Amnesty Journal Iran 02. August 2011

Der Unermüdliche

Emadeddin Baghi ist das bekannteste Gesicht der iranischen Oppositionsbewegung. Im Juni wurde der Menschenrechts­verteidiger, Journalist und Autor nach einer zweijährigen ­Haftstrafe entlassen.

»Auch wenn ich jetzt gehe, bleibt ein Teil von mir bei euch im Gefängnis.« Mit diesen Worten habe er sich von seinen Mitgefangenen verabschiedet, sagte Emadeddin Baghi nach seiner Freilassung. Dies bedeute jedoch nicht das Ende der Geschichte, denn viele weitere Iranerinnen und Iraner säßen weiterhin rechtswidrig im Gefängnis. Die Situation im Iran ist für Menschenrechtsverteidiger, Journalisten und Regierungskritiker weiterhin gefährlich: Ihnen drohen Repression, Haft und Folter. In der ersten Hälfte des Jahres 2011 wurden nach offiziellen Angaben 183 Menschen hingerichtet.

Baghis Einsatz für die Menschenrechte hat eine lange Geschichte. Der 49-Jährige ist Gründer zweier Nichtregierungsorganisationen und kämpft schon seit den achtziger Jahren gegen die Todesstrafe. Ein Ereignis in seiner Grundschulzeit habe ihn geprägt, sagte Baghi 2009 in einem Interview, das die Stiftung »True Heroes Films« mit ihm führte. Auf dem Heimweg nach der Schule sei er Zeuge geworden, wie Kinder eine Katze an einem Balken erhängten. »Die Katze kämpfte um ihr Leben und die Kinder hatten ihren Spaß daran«, erzählte Baghi, »während meiner ganzen Kindheit hatte ich dieses verstörende Bild in meinem Kopf«.

Baghi ist 17 Jahre alt, als er anfängt, Informationen über Hinrichtungen im Iran zu sammeln. Später beginnt er ein Studium der Theologie und eine Laufbahn als Journalist. Er veröffentlicht über zwanzig Bücher, von denen sechs im Iran verboten werden. In seinem Werk »Recht auf Leben« diskutiert er, ob es unter islamischem Recht möglich ist, die Todesstrafe zu verbieten. Auch dieses Buch wird zensiert.
Für sein politisches Engagement erhält Baghi zahlreiche Auszeichnungen.

Einen Großteil davon kann er nicht entgegennehmen, weil ihm die Ausreise verweigert wird. So zum Beispiel 2004 den »Preis für Zivilcourage«, 2005 den französischen Menschenrechtspreis, 2008 die Auszeichnung als »Journalist des Jahres« der britischen Presse und 2009 den renommierten Martin-Ennals-Preis für Menschenrechte. Das iranische Regime versucht, seine Arbeit mit allen Mitteln zu torpedieren. Er wurde wegen »Aktivitäten gegen die nationale Sicherheit«, »Öffentlichkeitsarbeit zur Unterstützung der Gegner der Regierung« und zuletzt »Propaganda gegen den Staat« angeklagt. Rechnet man alle Haftstrafen zusammen, die Baghi in seinem Leben absitzen musste, so verbrachte er über fünf Jahre im Gefängnis.

Diese Zeit hat Spuren hinterlassen: ein Bandscheibenvorfall, drei Krampfanfälle, ein Herzinfarkt sowie Nieren- und Blasenbeschwerden sind die Folgen jahrelanger Strapazen in iranischen Gefängnissen. »Wir sind sehr froh, dass er freigelassen wurde, aber er hätte erst gar nicht im Gefängnis sein dürfen«, sagte Malcolm Smart, Direktor der Abteilung Naher Osten und Nordafrika bei Amnesty. Nach seiner jüngsten Freilassung sagte Baghi, dass ihm derzeit keine neuen Anklagen drohten, es aber weiterhin alte Vorwürfe gegen ihn gebe. »Wir hoffen, dass die iranischen Behörden die Verfolgung dieses mutigen Mannes, der so viele Jahre seines Lebens den Menschenrechten im Iran gewidmet hat, nun endgültig einstellen«, so Smart.

Text: Ralf Rebmann

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