Amnesty Journal Puerto Rico 04. Dezember 2017

Auf der Tonspur der Erbsubstanz

Rapper Residente steht mit gefalteten Händen und blickt in die Kamera

Weltbürger. Rapper Residente.

Residente, der Sänger und Komponist von Lateinamerikas Rap-Duo Calle 13, ist auf eine musikalische Entdeckungsreise zu seinen Urahnen gegangen. Herausgekommen ist ein Album für Weltbürger.

Von Knut Henkel

Auf die Idee, einen großen DNA-Test zu machen, ist René Pérez Joglar durch einen Kollegen gekommen: "Wir saßen nach einem Konzert von Calle 13 hinter der Bühne, als er mir erzählte, dass moderne DNA-Tests detailliert aufzeigen können, woher deine Urahnen stammen. Das hat mich nicht mehr losgelassen", sagt der 39-jährige Sänger und Komponist aus Puerto Rico. René Pérez Joglar, Künstlername ­Residente, ist die eine Hälfte des Rap-Duos Calle 13 – die andere ist Eduardo José Cabra Martínez, genannt Visitante. Gemeinsam haben sie mit kreativen Beats und kritischen Texten Lateinamerikas Musikszene im Sturm erobert und mittlerweile 24 Latin-Grammy-Awards gewonnen. Sie füllen ganze Stadien und haben bereits mit Salsa-Veteran Rubén Blades, Weltmusikerin Susana Baca oder Popstar Shakira zusammengearbeitet. Da kam etwas Inspiration gerade recht: "Mit Calle 13 war ich damals in einer Komfortzone, ich wurde bequem und das ist etwas, was einem Künstler nicht passieren sollte", sagt Residente.

Der DNA-Test, der ihm bestätigte, dass seine Urahnen aus knapp einem Dutzend Länder auf vier Kontinenten kommen, brachte ihn auf die Idee, Musik auf der Fährte seiner Erbsubstanz zu machen. Zudem entschloss er sich, den Prozess und die Zusammenarbeit mit den Musikern in den Ländern, die er besuchte, auch zu dokumentieren. "Den Film haben wir im März beim Filmfestival South by Southwest in Austin vorgestellt, derzeit verhandeln wir über die Optionen, ihn online zu zeigen, und am Buch schreibe ich noch", erklärt Residente. Sich weiterentwickeln will der Rapper, mit dessen Texten sich bereits Schulklassen und Universitätsseminare beschäftigen.

Auf seinem Solodebüt nach sechs erfolgreichen Alben mit Calle 13 liefert er neue Texte zum Zusammenleben der Spezies Mensch. "Es ist ziemlich lächerlich, dass Menschen behaupten, sie seien rein und stammten aus diesem oder jenem Land", sagt Residente, "alle Menschen stammen von einer schwarzen Mutter ab". Das hat er mit dem Video zu "Somos Anormales" auch gleich selbst in Szene gesetzt. Da lässt er eine afrikanische Frau aus dem Ei schlüpfen und sie schwarze, braune und weiße Kinder in Serie gebären. Ein von treibenden Beats untermaltes Manifest gegen jegliche Form von Rassismus. Doch diese Perspektive teilt Residente ganz und gar nicht: "Ich habe nie irgendetwas gegen etwas gemacht, ich schreibe, komponiere, agiere für etwas: für eine geeinte Welt ohne rassistische Grenzen." Diese Haltung prägt auch das Werk von Calle 13. Im September 2005 machte das Duo mit dem Protestsong "Querido FBI" gegen die Ermordung eines puerto-ricanischen Unabhängigkeitskämpfers durch das F.B.I. auf sich aufmerksam. Sie rappten über die Schicksale von Migranten, die auf ihrem Weg aus Mittelamerika durch Mexiko in die USA von Kriminellen ausgeplündert wurden oder in der Wüste verdursteten. Sie nahmen die Korruption in Nord und Süd ins Visier und gingen den kolumbianischen ­

Ex-Präsidenten Álvaro Uribe Vélez als obersten Paramilitär des Landes live im Fernsehen an. Das hat dem Duo – und mehr noch Residente als dessen Stimme – enormen Respekt bei der Linken des südamerikanischen Kontinents und bei der Jugend verschafft. Das Konzert 2010 in Havanna vor der US-Botschaft mit 500.000 Menschen oder das "Konzert der Hoffnung" 2014 in Bogotá zum Friedensprozess mit der FARC-Guerilla auf der überfüllten Plaza de Bolívar zeugen davon genauso wie ihre ­Auftritte in Puerto Rico, dem 51. Bundesstaat der USA.

Für dessen Unabhängigkeit engagiert sich René Pérez Joglar. Er ist in der Hauptstadt San Juan aufgewachsen und hat mehrfach über die "peinliche Nationalhymne" gelästert. Mit "Hijos del Cañaveral" bietet er nun eine inoffizielle Hymne für Puerto Rico an. Das melodiöse Stück schließt sein Debütalbum ab und ist Ausdruck seiner Hoffnung, dass die Insel in US-Obhut sich doch noch einmal entkolonialisieren werde.

"Ehrlichkeit ist das Fundament eines Künstlers. Ich beobachte, reflektiere, beziehe Stellung und äußere mich – nicht nur zu Lateinamerika", erklärt Residente, der sich für Amnesty International und das Kinderhilfswerk Unicef engagiert. Residente ist mit fünf Geschwistern aufgewachsen, seine Mutter war Schauspielerin, sein Stiefvater Musiker und politisch engagierter Anwalt. Dank dieses Umfelds zeichnet alle Geschwister Rhythmusgefühl und kritisches Denken aus. So ist Residentes Schwester Ileana Cabra Joglar, alias PG-13, auf jeder Tour dabei. Auf seiner derzeitigen Solotournee vermisst Residente seinen Stiefbruder Visitante. Kein Wunder, denn zum Programm gehören neben den neuen Residente-Songs auch die gemeinsam komponierten Hits von Calle 13. Die werden mit atemberaubendem perkussivem Druck auf die Bühne gebracht – neben den beiden Schlagzeugern sind auch noch Pauken, Congas und Bongos im Einsatz. Das Ergebnis ist ein druckvolles Klanggewitter, über dem die markante Stimme von René Pérez Joglar schwebt.

Auch in den Tourpausen steht Residente unter Strom. So fanden die Videoarbeiten für "Guerra", das Antikriegsstück, das die Crew in zweieinhalb Wochen in Nagorny-Karabach aufnahm, mal eben zwischen den Konzerten in Spanien und Deutschland statt. Das intensive, von Frauenchören geprägte Stück, ist einer der herausragenden Songs des Albums. Das Klirren fallender Patronenhülsen darin nistet sich länger im Ohr ein, als einem lieb ist.

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