Amnesty Journal Kamerun 19. März 2014

"Ja, ich bin die Mama der Schwuchteln…"

Seit zehn Jahren kämpft Alice Nkom in ihrer Heimat ­Kamerun für die Rechte von Schwulen und Lesben. ­Amnesty hat die Anwältin dafür mit dem Menschen­rechtspreis 2014 ausgezeichnet. Im Interview spricht die 69-Jährige über das Verbot von Homosexualität, ­christliche Homophobie und die Gefahr, die ihre Arbeit mit sich bringt.

Kämpferin mit Weitsicht. Alice Nkom bei einem Besuch im Berliner Amnesty-Büro

Kämpferin mit Weitsicht. Alice Nkom bei einem Besuch im Berliner Amnesty-Büro

Interview: Ramin M. Nowzad

Muss sich Amnesty eigentlich bei Ihnen entschuldigen?
Nicht dass ich wüsste. Wieso?

Amnesty hat Sie mit dem Menschenrechtspreis 2014 geehrt. Das könnte Ihnen in Ihrer Heimat mächtig Ärger eintragen.
Sie haben natürlich recht: Unterstützung aus dem Westen wird in Kamerun nicht immer gern gesehen. Als ich 2011 Hilfsgelder der Europäischen Union angenommen hatte, drohte ein Regierungsmitglied öffentlich damit, mich verhaften zu lassen. Aber mit dem Menschenrechtspreis von Amnesty verhält es sich anders. Sogar meine Gegner sagen, dass ich diese Auszeichnung verdiene. Allerdings sollten wir nicht nur über mich sprechen! Homosexualität ist in meiner Heimat noch immer verboten. Menschen landen im Gefängnis, nur weil sie einen anderen Menschen lieben. Ihnen will ich diesen Preis widmen.

Aber unter uns: Ein bisschen stolz wird Sie der Preis wohl schon machen, oder?
Klar! Ich fühle mich wie der Sprint-Star Usain Bolt, wenn er beim 100-Meter-Lauf über die Zielgerade schießt. Ich kämpfe in Kamerun seit zehn Jahren als Anwältin für die Rechte von Schwulen und Lesben. Damit habe ich mir in meiner Heimat nicht nur Freunde gemacht. Man nannte mich »die Anwältin des Teufels« und diffamierte meine Arbeit als »schmutzig«. Andere beschimpften mich als »Mama der Schwuchteln«. Dass ich nun für meinen Einsatz erstmals mit einem Preis geehrt werde, bestätigt mich enorm. Amnesty ist ja nicht irgendeine Organisation, sondern wurde 1977 selbst mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Nun kann ich meinen Kritikern selbstbewusst ins Gesicht sagen: Ja, ich bin die Mama der Schwuchteln – und verdammt stolz darauf!

Wer öffentlich für die Rechte Homosexueller kämpft, lebt in Kamerun gefährlich. Ihr Freund und Mitstreiter Eric Lembembe wurde im vergangenen Sommer tot in seiner Wohnung aufgefunden. Seine Mörder hatten ihn mit einem Bügeleisen gefoltert, um ihm anschließend das Genick zu brechen.
Ja, der Mord war grauenhaft. Die Tat versetzte Kameruns Schwule und Lesben in einen kollektiven Schockzustand. Eric war einer der bekanntesten Aktivisten des Landes. Als ich von seinem Tod erfuhr, bin ich sofort zum Tatort geeilt. Was ich dort sah, war ein Skandal: Die Polizisten unternahmen nichts. Sie sperrten den Tatort nicht ab, vernahmen keinen Zeugen, sicherten kein einziges Beweisstück. Auch seither rührten Polizei und Justiz keinen Finger, um den Fall aufzuklären. Offenkundig haben die Behörden überhaupt kein Interesse daran, die Täter zu fassen. Der Staat macht sich somit zum Komplizen der Mörder. Wir müssen das Verhalten der Behörden als Signal verstehen: Homosexuelle haben vom Staat keinen Schutz zu erwarten – und ihre Unterstützer auch nicht. Wir sind vogelfrei.

Auch Sie werden regelmäßig mit dem Tod bedroht. Wann haben Sie zuletzt Angst empfunden?
Dafür bin ich längst zu alt! Ich blicke auf ein langes Leben zurück und weiß, dass ohnehin nicht mehr viele Jahre vor mir liegen. Mich kann niemand mehr einschüchtern, denn ich bin bereit, aus diesem Leben zu scheiden. Kameruns Schwule und Lesben sind »meine Kinder«. Bis ans Ende meiner Tage werde ich wie eine Löwin für ihre Rechte kämpfen. Und ich weiß, dass »meine Kinder« diesen Kampf nach meinem Tod weiterführen werden. Dieser Kampf hat etwas Göttliches: Vor unserem Schöpfer sind wir alle gleich!

Das wird in Ihrer Heimat nicht jeder so sehen. Sind es nicht gerade Christen, die in Kamerun den Hass auf Homosexuelle schüren?
Ja, das ist leider wahr. Prediger hetzen in Kamerun öffentlich gegen Schwule und Lesben. Sie gebärden sich damit christlicher als der Papst. Sogar das neue Oberhaupt der Katholischen Kirche hat Schwule und Lesben mittlerweile öffentlich gegen Diskriminierung verteidigt. »Wer bin ich, einen Homosexuellen zu verurteilen?«, sagte Papst Franziskus jüngst in einem Interview. Und er hat Recht! Der Hass auf Homosexuelle ist mit Religiosität nicht zu vereinbaren. Auch Schwule und Lesben sind Geschöpfe Gottes. Wer Homosexuelle ablehnt, stellt Gottes Schöpfung in Frage. Und das nennt man Blasphemie!

Nicht nur gläubige Menschen lehnen in Kamerun Homosexualität ab.
Das stimmt. Wer in meiner Heimat als homosexuell geoutet wird, kann sogar die Liebe seiner Mutter verlieren. So wie mein Mandant Jean-Claude Roger Mbede. Als er im Verdacht stand, homosexuell zu sein, verlor er alles: Erst seine Freiheit, dann seine Familie. Und nun sein Leben. Er ist am 10. Januar im Alter von nur 34 Jahren gestorben.

Wollen Sie mir seinen Fall schildern?
Roger war der ganze Stolz seiner Eltern. Er war brillant, besuchte die Universität und stand kurz davor, seinen Master zu absolvieren. Doch dann stürzte ihn eine einzige SMS ins Verderben. »Ich liebe Dich!«, hatte Roger einem Freund geschrieben. Für diese SMS wurde er 2011 zu drei Jahren Haft verurteilt. Wärter und Mithäftlinge haben ihn im Gefängnis schwer misshandelt. Als er wieder freikam, war er sehr krank. Roger hätte dringend behandelt werden müssen. Doch seine Familie hielt ihn zuhause gefangen und verweigerte ihm das Essen. Sie wollte, dass er stirbt. Weil man ihn als Homosexuellen verurteilt hatte, war er für seine Familie zum Fluch geworden.

Was gibt Ihnen angesichts solcher Geschichten überhaupt noch Hoffnung?
Es sind kleine Momente, die mir große Zuversicht geben. Jüngst gestand mir ein Verwaltungsbeamter, dass er sein ganzes Leben lang Homosexuelle gehasst habe. Doch eines Tages sah er mich im Fernsehen. Er hörte sich meine Argumente an – und plötzlich wurde ihm klar, dass er im Unrecht war!

Alice Nkom
Im Jahr 1969 war Alice Nkom die erste schwarze Frau, die in Kamerun als Rechtsanwältin zugelassen wurde. Die heute 69-Jährige kämpft in ihrer Heimat seit nunmehr zehn Jahren für die Rechte sexueller Minderheiten. Laut Artikel 347a des kamerunischen Strafgesetzbuchs sind homosexuelle Handlungen mit einer Gefängnisstrafe von bis zu fünf Jahren zu ahnden. Als Rechtsanwältin verteidigt Alice Nkom Personen, die wegen des Artikels 347a vor Gericht landen. Im Jahr 2003 rief sie zudem ADEFHO ins Leben, die erste Nichtregierungsorganisation, die sich in Kamerun für die Belange sexueller Minderheiten einsetzt. Die Organisation bietet unter anderem psychologische Beratung, sexuelle Aufklärung und Sicherheitstrainings an. Für ihr Engagement erhielt Alice Nkom im März den Menschenrechtspreis der deutschen Amnesty-Sektion. Die mit 10.000 Euro dotierte Auszeichnung wird alle zwei Jahre an Persönlichkeiten und Organisationen verliehen, die sich unter schwierigen Bedingungen für die Menschenrechte einsetzen.

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