Amnesty Journal Mosambik 05. Juni 2009

Eine wahre Geschichte

Das Berliner Künstlerduo RothStauffenberg hat in ­einem Hotel in Mosambik einen Maskenball ­inszeniert. Ein Buch und ein Film dokumentieren das ­ungewöhnliche Ereignis.

Warum hier? Warum das Grande Hotel? Warum Masken?«, fragt der 70-jährige nordkoreanische Filmemacher Shin Jun-chul. Mit ihm haben Christopher Roth und Franz von Stauffenberg, alias das Künstlerduo RothStauffenberg, lange Gespräche für ihr Buch »Based On a True Story« geführt. Das jedenfalls gibt das Buch vor, obwohl die Identität des Filmemachers nicht gesichert ist.

Angeblich wurde Shin Jun-chul neben Filmern wie den Franzosen Jean-Luc Godard und Jean Rouch unmittelbar nach Mosambiks Unabhängigkeit von Portugal im Juni 1975 vom neuen sozialistischen Präsidenten des Landes, Samora Machel, eingeladen, um am Aufbau einer neuen Filmindustrie mitzuarbeiten. Aber keiner seiner Filme existiert heute mehr, und aus Angst vor »Repressionen«, wie er im Buch sagt, lässt er sich auch nicht fotografieren. Nicht einmal mit Maske.

Es ist auch gar nicht so wichtig, ob es ihn gibt, ihn jemals gegeben hat. RothStauffenbergs Buch basiert, wie der Titel es verspricht, trotzdem auf einer wahren Geschichte. Im Jahr 2006 haben sich die beiden Künstler auf den Weg nach Mosambik gemacht. Im Gepäck allerhand Masken, erstanden in einem Kostümladen in Berlin, wo sie leben, und eine Aufnahme von Wolfgang Amadeus Mozarts »Hochzeit des Figaro«. Gehört hatten sie vom Instituto Nacional de Cinema (Inac), dem Filminstitut in der mosambikanischen Hauptstadt Maputo, das Präsident Samora Machel gegründet hatte. Dort hofften sie unter anderem die alten Filme von Godard, Rouch und Shin Jun-chul aufzutreiben, die bisher außerhalb Mosambiks kaum jemand zu sehen bekommen hat.

Gehört hatten sie aber auch über einen befreundeten Arzt vom Grande Hotel in Beira, der zweitgrößten Stadt des Landes, das nördlich von Maputo direkt am Indischen Ozean liegt. Rund 3.700 Hausbesetzer sollten dort in den Ruinen von 350 Luxuszimmern leben. Das Hotel sollte die Kulisse, die Bewohner Akteure eines Films werden. So ähnlich jedenfalls hatten sich RothStauffenberg ihre Arbeit vorgestellt. Sie wollten ihre Masken gegen afrikanische Masken tauschen und das in laufenden Bildern festhalten.

Klingt künstlich und nicht gerade realistisch. Die Frauen, Männer und Kinder leben auf dem riesigen Gelände eines heruntergekommenen Hotels, das zu seiner Eröffnung 1954 noch »Der Stolz Afrikas« genannt wurde. Es war es das erste und größte Luxushotel des Kontinents, mit einem Schwimmbecken mit olympischen Ausmaßen. In dem Becken sammelt sich heute nur noch Regenwasser.

Nicht anders sieht es in den Zimmern des Hotels aus, von denen nur noch ein halbes Dutzend Strom hat. Nach einer großer Party zum Jahreswechsel 1980/81 waren die Hotelzimmer nach und nach besetzt worden. Damals herrschte bereits seit fünf Jahren Bürgerkrieg zwischen den rivalisierenden Freiheitsbewegungen der FRELIMO und RENAMO. Elf weitere Jahre sollte dieser Bürgerkrieg anhalten, dem fast eine Million Menschen zum Opfer fielen. 1,7 Millionen flüchteten ins Ausland, rund vier Millionen Menschen wurden aus ihren Dörfern und Häusern vertrieben. Die Wirtschaft des Landes brach komplett zusammen und hat sich bis heute noch nicht erholt. Man könnte meinen, die Hausbesetzer vom Grande Hotel hätten anderes zu tun, als sich Masken aufzusetzen und sich dabei zur Musik von Mozart filmen zu lassen.

In ihrem fiktiven Gespräch fragt Shin Jun-chul die beiden Künstler schließlich auch: »Ihr musstet bezahlen?« Er kann sich nicht vorstellen, dass die Hotelbewohner mal eben sechs Tage lang zu Mozart tanzten. Christopher Roths Antwort ist ehrlich: »Ja klar, jeder hat von ihnen Geld bekommen.« Und was machen die Leute für das Geld? »Sie treten im Film auf, erfinden eine Geschichte, eine Telenova, tanzen oder spielen Hausbesetzer«, antwortet Roth. Und Franz von Stauffenberg ergänzt: »Sie spielen Theater oder Kino…möglichst in Zusammenhang mit ihrem Leben.«

Trifft man die beiden Künstler knapp drei Jahre später in Berlin, nachdem ihr Buch gedruckt und ihr Film »Mozartbique« fast fertiggestellt ist, reden sie genauso offen und unverstellt wie in ihren Gesprächen mit dem nordkoreanischen Filmemacher. Und wie man dem Buch entnehmen kann, sind die beiden kein bisschen realitätsblind, sondern äußerst reflektiert. Sie kennen sich bestens mit der Geschichte Mosambiks aus, wissen um die schwierigen sozialen Verhältnisse, die Armut, die hohe Kindersterblichkeit, die wachsende Rate von Aids, die Korruption und die folternde Polizei.

Aber gerade dieses Bild Mosambiks wollten sie in ihrer Arbeit nicht transportieren. »Wir wollten mit den Leuten neue Fiktionen schaffen und keine alten wiederholen: ›So sieht es im armen Afrika aus.‹ Wir wollten mit den Bewohnern des Hotels etwas Fiktives filmen und nicht dauernd nach der so genannten Realität suchen«, sagt Christoper Roth im Interview. Im Buch bekräftigt er: »Eigentlich haben wir versucht, mit den Bewohnern des Grande Hotels die Zukunft nachzuspielen.«

Dies ist RothStauffenberg sehr eindringlich gelungen. Ihr Film war im April in Auszügen in der Galerie Esther Schipper in Berlin zu sehen. Dort hatte das Duo ein mobiles Kino aufgebaut: Eine Leinwand aus Leinen, befestigt an der Stirnseite eines Holzgerüsts, unter dem ein paar bequeme, mit Leinen bespannte Stühle standen. So ähnlich hatte einst Präsident Samora Machel die laufenden Bilder in die Dörfer gebracht, um dem mosambikanischen Volk den Sozialismus zu erklären. So hatten die Bewohner des Grande Hotels ihre erste Bühne im Halbdunkel der Berliner Galerie. Mit Masken verkleidet oder einfach angemalt schlüpfen sie in Rollen, die sie im Alltag nicht spielen, tanzen zu Mozarts »Figaro« oder den eigenen gesungenen Rhythmen.

Sie führen dabei ein Lehrstück auf: Einer von ihnen, weiß geschminkt mit aufgepolstertem Bauch, spielt einen Lehrer, einen Kolonialisten, der den Anderen die Welt erklären will. Später wird er nach einem Besuch in einer Bar von maskierten Polizisten überfallen, beraubt und misshandelt. Dazwischen zeigt der Film alte Aufnahmen des Hotels und Auftritte von Präsident Machel. Wenn dann dazu Mozarts »Figaro« erklingt, der als Diener einen Kampf gegen den Adel führt, lässt sich im Film die Zukunft erahnen. Zunächst aber legen Vergangenheit und Gegenwart ein Zeugnis des langen Weges Mosambiks in die Unabhängigkeit ab.

Im Buch stehen dafür anziehende Fotografien und Filmstills der schauspielernden Hausbesetzer. Immer wieder leuchtet eine neongelbe Plastikperücke hervor, die während der Dreharbeiten über viele Köpfe wanderte. Die Frauen sehen mit ihr wie Karikaturen von Doris Day aus, dabei wollen sie eine Frau wie sie sein – blond und ein Star, wenigstens für diesen Moment. Im wirklichen Leben haben sie längst das Heft in der Hand. Das jedenfalls ist der Eindruck, den RothStauffenberg gewonnen haben. Viele der Frauen gehen arbeiten, viele der Kinder in die Schule. Die Frauen organisieren das Leben im Hotel, haben eine Theatergruppe gegründet und eine eigene Sicherheitstruppe für das Haus.

Es erstaunt, dass die Hotelbewohner die beiden Künstler offenbar nie nach dem Grund des Drehs fragten. Stattdessen hätten sie ihnen die Masken aus den Händen gerissen und sechs Tage lang immer wieder einen Maskenball aufgeführt. Vielleicht, um nur für diese Augenblicke dem Alltag zu entkommen. Denn der kann auch ganz anders aussehen. Wie im Fall von Abranches Afonso Penicelo, der am 15. August 2007 an den Folgen eines Polizeiübergriffs starb. Zehn Jahre lang wurde er immer wieder von der Polizei schikaniert, beraubt, inhaftiert, gefoltert und zuletzt erschossen. Amnesty International fordert bis heute eine Aufklärung dieses Falles, der nur einer von vielen in dem südafrikanischen Land ist.

Das ist die triste Seite Mosambiks, die RothStauffenberg bewusst ausblenden wollten und die durch das Maskenspiel doch ihren Platz in Film und Buch gefunden hat. Das Buch geht dabei weit über die Bilder des Films hinaus. Es ist ein Werkverzeichnis der Arbeiten des Künstlerduos, das gleichzeitig eine Geschichte des Kinos erzählt.
»Keine Kolonialmacht hat in der Geschwindigkeit gearbeitet wie heute Telenovelas, Call-Center und Telefonfirmen«, muss Christopher Roth fast am Ende der Gespräche mit Shin Jun-chul feststellen, als sie die Tage in Beira Revue passieren lassen.

Manchmal können die Künstler selbst gar nicht glauben, was sie sehen und erleben. Shin Jun-chul gibt ihnen da eine gute Antwort auf die Frage, ob er glaube, dass einer seiner Kollegen und dessen Frau in Wien tatsächlich vor nordkoreanischen Agenten geflüchtet seien. Shin Jun-chul sagt: »Warum sollte ich nicht? Es ist eine gute Geschichte.«

Von Petra Welzel.

RothStauffenberg: Based On a True Story. Edition Patrick Frey, Zürich 2008, 176 Seiten, 49 Euro. Der Film »Mozartbique« wird auf der Biennale in Venedig gezeigt, 7. Juni bis 22. November 2009.

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