Amnesty Journal Afrika 25. September 2012

Gekommen, um zu bleiben

Sie kommen aus dem Kongo, aus dem Sudan oder Ruanda und sind nach Uganda ­geflohen. Dort leben sie nun in gigantischen Lagern: Die jungen Flüchtlinge haben die Hoffnung verloren, je in ihre Heimat zurückzukehren.

Von Simone Schlindwein

Wenn die Lautsprecherboxen im Jugendzentrum des Flüchtlingslagers zu wummern beginnen, strömen Kinder und Jugendliche aus allen Winkeln der Siedlung den Bässen entgegen. Die abendlichen Jamsessions der HipHop-Bands sind eine gut besuchte Ablenkung vom sonst so tristen und deprimierendem Lagerleben in Ugandas Flüchtlingscamp Nakivale.

Nakivale – das ist mit rund 70.000 Einwohnern das größte der acht offiziellen Flüchtlingslager in Uganda. Es liegt weit entfernt von jeder geteerten Straße in Westuganda, zwischen den Sümpfen auf fruchtbaren grünen Hügeln. Uganda gilt in Afrika als das Land mit der liberalsten Flüchtlingspolitik. So leben hier seit Jahrzehnten nicht nur Vertriebene aus den unmittelbaren Nachbarländern wie der DR Kongo, Sudan oder Ruanda, sondern auch aus entfernteren Regionen: aus Eritrea, Somalia, Äthiopien. Die meisten von ihnen sind nach Uganda gekommen, um sich ein neues Leben aufzubauen – für immer.

Deswegen ist Nakivale auch kein Zeltlager, wie man es sich vorstellt, sondern eine fast städtische Siedlung aus einfachen braunen Lehmhütten mit Wellblechdächern entlang ein paar staubiger Straßen und Fußgängerwege. Zwischen den Häuschen stehen windschiefe Bretterbuden, in denen Seife, Streichhölzer, Maismehl und Salz angeboten werden. Es gibt einen Fußball- und einen Basketballplatz, große Lagerhallen, in denen die Nahrungsmittellieferungen der UNO gelagert werden sowie – ganz neu errichtet – ein Jugendzentrum und daneben ein Computer- und Internet­café. Viel los ist nicht im Lager. Nur wenn die jungen HipHopper die Musikanlage laut drehen, dann kommen sie alle angelaufen: ruandische Mädchen aus »Klein-Kigali«, wie in Nakivale die Ecke des Lagers genannt wird, in der seit 1960 ruandische Flüchtlinge leben. Kongolesische Jugendliche aus »Klein-Kongo« sowie eri­treische oder somalische Kinder vom gegenüberliegenden Hügel, wo sich deren Eltern seit Jahrzehnten eingerichtet haben.

Die Tische im Jugendzentrum, einem einfachen Backsteinhaus, sind an die Wand geschoben. Auf dem abgewetzten Zementfußboden in der Mitte des kleinen Raums verbiegen sich fünf hagere Jungs in waghalsigen Bewegungen: Djuma Musa macht einen Kopfstand. Auf seiner abgewetzten Wollmütze dreht er sich wie ein Kreisel, wirft dabei die Beine in verschiedene Richtungen, um Schwung zu nehmen. Nach ein paar wilden Umdrehungen landet der 19-jährige Kongolese mit einem gekonnten Sprung auf den Füßen, lässt sich jedoch sofort wieder hintenüberkippend über die Schulter abrollen. Die Kinder und Jugendlichen, die an den unverputzten Wänden stehen, halten den Atem an und klatschen: Break­dance – das kennen die meisten nur aus Videoclips im Fernsehen.

Seitdem in Nakivale das Jugendzentrum eingerichtet und Lautsprecher, Mikrofone und Computer angeschafft wurden, haben sich im Lager unzählige Musikgruppen, Hip­Hop- und Breakdance-Bands gegründet. In allen erdenklichen Sprachen rappen und singen sie nun allabendlich um die Wette. Djumas Breakdance-Crew »Wise4ever« ist unter diesen die bekannteste. Sie besteht aus einem Multikulti-Mix von Jungen aus dem Ostkongo, Burundi, Kenia und Tansania, die seit vielen Jahren in Nakivale leben und dabei sind, erwachsen zu werden – mit all den Schwierigkeiten, die das Leben als junger Flüchtling so mit sich bringt: eine neue Sprache lernen, sich in einem fremden Land fern von Freunden und Familie durchschlagen, Jobs finden, mit der Identität als Heimatloser klarkommen.

Kurz nach Einbruch der Dunkelheit unterbricht einer der immer wiederkehrenden Stromausfälle die Party im Jugendclub. Keuchend und verschwitzt schlendern Djuma und seine Bandkollegen in die einzige Bar in Nakivale. Gleich neben dem Fußballplatz stehen ein paar Plastikstühle vor einem kleinen Gebäude herum. Durch ein Fenster sieht man eine Frau Kartoffeln schälen, ein junger ugandischer Kellner balanciert Cola, Fanta und Bier auf einem Tablett umher. Wenn der Strom funktioniert, versammeln sich hier abends bis zu hundert Leute, um auf dem einzigen Fernsehgerät gemeinsam Fußball zu gucken. Regelmäßig improvisieren die HipHopper hier auch Konzerte.

Die Jungs von »Wise4ever« setzen sich um einen Plastiktisch. Softdrinks können sie sich keine leisten, doch immerhin: Hier im Lager zählen sie unter den Jugendlichen zu den Coolen. Sie tragen die hippsten Klamotten, jeder kennt sie, die Mädchen fliegen auf sie, mehrmals sind sie schon bei Lager-Partys aufgetreten. Djuma trommelt mit seinen Fingern einen Beat auf den Tisch, summt leise vor sich hin: »Wir wollen doch nur Frieden … Aaaafrika!«, singt er. Wer sich mit der Geschichte dieser Jugendlichen auseinandersetzt, der sieht ganz schnell: Die Coolness ist nur aufgesetzt. Dahinter verbirgt sich ein tiefes Trauma und jede Menge unverarbeiteter Erinnerungen an einen Krieg, den sie als Kinder und Jugendliche nur schwer begreifen konnten, an Armeen, die Kinder und Jugendliche oft genug als Soldaten und Kanonenfutter missbrauchen, sowie nun die verzweifelte Suche nach einer neuen Identität.

Djumas bester Freund und Bandkollege Dezaira Iragi rückt mit der Sprache heraus: Der 19-Jährige hatte in seiner ostkongolesischen Heimatstadt Bukavu die Schule abgeschlossen, bevor er vor dem Krieg flüchten musste. Er hatte bereits mit dem Studium begonnen. Doch all seine Zeugnisse seien in seinem Elternhaus verbrannt, als die Tutsi-Rebellen des CNDP (Nationalkongress zur Verteidigung des Volkes) unter der damaligen Führung des von Ruanda unterstützten Warlords Laurent Nkunda es anzündeten. »Hier in Uganda schickten sie mich deswegen zurück in die erste Klasse«, seufzt er. Doch er habe keine Zeit, in die Schule zu gehen. Er müsse sich um seine große Schwester kümmern, der er mit ihren drei Kindern zur Flucht verholfen hatte. »Ich muss Geld verdienen, um die Arztkosten ­bezahlen zu können«, sagt er. Seine Schwester sei vergewaltigt worden, sie benötige Behandlung. Deswegen schuftet Dezaira in der somalischen Lager-Siedlung auf einer Baustelle. »Wir haben so gut wie null Zukunftsaussichten«, sagt er. Eine Karriere als Musiker sei die einzige Hoffnung, in Uganda Erfolg zu haben. »Zurückkehren in meine Heimat will ich nie wieder«, sagt er. Seine Bandkollegen nicken zustimmend. Immerhin, im Mai vergangenen Jahres ­hatte »Wise4ever« in Ugandas Hauptstadt Kampala ihr erstes Konzert.

Wie für so viele Flüchtlinge aus Krisengebieten wie Kongo oder Somalia ist Uganda notgedrungen eine zweite Heimat geworden. Doch Flüchtlingsminister Mussa Ecweru warnt, dass das Land die rund 135.000 ausländischen Flüchtlinge nicht eigenständig unterhalten könne. Ecwerus Ministerium muss auch noch 125.000 interne Vertriebene aus Norduganda versorgen, die nach über zwanzig Jahren Bürgerkrieg gegen die nordugandischen Rebellen der »Lord’s Resistance Army« (LRA) von Nahrungsmitteln abhängig sind. Die Lebensmittel- und Finanzhilfen stammen fast komplett von Hilfsorganisationen und UNO-Organisationen wie dem UNHCR. Doch seit die weltweite Finanzkrise die westlichen Geberländer zu Sparmaßnahmen zwingt, verringert sich auch das Budget des UNHCR für Uganda: Von 81 Millionen Dollar im Jahr 2011 soll es für 2012 auf 66 Millionen gekürzt werden. Der UNHCR hat bereits beschlossen, dass der Flüchtlingsstatus für Ruander 2013 auslaufen soll, um die Zahl der Bedürftigen zu verringern. Denn fast täglich retten sich weitere Flüchtlinge aus dem Ostkongo über die Grenze nach Uganda.

Am nächsten Morgen schlendern Djuma und Dezaira durch das kongolesische Viertel in Nakivale: Kongos berühmte Lingala-Musik hallt aus einem Radiogerät. Ein paar Männer schrauben an einem Motorrad herum. Djuma zeigt auf den Basketballplatz. Hir sei sein Vater vergangenes Jahr von einem Somali mit einem Stock erschlagen worden, erzählt er. »Es gibt Streitereien zwischen den Nationalitäten über das Basketballfeld und den Fußballplatz«, erklärt er. Djuma ist mit seinen Eltern und seinem kleinen Bruder 2008 aus seinem Heimatdorf Kiwanja im Ostkongo geflohen, als dort die CNDP-Rebellen rund 150 Menschen massakrierten – aus Rache, weil ihr Milizenchef Nkunda von ­ruandischen Sicherheitskräften verhaftet worden war. Zu Fuß flüchtete die Familie über die Vulkanberge nach Uganda.

Djumas Mutter hockt auf einem Schemel vor einer selbst gebauten Lehmhütte und schält Bohnen. Sie sieht erschöpft und krank aus. Wie so viele, unzählige Frauen ist auch sie ein Opfer dieses Konfliktes, in dem sexuelle Gewalt zur Kriegswaffe geworden ist. Denn ob nun ruandische oder ugandische Rebellen im Kongo, Soldaten der Armee oder lokale Selbstverteidigungsgruppen wie die berüchtigten Mayi-Mayi-Milizen – sie alle vergewaltigen auf brutale Weise junge Mädchen, Frauen jeden Alters, sogar Großmütter und mittlerweile auch zunehmend Jungen und gestandene Männer. Dieses Vorgehen verfolgt einen Zweck: die Zerstörung der Gesellschaft, die in Konfliktgebieten vor allem auf den Frauen beruht. Sie sind es, die Handel treiben und damit Geld verdienen. Sie sind es, die die Kinder bekommen und großziehen. Die meist sehr brutalen Vergewaltigungen zerstören nicht nur ihre Gebärfähigkeit, sondern auch ihre Gesundheit und damit die Fähigkeit, das soziale Leben aufrechtzuerhalten. So auch bei Djumas Mutter. Sie kann sich auch drei Jahre nach der Misshandlung kaum auf den Beinen halten, weil die Infektion in ihrem Unterleib nie behandelt wurde. Sie hat sich dicke Schichten bunter Wickelröcke um die Hüften gewickelt, um die Blutungen geheim zu halten. Aber man sieht ihr an: »Mir geht es sehr schlecht, ich kann mich kaum bewegen«, sagt sie.

Djuma guckt seine Mutter liebevoll an. »Allein ihr zuliebe würde ich gerne Musiker werden und damit Geld verdienen; es ist das Einzige, was ich wirklich kann«, sagt der junge Mann. Djumas Mutter schüttelt den Kopf. Sie scheint nicht viel von seinen Karriereplänen zu halten: »Er soll besser die Bibel lesen und Pfarrer werden«, raunzt sie. Djuma verdreht die Augen und schlurft davon. Scheinbar haben sie diese Diskussion nicht zum ersten Mal geführt.

In Dezairas kleiner Lehmhütte jenseits eines Bananenhains ist nur Platz für ein Bett. Seine Hemden und Socken hängen an einer Wäscheleine da­rüber. Die einzigen Habseligkeiten, die er besitzt, hat er in einer Sporttasche gesammelt: Fotos seiner Eltern und von ihm selbst als Schulkind, von seiner ersten Freundin und seinen Geschwistern. Er hat Tränen in den Augen, als er diese durchblättert. Ein Nachbar aus dem Kongo hatte sie aus der Asche seines abgebrannten Elternhauses in Süd-Kivus Provinzhauptstadt Bukavu bergen können und ihm Jahre nach seiner Flucht zukommen lassen. Es sind die einzigen Erinnerungen an seine Familie, die er hat. Er weiß bis heute nicht, ob sich seine Eltern retten konnten. »In jener Nacht bin ich mit meiner Schwester und ihren Kindern zu Fuß davongelaufen«, erzählt er. Fünf Wochen lang seien sie marschiert, um die Grenze zu Uganda zu erreichen. Der Schwester ging es schlecht. Auch sie war vergewaltigt worden und trug seitdem einen Fötus im Bauch. ­Ihren Mann hätten die Rebellen vor ihren Augen erschossen. »Seitdem kümmere ich mich um sie«, sagt Dezaira pflichtbewusst. Er zieht ein Schulheft aus der Sporttasche: Darin hat er in feiner Handschrift die ersten Szenen eines Theaterstücks niedergeschrieben. »Josephine« heißt es, benannt nach seiner Mutter. Dezaira liest einige Dialoge: Es ist eine rührende Liebesgeschichte über einen Waisenjungen, der sich in die Tochter eines Ministers verliebt. »Der Junge hat Angst, dass er als Waisenkind vom Vater seiner Geliebten nicht anerkannt wird«, erklärt Dezaira. Doch am Ende dürfen sie heiraten.

Die Autorin ist Korrespondentin in Kampala, Uganda.

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