Amnesty Journal Deutschland 17. September 2014

In der Schwebe

Vor zwei Jahren flüchtete Rouzbehan aus dem Iran nach Deutschland. Vor kurzem wurde er als Flüchtling anerkannt. Die lange Zeit der Ungewissheit hat sein Leben verändert.

Von Nora Lassahn

Rouzbehan wirbelt seine Zigarettenpackung – Marke »Schneefall« – im Kreis, um zu zeigen, wie die Vororte seiner Heimatstadt Teheran wuchsen, seine drei bunten Freundschaftsbänder rutschen am Arm auf und ab. Vom Schah von Persien kommt er auf die Weiße und die Grüne Revolution zu sprechen und darauf, warum Politik immer Teil seines Lebens war: »Sie ist im Wasser, das du trinkst, im Reis, den du isst.« Er zitiert Reden des iranischen Oppositionspolitikers Mussawi, nennt genaue Daten und formuliert politische Theorien. Der 27-Jährige spricht mit der ruhigen Begeisterung dessen, der weiß, dass er 4.000 Kilometer vom Geschehen entfernt ist und in seiner neuen Heimat nur eine Sache im Überfluss besitzt: Zeit.

Als der Informatikstudent 2009 vom angeblichen Wahlsieg Ahmadinedschads und den Vorwürfen des Wahlbetrugs hörte, traf ihn das wie eine »körperliche Zerstörung«. Zu diesem Zeitpunkt war der Kommunist bereits zweimal auf Demonstrationen festgenommen worden, im Alter von 18 und 19 Jahren. Ungeachtet dessen ging er gemeinsam mit Hunderttausenden auf die Straße. Bis er 2011 wieder inhaftiert wurde. Da er nach seiner Entlassung fürchtete, erneut und länger ins Gefängnis zu müssen, entschloss er sich schweren Herzens, Teheran den Rücken zu kehren. Ein Schlepper besorgte ihm einen falschen Pass, er flog zunächst nach Istanbul und dann nach München. Er hatte einen engen Freund, der als Flüchtling in Berlin lebte.

In Berlin angekommen, meldete er sich bei den Behörden und erfuhr, dass er hier nicht bleiben könne. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge schickte ihn nach Sachsen. Für die Anhörung, in der sich entscheiden würde, ob er als politischer Flüchtling anerkannt würde, nahm er sich keinen Anwalt. »Mein Fall ist doch klar«, dachte er. »Man muss mich nur googeln. Ich bin Kommunist.« Doch der Richter hatte ganz andere Fragen. Sind Ihre Eltern Muslime?, fragte er. Wie sei es möglich, dass ein Muslim auf einmal atheistisch wird? Und: »Was halten Sie vom Dschihad?« Zu Rouzbehans politischem Engagement hatte er nur eine einzige Frage. Seine vollständigen Unterlagen wollte er auch nicht sehen. Die Berliner Asylgruppe von Amnesty International schickte sie später ungefragt hinterher.

Warum ein erfolgreicher junger Mann sein bisheriges Leben aufgibt, um nach drei Gefängnisaufenthalten in der sächsischen Provinz zu landen, ist keine Frage, die er sich stellt. Wenn er über Politik spricht, benutzt er Worte wie »Liebe«, »Pflicht« und »Schande«. Die ersten Tage der Grünen Bewegung beschreibt er als die »schönsten Tage meines Lebens«. Seine unerreichten politischen Ziele sind wie eine unerreichbare Geliebte.

Eigentlich müssen Flüchtlinge während der ersten Zeit ihres Verfahrens im Heim wohnen. Wenn sie ein bestimmtes Gebiet verlassen, droht ihnen eine Geld- oder sogar Freiheitsstrafe. Auch Arbeit ist in dieser Zeit verboten. »Hier würde ich sterben«, dachte sich Rouzbehan und zog heimlich nach Berlin. Er lebte von Erspartem, schrieb Computerprogramme und besserte seine Kasse als semiprofessioneller Pokerspieler auf. In Zeiten der Not schickte ihm sein Vater ein wenig Geld. »Die ersten sechs Monate waren eine persönliche Katastrophe für mich«, sagt er. »Wenn Zeit zu einer unendlichen Quelle wird, ist das in den ersten Wochen hart.« Während dieser Zeit ging auch die Beziehung zu seiner Freundin im Iran in die Brüche.

Einmal im Monat musste er ins Heim zurück, um Formulare zu unterzeichnen. »Das Traurige war, zurück ins Lager zu gehen und zu sehen, was dort mit den Leuten passierte.« Man verschwende einfach Zeit, mache jeden Tag das Gleiche. »Das hat diese Leute total kaputt gemacht. Sie warten ja nicht nur, sie hängen in der Schwebe. Und können nicht beeinflussen, was mit ihnen geschehen wird.«

Permanent erschien die Polizei, schob Bewohner ab oder suchte nach Drogen. Einmal ging Rouzbehan mit seinem iranischen Zimmermitbewohner in einen Supermarkt, um Bier zu kaufen. Vor dem Ausgang sprach sie ein älterer Mann an. Sie konnten kaum Deutsch und er kaum Englisch. Aber sie verstanden, dass er gegen Alkohol war. »Essen und Sport« waren seine Alternativen. Zum Abschied umarmte er die beiden. »Du wirst es nicht glauben«, sagte Rouzbehans Freund, »aber dies ist das erste Gespräch, das ich in eineinhalb Jahren mit einem Einheimischen geführt habe.«

Rouzbehan wartete auf das Ergebnis seiner Anhörung. Nachher erfuhr er, dass der zuständige Sachbearbeiter acht Monate lang krank war. Niemand vertrat ihn, niemand sagte Bescheid. Schließlich kontaktierte er die Amnesty-Asylgruppe in Berlin und nahm sich einen Anwalt. Im März 2014 kam der Sachbearbeiter zurück und versprach, den Fall noch im selben Monat zu bearbeiten. Im Mai 2014 erhielt Rouzbehan dann die Anerkennung – fast zwei Jahre, nachdem er in Deutschland angekommen war.

Rouzbehan könnte jetzt legal arbeiten, in seinen alten Job zurückkehren oder etwas Neues anfangen. Vor ein paar Jahren programmierte er noch zehn Stunden am Tag. Heute kommt das für ihn nicht mehr infrage. Er habe das Gefühl, 90 Prozent seiner Fähigkeiten verloren zu haben, gesteht er. Er sei für alles zu langsam. Trotzdem betont er: »Verglichen mit anderen Leuten hatte ich sehr viel Glück.« Er kennt die Geschichten von anderen, deren Flucht tragisch verlaufen ist. Zum Beispiel die Geschichte eines Bekannten, dessen Schlepper 50 Flüchtlinge der Strömung eines türkischen Grenzflusses überließ. »Schwimmt zum anderen Ufer«, befahl er. Als sie am anderen Ufer ankamen, waren sie nur noch 30. Oder die Geschichte einer Familie aus Kamerun, die zehn Jahre lang in Deutschland lebte und hier zwei Kinder bekam. Eines Nachts kam überraschend die Polizei, und sie wurden abgeschoben.

Am Ende des Interviews nimmt Rouzbehan die vorletzte Zigarette aus der neu angefangenen Packung. Er hat sie nicht nur selbst geraucht, sondern auch am Nebentisch und an einen Bettler verteilt. Auf der Schachtel ist ein Mann abgebildet, eine Kette fesselt ihn an eine riesige Zigarette. Als Symbol für Abhängigkeit, eingeschränkte Bewegungsfreiheit. Diese Zigaretten sind aus dem Iran, dieselbe Marke hat ihn schon während seiner Gefängnisaufenthalte begleitet und begleitet ihn immer noch. Als nach drei Stunden das Gespräch endet, lässt er die Schachtel auf dem Tisch liegen.

Die Autorin ist Mitglied der Asyl-Gruppe Berlin der deutschen Amnesty-Sektion. Mitarbeit: Anieke Becker.

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