Amnesty Journal Afrika 23. Juli 2012

Totes Herz

Musik als Therapeutikum. Emmanuel Jal.

Musik als Therapeutikum. Emmanuel Jal.

Mit etwa neun Jahren wird Emmanuel Jal ein Kindersoldat im Süden Sudans. Mit etwa elf Jahren erlebt er seine erste Schlacht. Ein Leben lang braucht er, um die Gräuel des Krieges zu vergessen. Heute ist er ein gefeierter Rap-Star und engagiert sich für Amnesty.

Von Uta von Schrenk

Verloren. »Sogar das Datum meiner Geburt ist verloren gegangen, als meine Welt verloren ging«, schreibt der internationale Rap-Star und Amnesty-Botschafter Emmanuel Jal in seiner Autobiografie »Warchild«. Emmanuel Jal ist noch zu jung für die Schule, als der Bürgerkrieg im Sudan, der zwei Millionen Menschen das Leben kosten wird und 21 Jahre lang um den ölreichen Süden geführt und durch ethnische Rivalitäten, religiöse Kämpfe und rassistische Motive gefüttert wird, in seiner Heimatstadt Tonj im Südsudan ankommt. Ein Krieg, der ihn zu einem Kindersoldaten machen wird wie Zehntausende andere Jungen und Mädchen in den Krisengebieten dieser Welt auch.

Zu einem Zeitpunkt, in dem Jungen die Namen ihrer Fußballstars auswendig lernen, lernt Emmanuel Jal, der damals noch Jal Jok heißt, die Geräusche des Krieges zu unterscheiden. »Bald erkannte ich verschiedene Explosionsgeräusche – den Klang einer großen Bombe, den einer kleineren Granate, die von Soldaten geworfen wurde, oder das Zischen einer Rakete, einer RPG. Es gab auch verschiedene Gewehre – die AK-47 der SPLA, die Mack 4 der Murahaleen und die G3 der Regierungssoldaten.«

Der Vater, von Beruf Polizist, wird Leutnant der SPLA, der »Sudanesischen Volksbefreiungsarmee«. Die Mutter flieht mit den fünf kleinen Kindern von Dorf zu Dorf, um den Kämpfen zwischen Regierungstruppen und der SPLA und den Brandschatzungen der arabischen Murahaleen-Milizen zu entgehen.

Die arabischstämmigen Nordsudanesen heißen bei Emmanuel Jal bald nur noch jallabas wegen ihrer Kleidung, den Hass auf sie lernt er früh: die geliebte Tante, die vor seinen Augen vergewaltigt wird, Nachbarn, die erschossen werden, die Angst der Erwachsenen vor arabischen Straßenpatrouillen und schließlich die Mutter, die nach einem Angriff von den arabisch-dominierten Regierungstruppen nicht zu den Kindern zurückkehrt.

Der Vater, der in der südsudanesischen Kleinstadt Leer stationiert ist, lässt die Kinder in ein relativ sicheres Dorf in der Nähe bringen. Auf einem Spaziergang macht er seinem ältesten Sohn klar, was er von ihm erwartet: »Du bist mein Soldat und musst deinen Brüdern und Schwestern zeigen, was es bedeutet, ein Mann zu sein.« Ein paar Tage später kommt ein SPLA-Soldat und holt Emmanuel Jal ab. Er ist etwa sieben Jahre alt.

Dem Kind wird weisgemacht, dass die SPLA ihn im sicheren Äthiopien zur Schule schicken wird. Die Tante ist misstrauisch, aber der Junge vertraut auf den Soldaten, den sein Vater geschickt hat. »Wir näherten uns dem Zentrum von Leer. Dort ­waren so viele Leute, so viele Kinder, die alle zur Schule gehen wollten«, erinnert sich Emmanuel Jal. Plötzlich ertönt die Stimme seines Vaters über Mikrofon: »Ich bin Commander Simon Jok und ich freue mich, dass ihr euch für die großartige Möglichkeit entschieden habt, die die SPLA euren Kindern bietet.«

Die großartige Möglichkeit wird flankiert von ertrinkenden und von Krokodilen zerrissenen Kindern, von Durst, Hunger und Einsamkeit, die den Marsch nach Äthiopien begleiten, der das Kind in das UN-Flüchtlingslager Pinyudu führt, das vom UNHCR nur unzureichend versorgt, jedoch von der SPLA kontrolliert wird. Pinyudu ist eines von drei Flüchtlingslagern an der äthiopischen Grenze, wohin etwa 400.000 Sudanesen vor dem Bürgerkrieg fliehen, unter ihnen 17.000 Kinder, vor allem Jungs – die bekannt werden als die »Lost Boys of Sudan«. Kinder wie Emmanuel Jal. Einige Monate lebt er hier und ja, tatsächlich, er geht zur Schule. Doch vor allem lernt der Junge, den Hass auf die jallabas zu schüren und der Propaganda der SPLA zu vertrauen.

Eines Tages ist es soweit: Die SPLA fordert Tribut dafür, dass sie die »Lost Boys« hierher an die äthiopische Grenze geführt hat. »Die Araber haben keine Gnade gezeigt. (…) Erinnert euch daran, was sie jedem einzelnen von euch angetan haben, denkt an das, was ihr hier in Pinyudu gehört habt, vergesst niemals, warum ihr euer Zuhause verlassen und hierher kommen musstet.« Die Kalaschnikow wird in die Luft gerissen, der Offizier schreit: »Dieses Gewehr ist von nun an meine Mutter und mein Vater.« Das Nachtgebet der Kindersoldaten.

Mit etwa neun Jahren erlernt Emmanuel Jal in einem nahen Trainingslager der SPLA mit einer selbst geschnitzten AK-47 das Kriegshandwerk. Tägliche Schläge und Tritte, vermeintliches Ertränken, Peitschenhiebe und mindestens versuchter Missbrauch durch Ältere begleiten den Drill. Seine erste Schlacht erlebt er im Mai 1991. Nach seiner Zeitrechnung ist er elf Jahre alt. Danach landet er auf den Schlachtfeldern von Juba, der südsudanesischen Hauptstadt. Hier, im Zentrum dieses Kampfes um Öl lernt er den »Geschmack des Krieges« kennen: Schrapnells zum Frühstück, Granaten zum Mittag, Bomben zum Abend. Und hier lernt er, zu töten. Mit der AK-47, mit dem Messer, mit den Händen.

Als sich die SPLA aufgrund von ethnischen Rivalitäten teilt, flieht Emmanuel Jal mit anderen Kindersoldaten in Richtung Waat, einem Zentrum der abgespaltenen SPLA-Nasir. Drei Monate dauert der Marsch durch die Wüste, drei Monate Hunger, drei Monate Durst. Zwölf Kinder überleben den Marsch. Zwölf von etwa 400. Emmanuel Jal ist eines von ihnen. Mit diesem Marsch endet sein Leben als Kindersoldat. Die Bilanz eines solchen Lebens? »Drei jallabas habe ich umgebracht für all jene, die ich verloren hatte. Kein Schmerz, keine Traurigkeit, kein Bedauern, keine Schuld. Alles, was ich weiß, ist: Ich will töten, töten, töten.«

Eine Mitarbeiterin der Hilfsorganisation »Street Kids« in Waat sorgt dafür, dass Emmanuel nach Kenia ausgeflogen wird, dass er zur Schule geht. Im Falle eines Kindersoldaten ist retten ein anderes Wort für resozialisieren. Seine Schwester, die ihn nach Jahren in Nairobi findet, wird aussprechen, was der Krieg mit Kindern wie ihrem Bruder gemacht hat: »Lost Boys (…) haben gelernt, ihre Herzen zu töten.« Der Hass auf die jallabas ist nicht mal eben vergessen und auch das Kriegshandwerk nicht: Muslimische Freunde seiner Zieh-Mutter würde er am liebsten umbringen. Im Garten wirft er sich auf den Boden und versteckt sich hinter einem Busch, mit dem Stock in der Hand auf alles vermeintlich schießend, was sich bewegt.
Mit Hilfe seiner neuen Umgebung schafft es der Junge, sich aus seinem alten Leben herauszuarbeiten. Mehr noch: Er engagiert sich selbst für andere »Lost Boys«, tritt mit einer Band auf, um Geld für ehemalige Kindersoldaten in den Slums von Nairobi zu sammeln. Zunächst wird Emmanuel Jal bekannt in der Gospel-Szene Kenias. 2005, als der Norden und Süden des Sudans einen fragilen Friedensvertrag unterschreiben, macht ihn sein Lied »Gua« (»Frieden«) in ganz Afrika zum Star – mit ungefähr 25 Jahren. Sein Album »Ceasefire« (»Waffenstillstand«), das er mit dem nordsudanesischen Oud-Star Abdel Gadir Salim aufnimmt, bringt den internationalen Durchbruch.

Als Amnesty sich für ein Internationales Waffenhandelsabkommen stark macht, das seit Juli bei der UNO verhandelt wird, ist Emmanuel Jal als Botschafter dabei, »damit solche Grausamkeiten, wie ich sie erleben musste, in Zukunft verhindert werden können«. Und vielleicht auch, damit der Krieg in seinem Kopf endlich einmal ein Ende haben wird.

Die Autorin ist freie Mitarbeiterin des Amnesty Journals in Berlin.

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