Wo wir leben
Weltweit wohnen mehr als eine Milliarde Menschen in Armutssiedlungen.
Der Fotoband "So leben wir" zeigt ungewöhnliche Bilder von ihrem Alltag.
Die Straße quillt über vor Müll, die Hütten wirken zerbrechlich, die Menschen niedergeschlagen. Wir kennen die Bilder, die Slums als gefährliche Orte zeigen, als Heimat der gesellschaftlichen Verlierer. Als der norwegische Fotograf Jonas Bendiksen vor ein paar Jahren aus dem beschaulichen Oslo aufbrach, um Elendssiedlungen rund um die Welt zu fotografieren, hatte er wohl diese Erwartungen.
Die Idee für das Projekt kam ihm, als er die Meldung las, dass im Jahr 2008 zum ersten Mal mehr als die Hälfte der Menschheit in Städten wohnt. Dabei sind die Slums, Shantytowns und Favelas in Asien, Afrika und Lateinamerika die am schnellsten wachsenden Wohnquartiere – einfache Behausungen aus Wellblech, Kartons und Verschläge aus Brettern, ein wild wuchernder Mikrokosmos. Jeder dritte Stadtbewohner, über eine Milliarde Menschen, lebt heute in einer Armutssiedlung.
Aber was bedeutet es, in diesen Enklaven der Armut zu leben? Wie richten die Bewohner sich im Notstand ein? Wie sieht ihr Alltag aus? Bendiksen, Mitglied der bekannten Agentur Magnum, verbrachte ein halbes Jahr in den Slums von Jakarta und Mumbai, Nairobi und Caracas. Die Behausungen, die er besuchte, fotografierte er von innen – und stets so, wie er sie vorfand.
Was er dort erlebte, entsprach oft so gar nicht dem Klischee. Vielmehr betrat er Orte, die, wenn auch ärmlich, von einem ganz normalen Leben zeugen. "Ich weiß nicht, wie du mein Haus siehst, aber für mich ist es schön. Ich schätze es, selbst, wenn es klein ist. Hier habe ich mein Sofa, meine kleine Küche, meinen Fernseher und das Aquarium. Die Leute, die nicht in einem Ghetto wohnen, denken schlecht darüber, (…) aber es gibt hier nicht nur dreckige Häuser", erzählt Andrew Dirango, der in dem Slum Kibera in Nairobi lebt.
In den kurzen Begleittexten zu den Fotos kommen nicht nur die Bewohner zu Wort. Sie liefern auch interessante Informationen über die jeweilige Siedlung. In Kibera etwa, dem größten Slum in Ostafrika, leben rund 800.000 Menschen auf einer Fläche, die etwa dem Central Park in New York entspricht. Die Siedlung entstand in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als die britische Kolonialverwaltung Land an pensionierte Soldaten aus dem Sudan vergab, die in der königlichen Armee gedient hatten. Die ehemaligen Soldaten gaben der Hügelkette vor Nairobi den Namen Kibera – sudanesisch für Dschungel. Weil die britische Verwaltung keine Besitztitel vergab, galt die Siedlung nach der Unabhängigkeit als illegal und wurde nicht an die städtische Infrastruktur angeschlossen.
Daraus entwickelte sich dann ein urbaner "Dschungel" – ohne asphaltierte Straßen, Schulen, Wasser- und Gesundheitsversorgung. Elementare Menschenrechte wurden dadurch missachtet – wie etwa das Recht auf eine ausreichende Menge Trinkwasser oder das Recht auf Bildung. Nach UNO-Angaben stirbt in Kibera jedes fünfte Kind vor seinem fünften Geburtstag.
Die Fotografien von Bendiksen zeigen auch diese Seite der Slums deutlich, das Elend und die Gewalt. Seine Bilder beeindrucken aber vor allem, weil sie zugleich ungewöhnliche Einblicke in einen exotisch anmutenden Alltag gewähren. Um die Vielfalt der verschiedenen Slum-Wohnungen zu dokumentieren, entschloss sich Bendiksen zu einem unkonventionellen Projekt: Er fotografierte die Innenwände verschiedener Räume und stellte sie nebeneinander, sodass sie gewissermaßen dreidimensional zu sehen sind. Damit illustriert er nicht nur die Enge und die Not, sondern auch die Phantasie und Lebenslust, mit der die Wohnungen oft eingerichtet sind.
Die Fotos sind in Deutschland einmalig ab dem 12. Dezember in Berlin zu sehen. Für die Ausstellung, die von der Stiftung Menschenrechte – Förderstiftung amnesty international unterstützt wird, wurde ein besonders aufwendiges Verfahren gewählt: Die vier Bilder werden so an die Wände eines Raumes projiziert, dass eine 360-Grad-Ansicht vom Wohnraum im Originalgrundriss entsteht – fast so, wie im wirklichen Leben.
Von Anton Landgraf. Der Autor ist verantwortlicher Redakteur des Amnesty Journal.
Philip Gourevitch, Jonas Bendiksen: "So leben wir". Knesebeck Verlag, München 2008, 196 Seiten, 29,95 Euro.
Ausstellung: c/o Berlin – International Forum for Visual Dialogues. Postfuhramt, Oranienburger Straße 35/36, 10117 Berlin, 12. Dezember 2009 bis 28. Februar 2010.