Blog 14. April 2015

Lehren aus der Stasi-Vergangenheit

In dem riesigen Archiv der Stasi wurden Akten mit Informationen über Millionen von Menschen aufbewahrt.

Vor 25 Jahren endeten schlagartig vier Jahrzehnte, in denen nahezu alle Lebensbereiche in der DDR der kompletten Überwachung unterlagen. Am 31. März 1990 wurde das Ministerium für Staatssicherheit aufgelöst – besser bekannt als "Stasi", die berüchtigtste Überwachungsorganisationen der Geschichte.

Von Thomas Coombes

Vor zwei Monaten besichtigte ich die ehemalige Stasi-Zentrale in Berlin – heute ein Museum – anlässlich eines Tags der offenen Tür in Gedenken an die Erstürmung des Gebäudes durch DDR-Bürger_innen eine Woche nach dem Fall der Mauer. Der Tag der offenen Tür bot Filmvorführungen, Debatten, Informationsstände und eine Führung durch das riesige Archiv, das einmal Akten mit Informationen über schätzungsweise sechs Millionen Menschen beherbergt hatte. Man sagt, dass über jeden dritten DDR-Bürger eine Akte geführt wurde.



Ich brauchte eine volle Stunde, um das gesamte Archiv zu besichtigen. Tausende Deutsche, die den Ort besuchten, schienen fassungslos inmitten des Labyrinths aus Gängen und bis unter die Decke reichenden Aktenschränken, die für die Dokumentation und Kontrolle ihres Lebens oder des Lebens anderer instrumental gewesen waren. Auch das Gebäude selbst, ein grauer Betonbau aus der Zeit des Kommunismus, war ein Symbol der Angst – der Ort, an dem man verhört und eingeschüchtert wurde.



Das Stasi-Archiv mag imposant sein, doch diejenigen, die heute Spionage betreiben, können mit einem Bruchteil des Aufwands weit mehr Informationen sammeln.

Die Enthüllungen von Edward Snowden deuten darauf hin, dass die NSA pro Tag fünf Milliarden Ortungsdaten aus Mobiltelefonen und pro Monat 42 Milliarden Daten zur Internetnutzung – unter anderem zu E-Mail-Kommunikationen und Browserverlauf – sammeln kann.



Laut Schätzungen der deutschen Organisation OpenDataCity würden die Stasi-Akten 48.000 Aktenschränke füllen; würde man jedoch die Daten ausdrucken, die auf einem einzigen Server der US-Regierung Platz haben, so könnte man damit 42 Billionen Aktenschränke füllen.



Darüber, was die NSA mit all diesen Daten macht, ist sehr wenig bekannt. Doch abgesehen von historischen Vergleichen dient das Stasi-Archiv als Warnung vor den möglichen Folgen uneingeschränkter Überwachung. Es zeigt, wie schnell aus einem System zur Identifizierung von Bedrohungen das Bedürfnis entsteht, alles über jeden zu wissen.

Wissen ist Macht



Die Stasi praktizierte Überwachung in beispiellosem Ausmaß und griff stark in die Privatsphäre der Bevölkerung ein, um herauszufinden, was DDR-Bürger_innen taten und sagten, und um sie damit zu manipulieren und kontrollieren.



Ebenso wie die USA und das Vereinigte Königreich, die heute E-Mails und Internetprotokolle abfangen, machte die Stasi es sich zum Ziel, sensible Informationen über das Privatleben der Menschen zu erhalten, um diejenigen zu identifizieren, die eine Bedrohung darstellen könnten. Heute kann man im Stasi-Museum all die persönlichen und dem Anschein nach trivialen Unterlagen ansehen, die von der Stasi in Akten gesammelt wurden, darunter Fotografien von Schlafzimmern und Schallplattensammlungen.



Das Überwachungsnetzwerk der Stasi unterwanderte alle Aspekte des täglichen Lebens. Zu den schätzungsweise 274.000 Mitarbeiter_innen zählten mindestens 174.000 "Inoffizielle Mitarbeiter" (IM). Dies entsprach etwa 2,5 % aller Erwerbstätigen.

Die IM spionierten Büros, Kulturvereine, Sportclubs und Wohnungen aus. Sie machten Aufnahmen von Menschen in ihrem eigenen Zuhause und in dem ihrer Freunde.



Die moderne Massenüberwachung erreicht mit einem Bruchteil der menschlichen Arbeitskraft die gleiche Allgegenwärtigkeit. Unmengen an Daten zur elektronischen Kommunikation können direkt aus den Leitungen, über die sie übertragen werden, und von den Servern, auf denen sie gespeichert sind, abgefangen werden. Die Spione des Kalten Krieges sind durch Computer und Algorithmen ersetzt worden.

Die imposante Stasi-Zentrale in Ost-Berlin, heute ein Museum

Handwerkszeug der Spionage



Ein Besuch des Stasi-Museums gewährt Einblick in die schaurigen Spionage-Instrumente und  Techniken der Vergangenheit: Vorrichtungen zum Öffnen von Briefen mit Wasserdampf, Tarnungen (falsche Schnurrbärte) und Trainingsmethoden zum Infiltrieren "subversiver" Gruppen sowie Kameras, die in Krawatten, Zigarettenschachteln oder einfach in den Wänden einer Wohnung versteckt waren.



Die Stasi öffnete Briefe mit Wasserdampf, kopierte sie, archivierte die Kopien und schickte die Briefe weiter. Die Mitarbeiter_innen verwanzten heimlich Privatwohnungen und zapften Telefonleitungen an.



Heutzutage hingegen sitzen die Spione gemütlich am Schreibtisch und lassen Dutzende Computerprogramme, von Prism bis Tempora, die zum Ausspionieren unseres Lebens entworfen wurden, die schmutzige Arbeit für sie machen.



Die NSA benutzt Computerprogramme wie das sogenannte Optic Nerve ("Sehnerv"), um auf Webchats zuzugreifen, oder The Three Smurfs ("Die drei Schlümpfe"), um das Mikrofon eines beliebigen Mobiltelefons anzuschalten und es so abzuhören oder seinen Standort zu ermitteln. Für die Stasi wären diese Technologien "ein Traum" gewesen, um es mit den Worten eines ehemaligen Stasi-Offiziers zu sagen.

Was steht in Ihrer Akte?



Der emotionalste Moment eines Besuchs des Stasi-Archivs ist für viele Besucher_innen die Beantwortung der Frage, ob der Geheimdienst eine Akte über sie führte.

Seit dem Mauerfall haben 2,75 Millionen Menschen einen Antrag auf Einsicht in ihre Akte gestellt.

Deutsche, aber auch viele ausländische Staatsangehörige, die in die DDR gereist waren, haben schockiert feststellen müssen, dass sich die Stasi sehr dafür interessierte, wohin sie gingen und was sie sagten. Eine weitere erschütternde Entdeckung ist oft, wer sie ausspionierte: In einigen Fällen waren Freund_innen und Familienangehörige durch Erpressung oder einfache Anwerbung Teil des IM-Netzwerks geworden.



Es ist also kein Wunder, dass Deutsche das Menschenrecht auf Privatsphäre ernster nehmen als ihre europäischen Nachbarn. Ganze 69 % der Deutschen sind gegen Massenüberwachung durch die Regierung. Dies ist das Ergebnis einer kürzlich von Amnesty International in 13 Ländern durchgeführten Umfrage.



Bisher ist nicht klar, wie sich die massive Überwachung unserer Internetnutzung auf die heutige digitale Gesellschaft auswirken wird. Doch allein die Existenz des Stasi-Museums macht die haarsträubenden Folgen deutlich, die Überwachung auf die freie Meinungsäußerung haben kann. Aus genau diesem Grund nehmen nur wenige Deutsche ihr Recht auf Privatsphäre auf die leichte Schulter.



Wir müssen wichtige Lehren aus dieser Vergangenheit ziehen. Die Frage ist: Werden Millionen von Menschen in 25 Jahren bei der NSA oder anderen Geheimdiensten Anträge auf Einblick in ihre Akten stellen, um festzustellen, ob diese Organisationen ihr Privatleben ausspioniert haben?

Weitere Informationen über die #UnfollowMe-Kampagne von Amnesty International gegen Überwachung erhalten Sie hier.

Dieser Artikel wurde ursprünglich im "The European" veröffentlicht.

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