sind das Geschäft von Eran Riklis, aus dessen neuem Film »Mein Herz tanzt« diese Szene stammt
.
Den Regisseur von Filmen wie »Lemon Tree« (2008) und »Zaytoun – Geborene Feinde, Echte Freunde« (2012) interessieren geradlinige Plots wenig. Israels bekanntester Filmemacher liebt es, Irrwitz auszustellen. Davon findet er im Zusammenleben bzw. Nichtzusammenleben zwischen Arabern – 1,6 Millionen von ihnen wohnen in Israel – und Juden jede Menge.

Und so ist es kein Wunder, dass er auf die Bücher des Schriftstellers Sayed Kashua stieß. Der Palästinenser mit israelischem Pass, der zu den meistgelesenen Autoren des Landes gehört, schreibt über Identitätsprobleme der einen wie der anderen Gruppe – und über sich selbst gleich zweimal: Als ehemaliger Schüler eines Jerusalemer Eliteinternats hat er in seinem Buch »Tanzende Araber«, das er zum Drehbuch von Riklis’ Film umarbeitete, eine Menge über Selbstfindung zu berichten.

Der Plot ist zunächst eine mitreißende und doppelte Liebesgeschichte zwischen dem Jugendlichen Eyad (Tawfeek Barhom) und der jüdischen Mitschülerin Naomi (Danielle Kitzis), die bei den Eltern der beiden auf Widerstand stößt. Ebenso findet Eyad dort seinen besten Kumpel Yonatan (Michael Moshonov), der an einer unheilbaren Muskelerkrankung leidet.

Gemeinsam befassen sich die drei mit dem schwierigen Lernstoff, den Jerusalem als Lehranstalt darstellt. Über insgesamt zwei Jahrzehnte erstreckt sich die Erzählung. Sie ist – einfach wie augenfällig – nach Kriegen strukturiert, vom Libanon-Konflikt in den achtziger Jahren bis zum Zweiten Golfkrieg, als die arabischen Israelis auf den Dächern stehen und Saddam Husseins Scud-Raketen zujubeln, die die Juden umbringen mögen – tatsächlich aber in ihren eigenen Häusern landen.

Der Film zeigt die Anfeindungen der Mitschüler, der Familien, der Soldaten. Allen gemein ist: Sie erzeugen aus Angst Angst. Wie Kashua teilt auch Riklis gern mit Blick aufs Absurde aus. Aber sie verteidigen auch mit allen Mitteln die Liebe ihrer Filmfiguren zueinander, selbst als diese sich gegeneinander entscheiden: Die eine zieht es zur Armee, der andere verschwindet unter falschem Namen. Der dritte wird begraben.

Dagegen teilen Riklis wie Kashua die Vision nicht nur eines friedlichen, sondern auch kreativen Miteinanders. »Immer dann, wenn in unserer Region die Staatenlenker keine Vision haben, liegt es an Künstlern, Verantwortung zu übernehmen«, sagt Riklis. Die würde er gern auch über die Grenzen hinaus verwirklicht sehen: »Ich träume schon lange von einer starken Movie-Community in unserer Region.« Aber er klagt auch, dass israelische Filme kaum jemals von großen arabischen Festivals eingeladen würden.

Eigentlich kommen sie an »Mein Herz tanzt« kaum vorbei. Dies ist ein schönes, manchmal nervenzerrendes, immer aber komplexes Kunstwerk, Entwurf für die Zukunft inklusive: Sie ist offen, lose, brüchig. Keine Ahnung habe er, sagt Riklis, wie sich Kashua weiterentwickle. Wahrscheinlich müsse er irgendwann einen zweiten Teil der Geschichte drehen.

»Mein Herz tanzt«. ISR, D, F 2014. Regie: Eran Riklis. Darsteller: Tawfeek Barhom, Danielle Kitzis.

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