Kartografie der Macht
Der neue "Atlas der Globalisierung" zeigt den rapiden Wandel unserer Weltordnung.
Karten, nichts als Karten. Auf über zweihundert Seiten gibt es im neuen "Atlas der Globalisierung", herausgegeben von der Zeitschrift "Le Monde Diplomatique", wieder Grafiken und Schaubilder zu bestaunen. Sei es der "Düngereinsatz pro Hektar" oder die "Wertschöpfung pro Arbeitskraft" – fast alle erdenklichen Aspekte der Globalisierung erscheinen dort hübsch aufbereitet, kreisförmig, tabellarisch oder linear.
Die grafische Darstellung komplexer wirtschaftlicher und sozialer Zusammenhänge ist sicher einer der Gründe für den großen Erfolg des Atlasses. Nicht zufällig fällt die erste Veröffentlichung 2003 in eine Zeit, in der sich auch die globalisierungskritische Bewegung Attac besonders großen Zuspruchs erfreute. Für sie lieferte der Atlas wichtige Argumente.
Dabei ist die Idee nicht neu. Seit den achtziger Jahren gibt es Versuche, eine alternative Kartografie zu etablieren. In dieser Zeit entstand in den USA die kritische Geografie, deren theoretische Grundannahmen stark auf postkolonialen und marxistischen Theorien beruhten. Karten, die nicht nur Fakten darstellen, sondern die zugrunde liegenden Machtstrukturen offen legen – mit dem Ziel, sie dadurch verändern zu können. Dieser Kartografie der Macht folgt auch der "Atlas der Globalisierung".
War es in den früheren Ausgaben des Atlasses noch relativ einfach, den Überblick zu behalten, so hat sich das Welt-Bild in den vergangenen sechs Jahren rapide gewandelt. Lag bislang der Fokus auf den USA, deren wirtschaftliches und militärisches Engagement eine (negative) Orientierung bot, skizziert der Atlas 2009 neue Machtstrukturen. So wird der Aufstieg Asiens thematisiert, der relative Erfolg der BRIC-Länder (Brasilien, Russland, Indien und China) und der "next eleven" – Nationen wie Mexiko, Südkorea oder die Türkei, die wegen ihrer hohen Zuwachsraten in absehbarer Zeit die alten G8-Staaten überholen könnten.
Wegen der Finanzkrise und den katastrophalen Kriegen im Irak und in Afghanistan wird zwar mehrfach über das "womöglich letzte Kapitel in der Geschichte des Imperium Americanum" spekuliert. Ob eine "multipolare Weltordnung" jedoch eine hoffnungsvollere Perspektive bietet, scheint zweifelhaft. Die interessanten Ausführungen über den wirtschaftlichen Aufstieg Asiens zeigen, dass sich eine autoritäre Politik erfolgreich mit Massenkonsum und einer gewissen kulturellen Freizügigkeit kombinieren lässt: Der Kapitalismus funktioniert auch ganz gut ohne bürgerliche Rechte.
Andere Thesen sind im besten Fall naiv. So wird behauptet, dass "Nordkorea nur deswegen die Atombombe will, um sie gegen Lebensmittel für seine eigene Bevölkerung eintauschen zu können" – als wenn sich Diktator Kim Jong-Il um nichts anderes sorgen würde als um die Ernährung seiner Untertanen.
Trotz manch merkwürdiger Interpretation liefert der Band einen interessanten Überblick zu den wichtigsten sozialen, ökologischen und politischen Entwicklungen der vergangenen Jahre. Seine Stärke liegt darin, dass er versucht, die verschiedenen Aspekte der Globalisierung – ökonomisch, medial und technologisch – aufzuzeigen und zueinander in Beziehung zu setzen. Dies ergibt ein oft widersprüchliches Bild – und ein Bild, das die Sicht linker französischer Intellektueller aus dem Umfeld von Attac widerspiegelt.
Von Anita Baron.
Atlas der Globalisierung. Le Monde Diplomatique/taz, Berlin 2009, 216 Seiten, 13 Euro.