Amnesty Journal 05. August 2009

Porträt: Patrick Okoroafor

Neue Hoffnung nach 14 Jahren Haft

Als 14-Jähriger gerät der Nigerianer Patrick Obinna Okoroafor in einen traumatischen Strudel von Ereignissen: Verhöre, Misshandlung, Anklage, Haft. Inzwischen hat er mehr Jahre im Gefängnis verbracht als in Freiheit.

Patrick wächst im Nigeria der Generäle auf. Einer nach dem ­anderen putscht sich an die Macht. Nach der Annullierung der Präsidentenwahl 1993 schlägt das Militärregime Proteste brutal nieder und installiert eine willfährige Justiz. Über Delikte, die mit der Todesstrafe geahndet werden, urteilen Tribunale statt ­ordentlicher Gerichte. Die Tribunale verhängen die Todesstrafe auch für Delikte wie Geldfälschung oder illegalem Ölverkauf. Ihre Urteile sind unanfechtbar.

Die Diktatur unterdrückt nicht nur politischen Protest, sie versucht auch die florierende Kriminalität mit brachialen Methoden einzudämmen, rechtsstaatliche Prinzipien zählen auch hier nicht. Kinder können nach dem Erwachsenenstrafrecht verurteilt, Menschen für unbegrenzte Zeit in Haft gehalten werden. Angeklagte werden gefoltert und misshandelt. Die Militärs lassen unzählige Menschen zur Abschreckung öffentlich hinrichten. Oft geht es den Tribunalen nicht darum, die Wahrheit zu finden. Mittellose Angeklagte ohne Unterstützung von außen haben kaum Chancen, einer Verurteilung zu entgehen.

Im Jahr 1995, Patricks Schicksalsjahr, ergreift General Sani Abacha die Macht und lässt jede kritische Stimme verfolgen. Die "Ogoni Nine" mit Ken Saro-Wiwa werden hingerichtet, ­Nigeria daraufhin aus dem Commonwealth ausgeschlossen. In dieser Atmosphäre wird Patrick Okoroafor verhaftet.

Seine Mutter hatte ein Auto von einem Mann gekauft, der, wie sich herausstellte, an der Entführung eines Jungen beteiligt ­gewesen sein soll. "Patrick fuhr nur zur Polizei, weil die das Auto untersuchen wollte", sagt sein Bruder Henry, der heute in Deutschland lebt. Als Patrick bei der Polizei ankommt, wird er festgenommen und in der Polizeistation geschlagen. Um ihn zu quälen, ziehen die Polizisten ihm Zähne mit einer Zange.

Patrick wird der Mittäterschaft bei der mutmaßlichen Entführung bezichtigt. Zusammen mit sechs anderen Beschuldigten steht ihm ein Prozess bevor. Doch der Ankläger ändert den Vorwurf. Er lautet jetzt: bewaffneter Raubüberfall. Alle sieben werden am 30. Mai 1997 von einem Tribunal zum Tode verurteilt.

Sechs Verurteilte werden öffentlich erschossen, darunter ein 17-Jähriger. Nur Patrick wird wegen seines Alters verschont. Im Jahr 2001 erklärt der oberste Gerichtshof des Bundesstaates das Urteil gegen ihn für illegal und ungültig. Dies bedeutet in Nigeria freilich nicht, dass Patrick freigelassen wird. Er bleibt in Haft, "so lange es dem Gouverneur beliebt". Eine Klausel in der nigerianischen Strafprozessordnung erlaubt – auch im inzwischen zivil regierten Nigeria – eine solche willkürliche und unbegrenzte Haft. 2001, gleich nach dem Urteil des Gerichtshofes, beantragt Patrick beim Gouverneur seine Freilassung, doch das Gesuch wird abgelehnt. Er bleibt im Gefängnis.

Was Patrick am Leben erhält, ist der Einsatz seiner Familie. Die Besuche stärken ihn, durch ihr Geld kann er im Gefängnis gutes und ausreichendes Essen bekommen und einen Arzt bezahlen, der sein zunehmendes Asthma behandelt. Auch kurze Anrufe bei seinem Bruder in Ingolstadt sind inzwischen möglich. Der berichtet, Patrick denke wieder über eine Zukunft in Freiheit nach: "Er hat mir erzählt, dass er Rechtsanwalt werden will."

Im Mai dieses Jahres nun: ein Lichtblick! Patricks unbegrenzte Haft wird in eine zehnjährige Gefängnisstrafe umgewandelt. Allerdings werden die vergangenen 14 Jahre nicht angerechnet. Nach Belieben des Gouverneurs zählen die zehn Jahre ab Mai 2009. Immerhin, der Einsatz hat Wirkung gezeigt. Patrick, seine Familie und auch die Amnesty-Mitglieder, die sich für ihn eingesetzt haben, schöpfen Hoffnung und wollen nicht aufgeben, bis Patrick Okoroafor freigelassen wird.

Von Ulrike Rauthenstrauch.
Die Autorin engagiert sich in einer Berliner Amnesty-Gruppe für die Freilassung von Patrick Okoroafor.

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