Amnesty Journal Gambia 16. Juli 2013

Predigen für den Fortschritt

Erfolgreiche Kampagne. Kundgebung vor der Botschaft von El Salvador in London, 17.Mai 2013

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Imam Baba Leigh ist wieder frei. Weil er sich für die Menschenrechte einsetzte, wurde der Geistliche im Dezember 2012 vom gambischen Geheimdienst festgenommen.

Von Sophie Wissner

Fünf Monate und sieben Tage galt er als verschwunden. Kein Lebenszeichen
erreichte seine Familie, sein Aufenthaltsort war unbekannt. Weil er sich öffentlich gegen die Todesstrafe ausgesprochen hatte, wurde Baba Leigh vom gambischen Geheimdienst verschleppt. Seit dem 10. Mai ist der Imam wieder frei, begnadigt von Gambias Staatspräsident Yahya Jammeh. Baba Leighs Familie, Freunde und die Anhänger seiner Glaubensgemeinschaft freuten sich über die Nachricht. Er selbst entschuldigte sich für die Monate voller Ungewissheit und wandte sich dankend an seine Unterstützer: »Ich möchte meine tiefste und aufrichtige Wertschätzung für euer Interesse an meinem Leben und an meiner Sicherheit ausdrücken.« Amnesty International hatte sich im Dezember mit einer Eilaktion für die Freilassung des Geistlichen eingesetzt.

Augenzeugen berichteten, zwei Beamte des Geheimdienstes National Intelligence Agency (NIA) seien am 3. Dezember 2012 gegen 22 Uhr am Haus von Baba Leigh aufgetaucht. Für eine Vernehmung müsse er mit in die Zentrale kommen. Den Grund dafür erfuhr er nicht. Seit diesem Abend war er verschwunden. Baba Leigh wurde weder eines Verbrechens angeklagt noch vor Gericht gestellt. Weder seiner Familie noch seinem Rechtsbeistand war es möglich, Kontakt zu ihm aufzunehmen. Die NIA bestritt jede Kenntnis über Baba Leighs Aufenthaltsort. Seine Angehörigen vermuteten aber von Beginn an, dass der Geheimdienst für sein Verschwinden verantwortlich sei. Der Imam ist ein bekannter Mann in Gambia. Er predigte jeden Freitag in einer Moschee in Kanifing im Westen des Landes. Als Berater einer Organisation, die sich vor allem für Frauen- und Kinderrechte einsetzt, wies er auf die Gefahren weiblicher Genitalverstümmelung hin. Seine fortschrittliche Interpretation des Islam und sein Einsatz für die Trennung von Kirche und Staat brachten ihm Anerkennung ein über die Grenzen seines Landes hinaus.

Im September 2012 hatte er in einer Freitagspredigt die schockierende Hinrichtungspraxis der Regierung kritisiert: Einen Monat zuvor, am 23. August 2012, waren im Gefängnis »Mile 2« acht Männer und eine Frau aus ihren Todeszellen geholt und kurz darauf erschossen worden. Ihre Angehörigen wurden nicht informiert und die Betroffenen wussten bis zu diesem Zeitpunkt nichts von ihrem nahenden Tod. 30 Jahre lang waren in dem westafrikanischen Land keine Hinrichtungen vollstreckt worden. An diesem Tag starben gleich neun Gefangene. Imam Baba Leigh verurteilte die Exekutionen in seiner Predigt als unrechtmäßig und unislamisch. Drei Monate später wurde er von der NIA abgeführt.

Baba Leighs Schicksal ist kein Einzelfall. »Die Behörden in Gambia gehen mit rechtswidrigen Festnahmen, Schikanen und Todesdrohungen gegen jeden vor, der es wagt, sich für die Menschenrechte einzusetzen«, sagte Lisa Sherman-Nikolaus, Westafrika-Expertin von Amnesty International. So wurde Ebrima Manneh, ein Journalist der oppositionellen Zeitung »Daily Observer«, seit 2006 nicht mehr gesehen. Regierungsbeamte hatten ihn damals festgenommen. »Viele fürchten, er sei tot, solange die Regierung nicht offenlegt, was passiert ist, werden wir nichts über sein Schicksal erfahren.«

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