Amnesty Journal Peru 28. Januar 2014

"Zur Kulturpolitik gehört der Respekt vor den indigenen Völkern"

Susana Baca gilt als »Stimme des schwarzen Peru«. Die Sängerin und ehemalige Kulturministerin ­kritisiert den Umgang mit der indigenen und der afro-peruanischen Bevölkerung in ihrem Land.

Sie waren die erste schwarze Ministerin Ihres Landes …
Ja, das war ein Triumph.

Im Juli 2011 wurden Sie vom frisch gewählten Präsidenten Ollanta Humala zur Kulturministerin ernannt, doch kein halbes Jahr später mussten Sie schon wieder zurücktreten. Warum währte Ihr Ausflug in die Politik nur so kurz?
Das gesamte Kabinett musste zurücktreten, weil der Premierminister zurückgetreten ist, unsere Verfassung verlangt das so. Ich hätte mein Amt aber auch so niedergelegt. Denn die von Präsident Humala eingesetzte Regierung hat in zu vielen Fragen ihren Kurs geändert.

Sie meinen im Konflikt um die Conga-Goldminen in den Anden, wo der Präsident 2011 den Ausnahmezustand verhängen ließ, um lokale Proteste zu unterbinden?
Nicht nur. Auch beim Konsultationsgesetz geht es nicht voran. Dieses Gesetz sieht vor, dass indigene Gemeinschaften konsultiert werden müssen, wenn in den Gebieten, in denen sie leben, solche Großprojekte geplant sind – und dass sie beteiligt werden an der Ausbeutung der Bodenschätze, an denen unser Land so reich ist, ob Erdöl oder Erdgas, Kupfer, Silber oder Gold.

Was hatten Sie mit diesem Thema zu tun?
Das Kulturministerium hatte dieses Gesetz für die Regierung vorbereitet. Nach der ILO-Konvention 169 zum Schutz der Rechte indigener Völker sind wir dazu sogar verpflichtet. Doch dazu braucht es eine klare Definition dessen, was eine indigene Gemeinschaft ausmacht, und Studien darüber, wer dazu zählt. Diese Datenbasis liegt längst vor, aber die Regierung umgeht das Problem, indem sie diese Studie einfach nicht veröffentlicht.

Sind Sie enttäuscht von Ollanta Humala, der mit dem Versprechen einer »großen Transformation« angetreten war?
Es gab viele Hoffnungen auf einen Wandel. Aber dieses Ziel wurde mit der Zeit immer mehr aus den Augen verloren. Eine linke Regierung ist eben noch keine Garantie für einen sozialen Wandel. Sie muss auch stark genug sein, um ihn durchzusetzen. Doch diese Regierung wird von Kräften, die von rein ökonomischen Interessen geleitet sind, kontrolliert. Dabei hat unser Land einen Wandel dringend nötig.

Auch in Ländern wie Brasilien oder Kuba sind die Eliten überwiegend weiß. Wie lässt sich diese Diskriminierung überwinden?
Ja, in Kuba ist diese Hierarchie der Hautfarben besonders ausgeprägt. Wir schauen sehr stark nach Brasilien, wenn wir uns nach einem Vorbild für Reformen umsehen. Dort gibt es mittlerweile ein Antidiskriminierungsministerium, das von einer Frau mit afrikanischen Wurzeln geleitet wird. Doch handelt es sich vor allem um ein soziales Problem. Der peruanische Präsident Alan Garcia hat sich 2009 öffentlich bei der schwarzen Bevölkerung für die Sklaverei entschuldigt. Das reicht nicht aus. Es braucht auch den Willen der Regierung, ihre Situation zu verbessern – indem man das Gesundheitssystem reformiert und dafür sorgt, dass in den Schulen ihrer Regionen die gleichen Chancen herrschen wie in den Schulen in Lima. Es gibt Fortschritte, aber in den ländlichen Gebieten kommen sie oft gar nicht an. Und nach dem letzten großen Erdbeben von 2007 wurden weite Teile im Süden des Landes, in denen viele Nachfahren ehemaliger Sklaven leben, gar nicht wieder aufgebaut.

Sie selbst sind in Chorillos aufgewachsen, einem Küstenviertel von Lima, das Sie in Ihren Liedern besingen. Wie hat sich dieser Ort seit Ihrer Kindheit verändert?
Er hat sich sehr urbanisiert, die Felder sind kleiner geworden, es sind viele Häuser entstanden. Auch die Bevölkerung hat sich sehr verändert: Es ist eine neue Mischkultur entstanden, in der Musik und im Essen und mit verschiedenen Hauttönen. Dieser Anblick ist ein wunderschönes Spektakel.

Wie ist das Verhältnis zwischen den schwarzen und den indigenen Minderheiten Perus, gibt es da Konkurrenz?
Früher gab es die. Heute geht es darum, vereint für etwas zu kämpfen, für gegenseitigen Respekt und die Zukunft der Kinder.

Was sollte Ollanta Humala Ihrer Meinung nach tun?
Ich würde mir wünschen, dass er sich seine Vorschläge ansehen würde, mit denen er angetreten ist, um die Situation weiter Teile der Bevölkerung zu verbessern. Die Schulbildung muss verbessert, die Kriminalität bekämpft und die Korruption bestraft werden. So wie jetzt geht es nicht weiter. Die Leute glauben nicht mehr daran, dass sie davon profitieren, wenn ausländische Firmen kommen und das Land ausbeuten. Sie müssen selbst eine Verbesserung spüren. Das würde ihnen Vertrauen in die Zukunft geben.

Der brasilianische Popstar Gilberto Gil war fünf Jahre Kulturminister seines Landes, der senegalesische Sänger Youssou N’Dour immerhin ein Jahr. Hat man als Künstler in der Politik nicht ohnehin einen schweren Stand?
Es ist schwierig, aber nicht unmöglich. Künstler sind auch Bürger dieser Welt. Und als sensibler Mensch kann man sich dem nicht verschließen, was um einen herum geschieht. Ich glaube, wenn Künstler sich in die Politik einmischen, können sie dazu beitragen, eine bessere Welt zu schaffen, die nicht auf Blutvergießen gründet. Zur Kulturpolitik gehört der Respekt vor den indigenen Völkern – und ihr Wissen zu bewahren und pflegen.

Wofür steht das »Instituto Negro Continuo«, das sie vor zwanzig Jahren mit Ihrem Mann, dem bolivianischen Musikwissenschaftler Ricardo Pereira, gegründet haben?
Unser Ziel ist es, die afro-peruanische Kultur zu bewahren und für ihre Anerkennung zu kämpfen. In Santa Barbara, einem rund 90 Kilometer südlich von Lima gelegenen Dorf, haben wir ein Kultur- und Bildungszentrum eingerichtet, in dem wir Unterricht für Kinder und Jugendliche geben. In Workshops werden Instrumente nachgebaut, die früher von den Sklaven in Peru benutzt wurden, und deren Geschichte und Kultur dokumentiert. Meine Mutter stammte von dort. Das ist eine sehr arme Region, in der viele Nachfahren von Sklaven leben, die Baumwolle und Zuckerrohr anbauen. Wir wollen erreichen, dass die Menschen dort Stolz auf ihre Ursprünge und auf ihren Beitrag zur peruanischen Kultur empfinden.

Welche Projekte verfolgen Sie aktuell?
Derzeit arbeite ich mit meinem Mann an einem Buch, das »Der bittere Weg des süßen Zuckerrohrs« heißen soll. Im vergangenen Jahr bin ich dafür durch die kleinen Dörfer und schwarzen Gemeinden an der peruanischen Küste gereist, mit einem Fotografen, und habe Aufnahmen und Geschichten von Zeitzeugen gesammelt: um zu sehen, wie viel von der afro-peruanischen Kultur übrig geblieben ist. Es ist ein Stück »Oral History«. Außerdem arbeite ich an einem neuen Album, auf dem ich den Weg von Peru über Spanien nach Afrika zurückgehen will. Dafür bin ich nach Nigeria gefahren und habe dort mit dem 60-köpfigen Chor Amemuso gearbeitet, den die chilenische Opernsängerin Maria Cecilia Toledo gegründet hat. Im November 2012 bin ich schon einmal für ein Konzert mit dem Chor in der Hauptstadt Abuja gewesen – der Bürgermeister hat dort eine Straße nach mir benannt.

Fragen: Daniel Bax

Susana Baca
Sie gilt als »Stimme des schwarzen Peru«. Die 69-jährige Sängerin Susana Baca stammt aus einem Küstenbezirk von Lima, ihr Vater war Gitarrist, die Mutter Tänzerin. In ihrer Jugend wuchs sie mit kubanischen Schlagern, aber auch den traditionellen Liedern ihrer Region auf. Auf all ihren Alben bezieht sich Susana Baca auf diese afro-peruanische sowie auf andere afrikanisch geprägte Traditionen in Lateinamerika, die ihren Ursprung in den transatlantischen Sklavenrouten haben. Auf ihrem letzten Album »Afrodiaspora« (2011) unternahm sie eine Rundtour durch den amerikanischen Kontinent mit Ausflügen zu kolumbianischen Cumbias, mexikanischen Boleros und zum kubanischen Son.

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