Amnesty Journal Afrika 19. März 2014

"Die Peitsche verstehen sie immer"

Mit »Kongo« liegt Joseph Conrads Imperialismus­klassiker »Reise ins Herz der Finsternis« nun auch als Graphic Novel vor – famos realisiert in Schwarz-Weiß-Bildern, die an Grausamkeit nicht sparen.

Von Maik Söhler

Achtzig Mal so groß wie Belgien war das Gebiet, das sich der damalige belgische Kaiser Leopold II. unter großer Belastung seines Privatvermögens während der Kongokonferenz im Jahr 1885 unter den Nagel riss. Zuerst ­Erlöse aus Elfenbein, später aus Kautschuk sollten die anfänglichen Kosten schnell in Vergessenheit geraten lassen. Die Grausamkeit des belgischen Kolonialismus in Afrika, der wegen Kanonenbooten und Maschinengewehren von Historikern zur Ära des Imperialismus gezählt wird und dem nach Schätzungen um die sechs Millionen Kongolesen zum Opfer fielen, wurde kaschiert mit einer Rhetorik, die Zivilisation, Moral und Rechtsstaatlichkeit versprach; ähnlich, wie sie uns auch heute im Gepäck so mancher westlicher »Intervention« in andere Staaten begegnet.

Insofern ist Joseph Conrads »Herz der Finsternis« und damit auch die neue Graphic Novel »Kongo« von Tom Tirabosco und Christian Perrissin erstaunlich aktuell. Wo in »Kongo« regelmäßig die Peitsche zum Einsatz kommt –«die Peitsche verstehen sie immer«, sagt ein schwarzer Gehilfe des Kapitäns über seine Landsleute –, waren es vor wenigen Jahren im Irak und in Afghanistan noch Extrembeschallung und Waterboarding.

Tirabosco zeichnet die Geschichte um Kapitän Korzeniowski, den es wegen eines Jugendtraums und mangels Alternativen im Auftrag Leopolds II. in den Kongo verschlägt, wo er die Wasserhandelsrouten beschiffen und sichern soll, in Schwarz-Weiß. So kann sich der historische Charakter dieser literarischen Geschichte gut entfalten. Gleichzeitig ermöglicht der Verzicht auf Farbe auch, alle Nuancen von Grau und Schwarz deutlich hervorstechen zu lassen. So wird das »Herz der Finsternis« in der Graphic Novel schon rein optisch zu einer dunklen Angelegenheit.

Optik und Handlung harmonieren vortrefflich. Sehr früh seiner Illusionen ob des zivilisatorischen Auftrags beraubt, sieht Kapitän Korzeniowski die dunkle Realität des belgischen Imperialismus im Kongo: Schwarze, die nach Belieben von den weißen Kolonisatoren misshandelt und getötet werden; eine unfassbare Raffgier, die jeden befällt, der im Auftrag Belgiens im größten Land Afrikas unterwegs ist; eine Herrenmenschenmentalität, die sich dank reichlich Alkohols selbst angesichts abgeschnittener Gliedmaßen noch eines robusten Humors bedient.

Ein kenntnisreiches Nachwort von Christian Perrissin ordnet das Geschehen schließlich literarisch, historisch und personell ein. »Kongo«, der Stoff Joseph Conrads, war die wohl beste Neuerscheinung des Jahres 2013 auf dem Markt der Graphic Novels in Deutschland.

Tom Tirabosco/Christian Perrissin: Kongo. Joseph Conrads Reise ins Herz der Finsternis. Übersetzung: Annika Wisniewski. Avant-Verlag, Berlin 2013. 176 Seiten, 24,95 Euro.

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