Amnesty Journal Jemen 05. Februar 2018

Still und verstörend

Zeichnung eines Bildschirmausschnitts, den ein Drohnenpilot sieht

Mindestens 125 Drohnenangriffe flogen die USA 2017 im Jemen

Der Filmemacher Osama Khaled dokumentiert die Grauen des Drohnenkriegs im Jemen. Im Schatten der arabischen Militärallianz haben die USA ihre Angriffe 2017 ausgeweitet.

Von Markus Bickel

Wenn er erst einmal anfängt zu erzählen, sprudelt es nur so aus ihm heraus. Dann beschreibt Osama Khaled jedes Detail, lässt Szenen aus seinen Dokumentarfilmen lebendig werden, so, als säße man gerade selbst dem Vater gegenüber, der bei einem Drohnenangriff seinen Sohn verlor. Und er teilt seine Empörung über einen Krieg mit, der den Jemen seit bald drei Jahren in Atem hält – und für den sich die Welt nicht interessiert. Empörung darüber, dass niemand hilft, obwohl 20 der 28 Millionen Jemeniten dringend Nahrungsmittelhilfen brauchen. Obwohl Hunderttausende an Cholera erkrankt sind, darunter gut die Hälfte Kinder.

Doch meistens ist der 24-Jährige wie seine Filme: still und zurückhaltend. "Ich glaube, dass Bilder mehr erzählen können als Worte", sagt Khaled bei einem Spaziergang durchs winterliche Berlin, wo er auf Einladung der Artists-in-Residence-Initiative Diwan al-Fan einen Monat arbeitete. "Ich will den Opfern Raum lassen zum Erzählen, um dem Publikum das Gefühl zu geben, dass es nicht nur einer Fragestunde des Filmemachers beiwohnt."

Das gelingt Khaled immer wieder. In Kurzfilmen für Nichtregierungsorganisationen wie Save the Children oder Jemens Mwatana Organization for Human Rights, die ihn engagierten, um endlich Aufmerksamkeit zu erzeugen für den vergessenen Krieg im Armenhaus der arabischen Welt. Und in "Waiting for Justice", seinem ersten Dokumentarfilm über den Drohnenkrieg, den die Vereinigten Staaten bereits seit 2002 im Jemen führen: Mitten hinein in die traditionelle Gesellschaft der ­südlichen Provinz Baida führt Khaled darin die Zuschauer –

und öffnet ihnen verschlossene Türen. "Ich hätte selbst nicht geglaubt, dass die um den Verlust ihrer Söhne trauernden

Eltern so offen mit mir reden würden", sagt er über seine

Reise ins Kernland von Al-Qaida auf der arabischen Halbinsel (Aqap).

Mindestens 125 Drohnenangriffe, gesteuert von Camp Lemonnier in Djibouti und einer geheimen Basis in Saudi-Arabien, flogen die USA 2017 im Jemen – viermal so viele wie im Vorjahr, was auf eine Lockerung der Regelungen unter Präsident Donald Trump zurückzuführen ist. Mit einer Rede von dessen Vorgänger Barack Obama beginnt "Waiting for Justice", der ­darin sagt: "Wir greifen nur Al-Qaida und Verbündete an, keine ­Zivilisten."

Als er in Baida drehte, war das Surren der Drohnen Tag und Nacht zu hören, erzählt Khaled. Und die Empörung über jene seltsame Spezies Angreifer allgegenwärtig, die ihre vermeintlichen Feinde selbst auf dem Bildschirm nicht identifizieren können. "Vielleicht töten sie zwei oder drei Al-Qaida-Kämpfer, aber gleichzeitig kommen zehn oder 15 Zivilisten um", sagt in dem Film Hussein Nasser al-Khushin, der bei einem Drohnenangriff seinen Sohn Sanad verlor, als dieser auf der Rückfläche eines Pickups gerade auf dem Weg zur Arbeit war.

Hunderte Familien gebe es inzwischen, die dasselbe Schicksal teilten wie seine Gesprächspartner, so Khaled. Verarmt und ohne Aussicht auf Frieden lebten die meisten Bewohner Baidas im Ruch, mit Al-Qaida unter einer Decke zu stecken. Seine Recherchen belegen das Gegenteil. "Viele Menschen, mit denen ich sprach, hassen Al-Qaida aus dem gleichen Grund wie sie die USA hassen: Die einen behaupten, den Islam zu verteidigen, die anderen, lediglich Terroristen zu treffen. Doch am Ende töten beide Zivilisten."

Khaled kam 1993 in Jemens Hauptstadt Sanaa zur Welt, drei Jahre nachdem sich der sozialistische Süden mit dem Norden des Landes vereint hatte. Doch die kriegerischen Auseinandersetzungen, die die Jahrzehnte zuvor geprägt hatten, endeten ­damit nicht: Ein Abspaltungsversuch südlicher Sezessionisten wurde 1994 gewaltsam niedergeschlagen, 2000 sprengte Al-Qaida das US-amerikanische Kriegsschiff USS Cole im Hafen von Aden in die Luft, 2004 begannen Kämpfe zwischen der Armee und zaiditisch-schiitischen Gruppen, die sechs Jahre andauerten. Und seit der Eroberung Sanaas durch die Huthis im September 2014 tobt ein neuer Konflikt, Luftangriffe durch die von Saudi-Arabien  geführte Militärallianz sind Teil des Alltags.

"Hier in Berlin gehe ich durch zwei Schocks: Zum einen leben alle in Frieden, was ja eigentlich normal ist", sagt Khaled. "Nur dachte ich immer, es sei normal, im Krieg zu leben." Mangelnde Bereitschaft, sich das vorzustellen, könnte ein Grund sein, warum der Jemen ein unsichtbarer Fleck auf der Landkarte westlicher Medienbetrachter geblieben ist, vermutet er. Schließlich seien dort, anders als in Afghanistan und Irak, keine deutschen oder amerikanischen Soldaten im Einsatz, die von ihren Erfahrungen berichten könnten, zumindest nicht auf dem Boden.

Außerdem arbeite seitens der Politik niemand ernsthaft an einem Frieden, das habe der jüngste gescheiterte Vermittlungsversuch durch den UN-Sondergesandten Ismail Ould Cheikch Ahmed im August 2016 gezeigt. Den Regierungen der wichtigsten Rüstungsexporteure – USA, Großbritannien, Frankreich und Deutschland – wirft er zudem vor, "den Saudis die Werkzeuge zu geben, um Familien und Kinder zu töten".

Weil der Krieg noch lange nicht vorbei sei, sagten ihm in Sanaa viele, dass er sich damit nicht dokumentarisch beschäftigen solle, erzählt Khaled. Doch für ihn sei Filmen eben auch Therapie; ohne die Kamera hätte er es nicht geschafft, sich aus den Depressionen zu lösen, die ihn seit Kriegsbeginn 2015 immer wieder plagten. Sein neuester, Anfang 2018 erwarteter Film, "The Helmet", ist deshalb auch sein bislang persönlichster: Um den Alltag von Bombardements, Rettungseinsätzen, Strom- und Nahrungsnot zu entkommen, begann er, an einem Multimediahelm zu basteln. Zunächst allein, um sich selbst und seine Fantasie abzuschotten gegen das Grauen des Kriegs.

Als er aber merkte, dass viele Menschen in seiner Umgebung ganz ähnlich mit ihrem Kriegsalltag umgingen, schlossen sie sich zusammen – und bauten neue blinkende Helme, um ihre eigene Wirklichkeit zu schaffen. Ein Science-Fiction-Film voller Musik sei es, woran das Team nun arbeite, ein Projekt zur Verteidigung der eigenen Vorstellungskraft. "Wir wollen zeigen, dass junge jemenitische Künstler der Welt viel besser erklären können, was in ihrem Land passiert, als heuchlerische Politiker."

Khaleds Filme erzählen aber noch mehr. Auf stille und vielleicht gerade deshalb so verstörende Weise zeigen sie, wie die weltweite Arbeitsteilung von Verteidigungs- und Unterhaltungsbranche funktioniert: hier, in den Metropolen des Westens, die Kampfspiele am Computer, dort, im globalen Süden, der tödliche Krieg. Dass die Grenzen dabei immer mehr verwischen, mag auf den ersten Blick nicht ersichtlich sein. Doch Khaled ­verweist darauf, wenn er in "Waiting for Justice" die Sicht des Drohnenkommandeurs auf der fernen US-Basis auf den Pickup nachstellt, der mit einem Mausklick Sanad al-Khushin und seine Kollegen tötet. Die Strategie des Screenens, Verfolgens und Zielens, die in der Bewegung des Cursors zum Vorschein kommt, hat längst auch unseren Alltag erfasst; die Robotiker der Überwachung weiten sie stetig aus. 

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