Amnesty Journal Chile 28. März 2013

Und jetzt alle: Nein!

In seinem spektakulären Film »No!« erzählt Regisseur Pablo Larraín vom Ende der chilenischen Diktatur.

Von Jürgen Kiontke

René (Gael García Bernal) ist jung, schön, erfolgreich und fährt einen Sportwagen – alles Dinge, die ihm sehr wichtig sind. Es ist das Jahr 1988 und René ist der Prototyp des flotten Werbeprofis, wie sie überall in den Metropolen der Welt herumlaufen, für Limonade Kampagnen entwerfen und sich sonst nicht allzu viele Gedanken machen.
Mit einem Unterschied: René lebt in Chile unter Präsident Augusto Pinochet. Und der hat Tausende Oppositionelle ins Gefängnis stecken lassen, hat Folter, Mord und Einschüchterungen angeordnet. Auf internationalen Druck hin kommt es zu einem Referendum: Die Chilenen müssen abstimmen, ob sie nur einen Präsidentschaftskandidaten – also Pinochet – haben wollen oder doch lieber ein paar mehr.

Anhänger wie Gegner Pinochets erhalten einen Monat lang täglich 15 Minuten Sendezeit im staatlichen Fernsehen. Für die Opposition ist dies nach 15 Jahren die erste Möglichkeit, sich öffentlich zu äußern. Für Pinochets Freunde steht fest: Ihre »Sí«-Kampagne wird sowieso gewinnen. Und wenn nicht, hilft man eben nach. Für die Initiatoren der »No!«-Kampagne ist klar: Sie brauchen absolute Profis für ihre Sendungen. Und da kommt René ins Spiel. Statt für Cola und Mikrowellen-Geräte zu werben, kann er sich als politischer Campaigner beweisen. Zur Herausforderung wird dies spätestens, als die Pinochet-Fraktion den Chef von Renés Agentur (Alfredo Castro) engagiert. Es kommt zum Zweikampf der Werbegiganten und damit zu jener Konkurrenz leerer Phrasen, die Politik weltweit ausmacht.

»No!« ist der letzte Teil von Pablo Larraíns Trilogie über die Militärdiktatur in Chile. Während die beiden ersten Filme die Anfänge und die Hochphase des Pinochet-Regimes schilderten, steht hier ihr Ende im Vordergrund. Dabei steht die Figur des René prototypisch für den jüngeren Teil der Mittelschicht Chiles zum damaligen Zeitpunkt: Zwar gibt es Familienmitglieder, die Opfer der Diktatur wurden, doch profitiert man von der neoliberalen Politik. René muss sich mit seinen Werbe-Ideen vor allem vor jenen Politikern rechtfertigen, die verfolgt und so alt wie seine im Exil lebenden Eltern sind. »Er übernimmt die Aufgabe, den Abgang Pinochets herbeizuführen, mit den ideologischen Werkzeugen, die die Diktatur gelehrt hat«, sagt Larraín. Die Spots strotzen nur so vor fröhlichen Menschen, die übergeschnappte Lieder singen. Die »No!«-Kampagne, so wichtig sie gewesen sei, schränkt Larraín ein, habe erst recht zur Konsolidierung des Kapitalismus geführt.

Nicht immer kommt diese komplexe Sicht der Dinge im Film zur Geltung. Die Leistung der Schauspieler, allen voran die von Gael García Bernal als René, ist so gekonnt, dass die Figuren vor allem sympathisch wirken. Aber dies kann auch als die doppelte Botschaft dieses wunderbaren Films gelesen werden: Trau nie den schönen Sprüchen der Politik – sie könnten schnöde Werbung sein.

»No!« CHL 2012. Regie: Pablo Larraín. Darsteller: Gael García Bernal, Alfredo Castro u.a. Kinostart: 7. März 2012

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