Amnesty Journal 24. Juli 2013

Bei Panik Knopfdruck

Amnesty International entwickelt mit Menschenrechts­aktivisten und Software-Experten den "Panic Button" – eine Notfall-App für Smartphones. Gefährdete Personen sollen damit schnell und sicher einen Hilferuf abschicken können.

Von Ralf Rebmann

Gewerkschafter in Kolumbien, kritische Journalisten in Russland oder Frauenrechtlerinnen in Mexiko – sie alle arbeiten unter großem Risiko und geraten dabei selbst in den Fokus repressiver Sicherheitskräfte oder gewalttätiger Gruppen. Für sie entwickelt Amnesty International ein Notrufsystem, den sogenannten "Panic Button". Die Applikation soll es ihnen ermöglichen, per Smartphone einen Hilferuf an ausgewählte Personen zu senden.

Zeitgleich mit dem Notruf sollen zudem Informationen über den eigenen Standort übermittelt werden. Als Übertragungsweg dienen SMS-Netze, eine Internetverbindung ist nicht notwendig. Der derzeitige Prototyp lässt sich ausschließlich bei Smartphones mit dem Betriebssystem Android nutzen. Zukünftige Versionen sollen jedoch auch für andere Systeme verfügbar sein. Bei der Entwicklung des "Panic Button" wird Amnesty von der Open-Source-Community und Partnerorganisationen wie der NGO "Front Line Defenders" unterstützt. "Wir setzen auf einen offenen Entwicklungsansatz und versuchen kontinuierlich auf die Ideen der Aktivisten einzugehen", sagt Tanya O’Carroll, verantwortlich für den Bereich Technologie und Menschenrechte bei Amnesty.

Der "Panic Button" ist das Ergebnis zahlreicher Workshops, an denen Vertreter von Amnesty International, Software-Entwickler und Menschenrechtsaktivisten in den vergangenen Monaten teilgenommen haben. Verschiedene Konzepte wurden vorgestellt und auf Sicherheitsaspekte und Durchführbarkeit überprüft. Der "Panic Button" wurde schließlich als Projekt ausgewählt. Die Sicherheit der App spielte in den Diskussionen eine Schlüsselrolle. Ein absolut sicheres Produkt könne es jedoch nicht geben, sagt O’Carroll. Auch mit der sichersten App seien Mobiltelefone ein Sicherheitsrisiko. Deshalb hänge der Einsatz des "Panic Button" auch von der allgemeinen Gefahrenlage in den betreffenden Konfliktgebieten ab.

Bei einem Workshop, der Ende 2012 in Nairobi stattfand, diskutierten rund 20 Menschenrechtsaktivisten nicht nur technische Details rund um den "Panic Button", sondern auch allgemeine Aspekte zur Sicherheit und Anonymisierung von Nachrichten und Netzwerken. Unter den teilnehmenden Aktivisten war auch Nighat Dad. Die 32-Jährige ist Anwältin, Internetaktivistin und Frauenrechtlerin. In ihrem Heimatland Pakistan kämpft sie für ein freies Internet und gegen Zensur. Um dieses Ziel zu erreichen, hat sie die Organisation "Digital Rights Foundation" gegründet. Den "Panic Button" bewertet sie positiv: "Die App unterstützt Aktivisten dabei, ein sicheres Netzwerk von Unterstützern aufzubauen", sagt sie. Eine Einschränkung sieht sie darin, dass die App derzeit nur bei Smartphones funktioniert. "Aktivisten in Konfliktgebieten verfügen meist über einfachere Mobiltelefone, das könnte anfangs eine Hürde sein." Zusammen mit anderen Aktivisten wird sie die weitere Entwicklung der App begleiten.

Im September 2013 soll der "Panic Button" in die nächste Etappe gehen. Dann wollen rund 100 Menschenrechtsaktivisten ihn einem weiteren Test unterziehen. Finanzielle Unterstützung erhielt Amnesty International jüngst durch einen von Google ausgerichteten Wettbewerb, den "Google Global Impact Challenge". Neben weiteren Organisationen erhielt Amnesty 100.000 Britische Pfund, um den "Panic Button" weiterzuentwickeln. Bis die Notfall-App einer größeren Anzahl von Aktivisten zur Verfügung steht, wird es allerdings noch eine Weile dauern. Die offizielle Veröffentlichung ist für das Frühjahr 2014 geplant.

Der Autor ist Journalist und lebt in Berlin.

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