Amnesty Journal 19. März 2014

Die Macht der vielen Worte

Mit Briefen und Appellen schufen Menschen aus aller Welt im Dezember 2013 erneut ein Denkmal für die Menschenrechte: Der jüngste Briefmarathon von Amnesty International ist noch nicht ausgezählt – da feiern Freiheit und Gerechtigkeit bereits ihren ersten Sieg in Russland.

Von Natalia Bronny

"Die Kunst des Briefeschreibens ist nichts anderes als die Kunst, die Arme zu verlängern" – davon war Denis Diderot bereits im 18. Jahrhundert überzeugt. Im Sinne des französischen Philosophen griffen im Dezember 2013 Hunderttausende weltweit zum Stift, um Menschen in Bedrängnis die Hand zu reichen: Rund um den Tag der Menschenrechte am 10. Dezember startete Amnesty International zum 13. Mal einen weltweiten Briefmarathon.

In den Adressfeldern standen Regierende, Staatskanzleien und Ministerien, die aufgefordert wurden, die Menschenrechte zu wahren und Unrecht zu beenden. Die Briefe gingen aber auch an Unterdrückte, unrechtmäßig Inhaftierte und Verfolgte: Sie erhielten tausendfach Zeichen der Solidarität. Noch wurden nicht alle Briefe, Appelle und E-Mails ausgezählt: Anfang Januar stand der Zähler bei 1.772.265 – ob erstmals die Zweimillionenmarke geknackt wurde, bleibt abzuwarten.

In Deutschland wurden allein über die Aktions-Webseite im Internet mehr als 70.000 Appelle verschickt. Auf Weihnachtsmärkten, an Universitäten und in Büchereien von mehr als siebzig deutschen Städten gab es zehn Tage lang unterschiedliche Veranstaltungen und Aktionen. Amnesty Brasilien sammelte Unterschriften am Strand, Aktivisten in Chile machten mit einer Fahrradtour durch die Hauptstadt auf den Briefmarathon aufmerksam. In Frankreich beleuchtete Amnesty Botschaftsgebäude der verantwortlichen Staaten mit Porträts der Fälle und die Sektion in Togo krönte ihren Briefmarathon mit einem Musik­festival am Tag der Menschenrechte.

In Deutschland standen im Mittelpunkt des Briefmarathons Fälle aus Myanmar, Mexiko, Tunesien, Nigeria und Russland. Die Regierung in Moskau kam inzwischen einer Forderung nach und entließ mit Vladimir Akimenkov einen der "Bolotnaja Drei" aus einjähriger Untersuchungshaft. Akimenkov, Artiom Saviolov und Mikhail Kosenko hatten am 6. Mai 2012 an einer Demonstration auf dem Moskauer Bolotnaja-Platz gegen die Wiederwahl Wladimir Putins teilgenommen. Wegen "Beteiligung an Massenunruhen" kamen sie und mehr als zwanzig weitere Demonstrierende in Haft. Kosenko wurde für schuldunfähig erklärt und in die Psychiatrie eingewiesen, Saviolov befindet sich immer noch in Untersuchungshaft.

Freigekommen ist Akimenkov durch eine von Präsident Putin initiierte landesweite Amnestie, die auch gewaltlosen politischen Gefangenen wie Michail Chodorkowski sowie Nadeschda Tolokonnikowa und Maria Aljochina von der Band "Pussy Riot" die Freiheit zurückbrachte. Ob es sich bei diesen Begnadigungen um eine Taktik des Kremls handelt, vor den Olympischen Spielen in Sotschi die internationale Kritik an Russlands Menschenrechtssituation abzufedern, oder ob sie ein tatsächliches Umdenken bedeuten, wird sich zeigen.

Die Bilanz des Briefmarathons 2013 ist in jedem Fall schon jetzt positiv: Worten folgen Taten. Die genaue Zahl der Appelle und Briefe, die um den Globus gingen, wird im nächs­ten Amnesty Journal zu lesen sein.

Weitere Artikel