Amnesty Journal 10. November 2010

Innere Grenzziehung

Warum in einer Nachkriegsgesellschaft der Kampf nicht unbedingt vorbei ist, davon erzählt ­Jasmila ­Žbani´cs Film "Zwischen uns das Paradies".

Von Jürgen Kiontke

Eigentlich haben sie es ganz schön: Sie fliegt, und er passt auf, dass sie gut ankommt – Luna (Zrinka Cvitešić) ist Stewardess, Amar (Leon Lučev) Fluglotse. Die beiden verliebten jungen Leute wohnen in Sarajevo, und ihre Jobs scheinen zu beweisen, dass ihnen alle Wege offen stehen. Die Europäische Union liegt um die Ecke, die Nachkriegsgeneration schaut zuversichtlich in die Zukunft und bemüht sich um Nachwuchs. Abends wird gefeiert, was das Zeug hält.

Doch dann verliert Amar seine Arbeit, weil er Alkoholprobleme hat. Er versucht die Leere, die der Krieg hinterlassen hat, mit Drogen zu füllen. Und auch Luna trinkt gern.
Die Fassade bekommt nun einen Riss nach dem anderen. Ja, es stimmt, die Zukunft dominiert das Leben. Die Vergangenheit des Krieges ist aber nicht zu leugnen. Sei es, dass Lunas Großmutter von Albträumen erzählt. Oder Amar den getöteten Bruder auf dem Friedhof betrauert.

"Zwischen uns das Paradies" – dieser Titel beschreibt sehr genau die Konstellationen in diesem Film von Jasmila Žbanić. Denn in den Menschen ist kein Frieden, sie sind orientierungslos und haben wenig Erfahrungen machen können, die ihnen in der Gegenwart helfen könnten.

Und so sucht Amar seine alten Kumpane aus der Kriegsgarde auf, stellt fest, dass sie sich religiös-fundamentalistisch radikalisiert haben und findet Geschmack am rigiden Leben. Er nimmt allzu gern die rasch versprochene Hilfe seines alten Mitkämpfers Bahrija (Ermin Bravo) an, der sich einer streng religiösen Wahabiten-Gemeinde angeschlossen hat: Der Islam verspricht in der allgemeinen Unübersichtlichkeit Orientierung.

Auch Amar ist dafür empfänglich. Die religiöse Wende hat zunächst durchaus positive Züge, denn nun ist Schluss mit dem Alkohol. Bald stellt sich allerdings ein neues Problem, denn Amar will ganz Sarajevo das Trinken verbieten.

Mit ähnlichem Furor wendet er sich seiner Beziehung zu – dass Luna immer noch nicht schwanger ist, schreibt er nicht seiner Alkoholverseuchung, sondern ihrer Gottesferne zu. Seine Ansichten werden zunehmend radikaler: Nur die Lockerung religiöser Traditionen und die mangelnde Konsequenz bei ihrer Ausübung habe die muslimische Bevölkerung zum Opfer eines Völkermordes machen können. Luna, die Familien und Freunde reagieren schockiert auf seine Theorien und das Ausmaß seiner Veränderung. Regisseurin Žbanić ist es in ihrem Film gelungen, verwirrende Nachkriegszustände gekonnt ins Bild zu setzen.

"Zwischen uns das Paradies". D, BSN, AUS, KR 2010. Regie: Jasmila Žbanić, Darsteller: Ermin Bravo, Zrinka Cvitešic, Leon Lučev. Derzeit in den Kinos.

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