Amnesty Journal 06. August 2009

Eine umwerfende Liebeserklärung

Von der Cover-Band der Berliner "Russendisko" ist die kosmopolitische Band "Rotfront" zu einem All-Stars-Ensemble der Vielvölkerstadt gewuchert.

Seit dem Ende des Ostblocks sind mehr als 2,5 Millionen Menschen aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion in die Bundesrepublik übergesiedelt. Doch in der populären Kultur hat diese Einwanderungswelle bislang kaum Spuren hinterlassen, sieht man von den satirischen Bestsellern des "Russendisko"-Autors Wladimir Kaminer ab.

Ein enger Kumpel von Wladimir Kaminer ist Yuriy Ghurzy, der mit seiner Band Rotfront jetzt aus dessen Schatten tritt. Gemeinsam stehen die beiden schon seit gut zehn Jahren an den Plattentellern, um ihre "Russendisko"-Parties mit den Hits aus dem russischen Underground anzuheizen. In ihrem Stammlokal, dem "Kaffee Burger" in Berlin, wurde auch die Band Rotfront geboren. Anfangs eine reine Coverband, die sich auf das Nachspielen der größten "Russendisko"-Hits beschränkte, wuchs die Kapelle bald zu einem wild wuchernden All-Stars-Ensemble an, bei dem sich Musiker aus den unterschiedlichsten Szenen der Vielvölkerstadt Berlin das Mikro in die Hand gaben.

Zusammen mit dem ungarischen Bassisten Simon Wahorn, hat Yuriy Ghurzy inzwischen einen recht festen Musikerstamm um sich geschart, eigene Stücke komponiert und ein Debütalbum vorgelegt, bei dem die Funken nur so sprühen: Klezmer-Klarinetten surfen auf Ska-Rhythmen, Balkan-Bläser und Akkordeons verbeißen sich in Ragga-Beats, osteuropäische Melodien haken sich bei Punkgitarren unter, Rap-Refrains schwofen mit ungarischem Tango.

Es ist ja auch ein buntes Völkchen, das sich da versammelt hat: die ungarische Sängerin und Schauspielerin Dorka Gryllus (bekannt aus dem Film "Irina Palm"), der junge Rapper Mad Milian (aus dem Umfeld der Rap-Combo K.I.Z.) oder der amerikanische Klezmer-Akkordeonist Daniel Kahn (siehe Kurztipp), der auch schon mal zum Megaphon greift; als Produzent sorgte Kraans de Lutin (Culcha Candela, ­Martin Jondo) auf "Emigrantski Raggamuffin" für den letzten Schliff.

Rotfront, das steht hierzulande für den "Roten Frontkämpferbund", dem paramilitärischen Kampfverband der KPD in der Weimarer Republik. In der ehemaligen Sowjetunion denkt man eher an die gleichnamigen Süßwaren eines russischen Schokoladen-Konzerns. So wie der Bandname, spielt auch die Musik von Rotfront mit den Assoziationen. "Berlin to Barcelona" etwa beschreibt eine Liebesodyssee, die wohl nicht zufällig in die Metropole der Mestizo-Musik à la Manu Chao führt – Rotfront stehen für die östliche Variante dieser Mischmusik. Und in "Red Mercedes" taucht eine Melodie auf, die durch den Schlager "Those were the Days" von Mary Hopkin berühmt geworden ist, aber ursprünglich von einem russischen Volkslied stammt.

Mit Sozialismus-Nostalgie hat Rotfront wenig am Hut. Vielmehr artikuliert sich hier das Selbstbewusstsein einer neuen, kosmopolitischen Einwandererschar, die der Stadt ihrer Wahl eine umwerfende Liebeserklärung macht: "Wo kommt die Currywurst und wo kommt der Döner her/also erzähl mir nicht, dass es woanders schöner wär/Berlin ist keine Stadt, Berlin ist ein Heimatland." Der CD liegt ein Ausweis der "Emigrantski Republik" bei, den man sich bei einem Konzert der Band abstempeln lassen kann. Der Reisepass berechtigt zu jedem beliebigen Grenzübertritt – weil er keine Grenzen akzeptiert.

Von Zonya Dengi.

Rotfront: Emigrantski Raggamuffin (Essay Records)

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