Amnesty Journal Iran 03. Juni 2014

Kreativ gegen die Zensur

Das Filmfestival in der Schweizer Stadt Fribourg hat dem Iran einen Schwerpunkt gewidmet. Zu sehen gab es Filme aus einem Land, in dem Zensur Tradition hat. Und in dem Filmemacher geübt darin sind, diese Beschränkungen subversiv zu umgehen.

Von Jens Dehn

Manchmal machen sie auch einfach dumme Sachen. Wenn sie wirklich gewusst hätten, welche Wellen der Panahi-Fall schlägt, wie groß das Ganze wird, dann hätten sie es nicht getan. Das Regime hat dafür einen hohen Preis zahlen müssen.« Aus Ehsan Khoshbakhts Worten klingt fast schon ein wenig Mitleid. Der im Exil lebende Filmkritiker und Blogger bezieht sich auf den Prozess im Jahr 2010 gegen den iranischen Regisseur Javar Panahi, der zunächst zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde, die man später in Hausarrest und ein Berufsverbot umwandelte. Panahis »Vergehen« bestand darin, dass er einen Film drehen wollte über die Proteste gegen die Wiederwahl Mahmud Ahmadinedschads und deren gewaltsame Niederschlagung durch staatliche Milizen. »Gefährdung der nationalen Sicherheit«, hieß das dann offiziell. Die Empörung in der westlichen Filmwelt war und ist groß.

Gemeinsam mit Panahi verhaftet wurde seinerzeit Mohammad Rasulof. Dessen jüngster Film »Manuscripts don’t burn« war Anfang April im Wettbewerb des Internationalen Filmfestivals Fribourg (FIFF) zu sehen. Er handelt von zwei staatlichen Auftragsmördern, die auf der Suche sind nach Kopien eines autobiografischen Manuskripts, die ein Schriftsteller versteckt hat. Darin offenbart er einen missglückten Anschlag auf mehrere Autoren und Journalisten, der vom Regime in Auftrag gegeben wurde. Festivaldirektor Thierry Jobin, der mit Rasulof befreundet ist, widmete dem Regisseur die Eröffnungsveranstaltung des FIFF. Persönlich teilnehmen konnte Rasulof nicht, sein Pass wurde ihm im vergangenen Jahr abgenommen. Das sind die Folgen, mit denen man als Filmemacher rechnen muss, wenn man das Regime angreift.

»Das Problem ist, dass es keine Regeln gibt«, sagt Jobin. »Man kommt an den Flughafen, und wenn man Glück hat und an den Richtigen gerät, wird man durchgewunken. Wenn nicht, muss man bleiben.« Rasulof hatte in der Vergangenheit häufig Glück. Doch seine Erwartungen an die neue Regierung wurden ihm zum Verhängnis. Als Hassan Rohani im Juni 2013 als Sieger aus der Präsidentschaftswahl hervorging, haben sich die Menschen im Iran viel von ihm versprochen. Sein Vorgänger Ahmadinedschad hatte das Land immer tiefer in die Isolation getrieben. Der neue Mann stand für die Hoffnung auf mehr Liberalität. Im April 2014 ist von dieser Hoffnung nicht allzu viel übrig. Die Zensur ist weiterhin allgegenwärtig.

Zensur spielt im Iran schon seit den fünfziger Jahren eine Rolle. Unter Schah Mohammad Reza Pahlavi orientierte man sich zunächst am Vorbild der Türkei: Da Staatsführer Atatürk sein Land modernisieren wollte, war es in der Türkei verboten, religiöse Themen aufzugreifen – der Islam durfte in keiner Form gezeigt werden. Die iranischen Zensoren variierten dies: Bei ihnen durfte lediglich kein negatives Bild des Islam gezeichnet werden. Was sich nach der Revolution im Jahre 1979 drastisch änderte, war das Ausmaß der Zensur: Die Vorschriften und Reglementierungen wurden strikter, der Druck auf die Regisseure nahm zu. Nacktheit ist verboten, Frauen dürfen nur mit Kopftuch gezeigt werden. Doch von solch klaren Regeln abgesehen, gibt es auch viele weiche Faktoren. Ein Film darf nicht der »islamischen Moral« widersprechen, doch der Begriff ist nicht exakt definiert und lässt Platz für individuelle Interpretationen.

In der Praxis bedeutet das, dass ein Filmemacher schon eine Genehmigung braucht, wenn er nur plant, ein Drehbuch zu schreiben. Selbst nachdem alle Hürden genommen sind und der fertige Film ins Kino kommt, gibt es Risiken. Denn wenn er einer Autorität in einer Provinz des Iran nicht gefällt, kann diese dafür sorgen, dass der Film landesweit wieder aus den Kinos verschwindet. Ehsan Khoshbakht sieht einen Grund für die Willkür des iranischen Zensursystems in dem Apparat dahinter: »Innerhalb der Zensur wollen die Leute kreativ sein, also sagt ­einer: ›Lass uns Panahi verhaften.‹ Manchmal fängt alles mit ­einer kleinen bürokratischen Sache an. Ich bin mir zu hundert Prozent sicher, dass das Regime einige seiner Fehler bereut. ­Panahis Fall ist extrem – 20 Jahre Gefängnis für die Idee, einen Film zu machen. Nicht einmal Stalin hat das geschafft.«

Mohammad Rasulof verzichtet bei »Manuscripts don’t burn« darauf, Mitarbeiter und Schauspieler namentlich im Abspann zu nennen – um sie auf diese Weise zu schützen. Es ist nicht der einzige Film aus jüngster Zeit, der die Mitarbeiter der Produktion anonymisiert. Man denke an Joshua Oppenheimers Dokumentarfilm »The Act of Killing«, der den Namen des Co-­Regisseurs zu dessen Schutz verheimlicht. »Es ist aber auch ein Code«, erklärt Ehsan Khoshbakht. »Ich glaube nicht, dass die ­Regierung den zweiten Tontechniker verhaften würde, weil er an dem Film mitgewirkt hat. Aber auf die Credits zu verzichten, ist auch eine Geste, ein symbolischer Akt.«

Beim Filmfestival Fribourg stand der Iran in diesem Jahr ­besonders im Fokus. Mit »Manuscripts don’t burn« und »Fish & Cat« von Shahram Mokri waren gleich zwei Filme im Wett­bewerb vertreten. Zudem initiierte Festivalleiter Thierry Jobin eine Retrospektive zum iranischen Kino, die auf den Festivals in Edinburgh und Toronto fortgeführt wird. »Seit Jahren sehen wir all diese großartigen iranischen Filme, doch unser Wissen über diese nationale Filmgeschichte ist dennoch bruchstückhaft. Das hat mich frustriert«, so Jobin.

Das iranische Kino ist eines der ältesten der Welt und auch eines der produktivsten. Kino bedeutet für viele Iraner Freiheit, Gemeinschaft, Kommunikation, Wissen und Information. Und durch die Zensur haben die Menschen gelernt, zwischen den Zeilen zu lesen. »Nader und Simin – Eine Trennung« etwa war im Iran gleichermaßen erfolgreich wie im Westen. Der Film gewann viele bedeutende Preise – vom Goldenen Bären der Berlinale bis zum Oscar. Während westliche Zuschauer darin vor allem ein Beziehungsdrama sehen, ist es für die Iraner ein sehr politischer Film. Er erzählt von einer modernen Frau, die raucht, sich die Haare färbt und das Land verlassen will, weil sich nichts bewegt. Zudem zeigt der Film eine gespaltene Gesellschaft, einen Klassenkampf zwischen einer weltlich orientierten, akademischen Schicht und religiös orientierten, einfachen Arbeitern.

»Nader und Simin« war in der Retrospektive des FIFF ebenso zu sehen wie einige Werke von Abbas Kiarostami, des im Westen bekanntesten iranischen Regisseurs. Mit den offiziellen Stellen im Iran habe es bei der Zusammenstellung der Filme überhaupt keine Probleme gegeben, sagt Thierry Jobin, denn in erster Linie ging es darum, die iranische Kultur besser zu verstehen. »Der Iran hat eine so große filmische Tradition. Die staatlichen Behörden sollten mehr Vertrauen darin haben, dass auch kritische Filme ein Land und eine Kultur stärken können.«

Der Autor arbeitet als freier Filmjournalist.

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