Amnesty Journal Türkei 25. Juli 2011

Tochter der sonnigen Tage

Ein schmaler Streifen an der griechisch-türkischen Grenze ist für viele
Flüchtlinge aus Nordafrika der einzige Weg, um nach Europa zu gelangen.

Von Sabine Küper-Büsch

Für den Nigerianer Jan R. endete die Reise in eine bessere Zukunft mit einer Suchanzeige. Auf der Webseite der nigerianischen Botschaft in Athen schrieb er im Juli 2010: »Ich suche meine Frau, sie heißt ›Tochter der sonnigen Tage‹.« Das Ehepaar, das der christlichen Minderheit angehört, war im Mai vergangenen Jahres aus dem Süden Nigerias aufgebrochen, aus Angst vor der zunehmenden Islamisierung. Mit einem Dreimonatsvisum konnten sie zunächst problemlos auf dem Luftweg in die Türkei einreisen. Die Schwierigkeiten begannen erst an der türkisch-griechischen Grenze.

Die Schlepper aus Istanbul hatten am 28. Juni eine Gruppe von vierzig Menschen mit Kleintransportern in die türkische Grenzstadt Ipsala geschafft. Hier entspringt ein Fluss, der auf der türkischen Seite Meriç und auf der griechischen Evros heißt. Er markiert auf über 185 Kilometer Länge die Grenze zwischen Griechenland und der Türkei. Jan R. und seine Frau hatten es gemeinsam bis zu diesem Fluss geschafft. Dort verteilte man sie auf unterschiedliche Schlauchboote. Die Schlepper drängten zur Eile, vor der Überfahrt stachen sie einige Male in die Gummiboote. »Das ist ihre Methode, sich der Flüchtlinge entgültig zu entledigen«, erklärt Perikles Gouliamas, Polizeichef des griechischen Grenzübergangs Kipi. »Die Leute schaffen es im besten Fall bis an unser Ufer, oft müssen sie ein Stück schwimmen. Sie können aber auf keinen Fall mit diesen beschädigten Booten zurück in die Türkei.« Jan R. war direkt nach der Überquerung des Flusses am 28. Juni 2010 festgenommen worden. Er hoffte, seiner Frau sei es ähnlich ergangen.

Nicht überall in der Evros-Region verläuft die Grenze entlang des Flusses. In der Nähe der griechischen Kleinstadt Orestiada beginnen zwei lettische Frontex-Grenzschützer ihren Kontrollgang. Rund um die Uhr ist die europäische Grenzschutzagentur hier unterwegs, mit Hunden, Infrarotkameras und Thermosensoren. Ludis Ciruls und Roland Kalnins stammen aus Riga und sind 25 Jahre alt. Zu ihrem Einsatz wollen sie sich nicht äußern. Das überlassen sie lieber Georgios Tournakis, dem stellvertretenden Polizeichef von Orestiada. Er ist dafür, dass Griechenland hier im Grenzgebiet zur Türkei einen Zaun bauen lassen will. Von einer Anhöhe aus zeigt er dessen vorgesehenen Verlauf zwischen den Dörfern. Es gibt hier keinen Fluss, sondern nur Felder, Wiesen und Bäume.

»Wir haben 2010 in der gesamten Evros-Region 36.000 illegale Immigranten festgenommen«, berichtet Georgios Tournakis, »26.000 davon nur in diesem kleinen Teilstück.« Der Polizeichef kritisiert, dass die EU-Vorschriften eine wirksame Abwehr der Flüchtlinge an den Grenzen verhindert. »Früher haben wir dafür gesorgt, dass Flüchtlinge griechischen Boden nicht betraten, wenn wir sie im Grenzgebiet stellen konnten.« Wie das geschah, will der Beamte nicht weiter ausführen.

Hüseyin Macit von der Menschenrechtskommission der Anwaltskammer von Edirne, einer zehn Kilometer entfernten Stadt auf türkischer Seite, kann weiterhelfen. »Die Leute wurden oft einfach zurück in den Fluss geworfen oder aber mit Gewalt dazu genötigt, wieder zurückzugehen.« Dieser Praxis bediene sich sowohl die türkische als auch die griechische Seite. Entkräftete Flüchtlinge wechselten oft mehrere Male die Grenze zwischen den beiden Ländern.

Mit Hilfe von Frontex versucht der griechische Grenzschutz in der Evros-Region seit November 2010 eine neue umstrittene Strategie. »Sobald wir illegale Immigranten lokalisieren«, erklärt Georgios Tournakis, »bilden wir eine menschliche Mauer auf dieser Seite und versuchen sie mit Autoscheinwerfern und unangenehmen Geräuschen zu vertreiben. Zugleich rufen wir das türkische Militär zur Festnahme herbei.« Nach inoffiziellen Angaben einzelner Frontex-Beamter gehört zur Abschreckung gelegentlich auch eine Gewehrsalve in die Luft. Im Januar kletterte ein Immigrant aus Verzweiflung über die Umzäunung in ein abgesperrtes Minenfeld in der Evros-Region und konnte nur mit Mühe unverletzt geborgen werden. Früher war die gesamte Grenze auf der griechischen Seite vermint. Mittlerweile sind die meisten geräumt, die wenigen verbleibenden sind umzäunt und mit Warnschildern ausgestattet. Flüchtlinge, die sich dennoch nicht abschrecken lassen, werden zur Identitätsfeststellung ­festgenommen und in Aufnahmelager gebracht. Mit ihrer »menschlichen Mauer« wollen die Beamten aber verhindern, dass es überhaupt soweit kommt.

Das griechische Dorf Nea Visa liegt auf der Transitstrecke für Flüchtlinge. Ein hübscher Ort mit weißen Häusern und gepflegten Kleingärten. Christos Evangelis ist Besitzer einer Autowerkstatt. Auf die Flüchtlinge ist er nicht gut zu sprechen. »Neulich kam einer an die Tür meiner 82 Jahre alten Mutter und wollte sein Handy aufladen. Die ist vor Schreck fast gestorben.« Man wisse auch gar nicht, was die Leute für Krankheiten einschleppten. Der 25-Jährige ist wie viele in der Region der Meinung, dass die Türkei strengere Einreisebestimmungen einführen und so den Flüchtlingsstrom unterbinden solle.

Diese Sichtweise findet Javid Hashemi naiv. Der 25-jährige Afghane arbeitet als Übersetzer in einer Ambulanz für Flüchtlinge in Alexandropolis vierzig Kilometer vom Grenzübergang Kipi entfernt. Der junge Mann verließ sein Heimatland vor über zwölf Jahren und hat eine Odyssee hinter sich. »Ich glaube nicht, dass man jemanden aus einer Krisenregion durch strenge Bestimmungen aufhalten kann«, sagt er mit ernster Miene. Javid besaß nicht einmal einen Pass, als er 1998 als Jugendlicher die afghanische Stadt Jalalabad verließ. Sein Vater arbeitete als Koch für eine amerikanische Hilfsorganisation in einer von Drogenhandel und den Taliban beherrschten Region.

»Eines Tages wurde ein Stein durch unser Küchenfenster ­geworfen, um den ein Zettel gewickelt war«, erzählt er. Darauf stand, der Vater solle sofort aufhören für die Amerikaner zu arbeiten, sonst seien er und seine Familie in Lebensgefahr. Eine Warnung der Taliban. Die Familie lieh sich Geld, um die ältesten Söhne außer Landes zu bringen. Über die lange Reise spricht Javid nur ungern. Über den Iran gelangte er auf dem Landweg illegal in die Türkei. Die berüchtigte Route ist nur mit langen Fußmärschen zu bewältigen und führt über die Grenze in den Bergen, die von beiden Seiten hoch gesichert ist. Von dort aus ging es mit dem Boot weiter auf die griechische Insel Lesbos und schließlich nach Athen. Dort stellte er einen Asylantrag. »Das war der größte Fehler meines Lebens«, seufzt Javid und erscheint plötzlich sehr müde.

Tatsächlich gelang dem Teenager die Flucht über die griechische Hafenstadt Patras nach Italien. Seine Odyssee führte ihn weiter über die Schweiz, Deutschland und Belgien nach Newcastle in Großbritannien. Dort lebt sein älterer Bruder. Javid ging dort zur Schule, lernte Englisch und erwarb Computerkentnisse. »Ich war dem britischen Staat so dankbar, dass ich sofort zur Polizei eilte, als ich vor sieben Jahren dazu aufgefordert wurde«, erzählt er. Doch die britischen Behörden hatten festgestellt, dass der mittlerweile 18-Jährige einen Asylantrag in Griechenland gestellt hatte. Damit fand das Dublin-II-Abkommen auf ihn Anwendung, wonach Flüchtlinge an das Land der ersten Asylantragstellung überstellt werden. Innerhalb von zwei Tagen fand sich Javid Hashemi in Athen wieder. Er übernachtete in Parks und leerstehenden Häusern und schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch. Griechenland stellt Flüchtlingen keine Infrastruktur zur Verfügung. Vor drei Jahren begann er als Übersetzer für Hilfs­organisationen und griechische Behörden. »Ich kenne alle Flüchtlingslager in der Region«, meint er bitter, »die sind schlimmer als Legebatterien für Federvieh.«

Flüchtlinge, die in der Region um Orestiada festgenommen werden, kommen in das Flüchtlingslager Fylakio. Bereits ein kurzer Aufenthalt im Eingangsbereich genügt, um die überfüllten Zellen und den Geruch von Urin und Schweiß wahrzunehmen, der selbst bei geöffneter Tür unzumutbar ist. Ein Gespräch mit Flüchtlingen ist nur kurz durch die hohen Eisengitter möglich. Fast alle behaupten, aus Nordafrika zu kommen, um nicht sofort wieder in die Türkei abgeschoben zu werden. Iran, Irak und Syrien gelten hier als »sichere Länder«. Ihre Staatsbürger werden zurück in die Türkei geschickt, dort sind die Flüchtlinge ebenfalls von sofortiger Abschiebung bedroht. Afghanen und Nordafrikaner hingegen erhalten dreißig Tage Aufenthaltsrecht in Griechenland mit der Aufforderung, das Land zu verlassen. Sie tauchen dann in der Regel unter und versuchen nach Westeuropa zu gelangen.

Die Inhaftierten in Fylakio verstehen nicht, warum sie bereits seit fünf Monaten in dieser Hölle leben müssen. Die katastrophalen Bedingungen dienen zur Abschreckung. »Wir wollen ja nicht, dass die sich hier wohlfühlen und noch mehr kommen«, meint ein wachhabender Polizist. Zudem fehlt es aber auch an Dolmetschern, um die Identität der Inhaftierten festzustellen. Viele Leute unterschreiben unwissentlich falsche Identitätserklärungen und werden als vermeintliche Iraker wieder in die Türkei abgeschoben, obwohl sie zum Beispiel aus Afghanistan stammen.

In den Zellen sind bis zu hundert Menschen untergebracht. Sie liegen auf Steinpritschen und verfügen nur über eine dünne Wolldecke, um sich warm zu halten. »Die meisten kommen zu uns wegen Rückenschmerzen, weil sie fast 24 Stunden am Tag auf dieser harten Unterlage liegen«, berichtet Javid Hashemi. Er übersetzt für die Flüchtlinge, weil er neben Englisch das in Afghanistan und Pakistan gesprochene Pashto fließend beherrscht und sich im Persischen und Arabischen verständigen kann. In der Ambulanz gibt es zwar einen Arzt, aber fast keine Medikamente. Kürzlich verlor ein Polizist die Nerven, weil ein Flüchtling nicht aufhörte, um eine Kopfschmerztablette zu bitten. Er schlug ihn mit seinem Stock, sodass der Mann eine Platzwunde am Kopf erlitt. Javid Hashemi möchte zu seiner Familie. Nach einem Anschlag der Taliban durften der Vater, die Mutter und die drei Geschwister 2003 in die USA ausreisen und leben in Los Angeles. Als Flüchtling mit einer befristeten Aufenthaltsgenehmigung sitzt Hashemi am Rande Europas in einer Sackgasse. Eine Ausreise ist legal nicht möglich. Fliehen will er nicht mehr.

Zwanzig Kilometer von Orestiada entfernt liegt der kleine Ort Didimokito. Hier leben noch etwa 150 Angehörige der türkischen Minderheit. Mehmet Şerif Damadoğlu ist leitender Imam für die gesamte Region. Er hat ein Register über jene angelegt, die bei dem Versuch, über die Evros-Region in die Europäische Union zu gelangen, gestorben sind. Er erinnert sich an den traurigen Mann aus Nigeria, der im Februar zu ihm kam, um seine Frau zu suchen. Niemand hatte sich auf Jan R.s Suchanzeige bei der nigerianischen Botschaft in Athen gemeldet. Der Afrikaner hatte bereits alle Flüchtlingslager abgeklappert.

Erst im Januar 2011 hatte Mehmet Şerif Damadoğlu als Imam der Evros Region zwanzig Leichen erhalten, um sie auf einem muslimischen Flüchtlingsfriedhof zu begraben. Sechs Monate lang hatten sie in der Gerichtsmedizin der Provinzhauptstadt gelegen, um Angehörigen die Möglichkeit zu geben, sie zu identifizieren. Unter ihnen war auch »die Tochter der sonnigen Tage«. Doch davon hatte Jan R. nichts gewusst. Von ihrem Tod erfuhr er erst in Didimokito von Mehmed Şerif Damadoğlu. Sie war bei ihrer gemeinsamen Flucht im Evros ertrunken, nur wenige Meter von der EU-Grenze entfernt.

Die Autorin ist Journalistin und lebt in Istanbul.

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