Die Kinder der Diktatur
Rund 500 Kinder wurden während der argentinischen Militärdiktatur ihren Eltern weggenommen und fremden Familien gegeben. Die Journalistin Analía Argento ist acht Fällen nachgegangen.
Von Jessica Zeller
Als Carlos zum zweiten Mal geboren wird, ist er schon erwachsen. Erst im Alter von achtzehn Jahren erfährt er, wer er eigentlich ist: das Kind von Yolanda Casco und Julio D’Elia, zwei uruguayischen Staatsbürgern und Gewerkschaftern, die in einem argentinischen Folterlager ermordet wurden. In der Krankenstation des Lagers "Pozo de Banfield", in der Nähe von Buenos Aires, kommt Carlos 1977 zur Welt. Seine Mutter sieht ihn nur wenige Minuten nach der Geburt, dann wird sie betäubt und ermordet. Sein Vater ist zu diesem Zeitpunkt bereits tot. Das neugeborene Baby wird in Zeitungspapier gewickelt und auf einem Parkplatz am Stadtrand mit einer gefälschten Geburtsurkunde an das kinderlose Ehepaar Leiro übergeben. Herr Leiro ist ein regimetreuer Militär. Von da an trägt das Kind den Namen Carlos. Statt bei seinen Eltern wächst der Junge bei den Sympathisanten ihrer Mörder auf.
Die Geschichte von Carlos, die so schrecklich wie unglaublich ist, ist nicht einmalig. Schätzungsweise 500 Mädchen und Jungen teilen sein Schicksal: Sie wurden ihren Eltern, die als Oppositionelle gefangen gehalten und gefoltert wurden, entrissen und an regimetreue Familien übergeben. Besonders perfide: Frauen, die wie Carlos Mutter bei ihrer Festnahme schwanger waren, ließ man so lange am Leben, bis ihr Kind geboren wurde. Aber auch keinen Tag länger.
Die argentinische Journalistin Analía Argento beschreibt in ihrem Buch "Paula, du bist Laura!" noch sieben weitere Schicksale von geraubten Kindern, die in den vergangenen zwanzig Jahren von ihrer Herkunft erfahren haben. Möglich wurde dies durch die Rückkehr Argentiniens zur Demokratie, vor allem aber durch die unermüdlichen Nachforschungen der Menschenrechtsorganisation "Großmütter der Plaza de Mayo". Von Beginn an suchten die Mütter der Gefangenen nach ihren Enkeln, die sie – anders als ihre Kinder – noch am Leben glaubten. Durch Aussagen von Überlebenden, Prozessakten, Blutproben und Genanalysen konnten sie bis heute die Verwandtschaftsverhältnisse von etwa hundert Kindern zweifelsfrei ermitteln.
Die Autorin schildert sehr einfühlsam das Gefühlschaos und die Identitätskrise der Betroffenen, nachdem sie von ihrer Herkunft erfahren haben. Ihre Reaktionen reichen dabei von Erleichterung, über anfängliche Abwehr und spätere Annäherung an die "zweite Familie" bis hin zur dauerhaften Verleugnung des Sachverhalts. Dabei verfällt die Autorin nicht in Schwarz-Weiß-Malerei. Obwohl sie offensichtliche Sympathien für die Suche der Angehörigen nach ihren Enkelkindern hat, wird jede Entscheidung der Zwangsadoptierten plausibel dargestellt. Man kann beispielsweise Evelin, die weiterhin bei ihren Zieheltern lebt und sich weigert, ihre Großmutter kennenzulernen, zwar nicht verstehen, wohl aber ihr Verhalten als Folge des Verbrechens, das an ihr begangen wurde, nachvollziehen. Ähnlich verhält es sich mit den Geschwistern Marcelo, Victoria und Laura, die nach der Ermordung ihrer Eltern in verschiedene Familien kamen, ganz unterschiedliche Wege gefunden haben, mit ihrer Vergangenheit umzugehen, und heute kaum zusammenfinden.
Die Autorin ergänzt die Biografien mit den notwendigen historischen Fakten, die ebenso spannend dargestellt werden wie die persönlichen Lebenswege. Insgesamt ein Buch, das Herz und Kopf des Lesers gleichermaßen anspricht und noch lange nachwirkt, nachdem man es aus der Hand gelegt hat.
Die Autorin ist freie Journalistin und berichtet regelmäßig aus Argentinien.
Analía Argento: Paula, du bist Laura! Geraubte Kinder in Argentinien. Aus dem Spanischen übersetzt von Studierenden der Universität Mainz unter Leitung von Verónica Abrego und Eva Katrin Müller. Ch. Links Verlag, Berlin 2010, 248 Seiten, 19,90 Euro