Amnesty Journal 26. Juli 2017

Flucht ins Rampenlicht

Ein Mann mit Augenklappe und Stock steht vor einem braunen Vorhang, im Hintergrund befindet sich ein Waldstück

Theater im Teutoburger Wald - Anis Hamdoun, Autor und Regisseur aus Homs, Juli 2015

Zerstreuung, berufliche Perspektive, Aufklärung und Schutz – Theaterprojekte mit Geflüchteten in Deutschland erfüllen derzeit viele Funktionen. 

Von Georg Kasch

Schüchtern und ein wenig steif fasst Ali Emmi bei den Hüften, eine Armlänge Abstand bleibt. Ebenso unsicher tasten sich Emmis Hände an Alis Schultern heran – erste, unsichere Berührungen beim Tanzen, die in einer großen Liebe münden werden und die einen doppelten Abstand markieren. Denn Emmi ist über 60 und Putzfrau in München, Ali mindestens 20 Jahre jünger – und kommt aus Afghanistan.

Dieses Detail in der Inszenierung "Angst essen Seele auf" an der Schauburg, Münchens Kinder- und Jugendtheater, weicht ab von der Vorlage, Rainer Werner Fassbinders Film von 1974. Denn der Darsteller des Ali, Ahmad Shakib Pouya, stammt selbst aus Afghanistan. Er ist auch der Grund, warum das Stück auf dem Spielplan steht.

Theater kann nämlich Leben retten. Das gilt meist im übertragenen Sinn. Für viele Geflüchtete sind die zahlreichen Theaterprojekte, die seit 2015 in Deutschland mit ihnen entstanden sind, vor allem eine Ablenkung von der Untätigkeit, zu der sie gezwungen sind, während sie auf ihre Anerkennung warten. Für andere ist es die Rückkehr in ihren Beruf – und damit die Chance auf eine würdige Existenz. Zugleich ist das Theater von und mit Geflüchteten für das Publikum wichtig. Denn Regisseure, Schauspieler und Autoren mit Fluchterfahrungen berichten aus erster Hand, erzählen von Folter, Todesangst und rettenden Begegnungen. Informationen und Emotionen, die gerade wegen ihrer Unmittelbarkeit berühren, die Verständnis wecken, Empathie fördern, den Blick offenhalten für die Ungerechtigkeiten und die Doppelmoral, mit der unsere Gesellschaft Flüchtenden oft begegnet. 

Und dann gibt es Geschichten wie die von Pouya, in denen Theater wortwörtlich zum Lebensretter wird. Vor sechs Jahren musste der Künstler aus Afghanistan fliehen, weil er in Kabul in einem französischen Krankenhaus gearbeitet hatte. "Wenn man in Afghanistan mit Ausländern zusammenarbeitet, bekommt man ein Problem mit den Taliban. Die wollten mich wirklich töten", sagt Pouya. Also floh er, 15 Monate lang, über den Iran, die Türkei und Griechenland bis nach Deutschland. Im Augsburger Projekt Grandhotel Cosmopolis fand er eine Art Wahlfamilie, wirkte als Barkeeper, künstlerischer Gestalter und Musiker mit und begann als Schauspieler beim Jungen Theater Augsburg. 2015 wurde er Mitglied im Ensemble der Opernproduktion "Zaide. Eine Flucht", übernahm eine der Hauptrollen, komponierte das Eröffnungslied. Als Vertreter des Vereins Zuflucht Kultur war er beim Bürgerfest des Bundespräsidenten und in der Talk­show von Markus Lanz. 

Sein kulturelles und soziales Engagement ist beeindruckend. Neben dem Theater und der Musik dolmetscht Pouya für andere Flüchtende – er spricht sechs Sprachen. Doch trotz einer festen Stelle in der Flüchtlingsberatung der IG Metall in Frankfurt am Main erreichte ihn im Dezember 2016 der Abschiebebescheid. Um überhaupt eine Chance auf eine Aufenthaltserlaubnis zu ­bekommen, musste er im Januar "freiwillig" ausreisen – ins kriegszerfressene Afghanistan. Wenn man die Mails aus Kabul an seine Unterstützer liest, zerreißt es einem das Herz. Obwohl sich zahlreiche Kulturschaffende für ihn einsetzten und bis in höchste Stellen intervenierten, erschien die Lage aussichtslos. 

Dass er Mitte März nach Deutschland zurückkehren konnte, verdankt er einem befristeten Arbeitsvisum. Die Münchner Schauburg hatte kurzfristig "Angst essen Seele auf" angesetzt. Seitdem ist George Podts Inszenierung immer ausverkauft. Sie vertraut ganz auf die fünf Schauspieler im nahezu leeren Raum. Und auf die Kraft der Musik: Wenn Pouya, der eine wunderbare Stimme hat und gerade an einer CD arbeitet, zum sehnsüchtigen Klang der Tischharmonika singt, dann ist das eine packende Charakterstudie seines Ali. Mit dem Ende der aktuellen Intendanz endet auch Pouyas Spielzeit. Aber die Theater lassen ihn nicht fallen: Seit Juli hat er ein Engagement am Münchner Staatstheater am Gärtnerplatz.

Seit 2015 kam es gar nicht so selten vor, dass Flüchtende, die eigentlich einen ganz anderen Beruf hatten, zu Schauspielern wurden. So gaben Laien den Chor in großen Produktionen wie Elfriede Jelineks "Die Schutzbefohlenen" in der Regie von Nicolas Stemann am Hamburger Thalia Theater. Sie spielten aber auch in vielen kleineren Projekten im ganzen Land, oft angeleitet von deutschen Regieteams. Das Ergebnis war mitunter eher gut gemeint als gut gemacht. Umso wichtiger ist, dass zunehmend die Perspektive professioneller Theatermacher mit Flucht­erfahrung auf deutschen Bühnen zu erleben ist.

Wie im Fall von Anis Hamdouns "The Trip". Der syrische Autor, Regisseur und studierte Chemiker kam Ende 2013 als UNO-Kontingentflüchtling von Kairo über Istanbul nach Osnabrück. Ein äußerst sympathischer Typ, voller Witz und Ironie, in dessen Gegenwart man sich gleich wohlfühlt. Dabei irritiert zunächst seine grimmige schwarze Augenklappe – sein rechtes Auge verlor er 2012 bei einem Angriff auf Homs, bei dem 300 Menschen verletzt wurden und 150 starben, darunter enge Freunde.

In Osnabrück absolvierte er mehrere Praktika am Theater. Zugleich startete er mit einem Freund einen Video-Blog, auf dem er Flüchtlinge mit Tipps zur Wohnungs- und Jobsuche versorgte. Sein Stück "The Trip", das er 2015 für das Festival "Spieltriebe" mit Osnabrücker Schauspielern inszenierte, übernahm das Theater wegen der großen Publikumsnachfrage ins Reper­toire. Darin erzählt Hamdoun von Ramie, seinem Alter Ego, der zusammen mit seinen Freunden in Homs gegen Assads Diktatur demonstriert, als einziger überlebt – und nun, nach der Flucht, an sie erinnert, um seinem Überleben einen Sinn zu ­geben. 

Der kurze, intensive Abend ist ein Requiem auf die gescheiterte Revolution und ihre Opfer, kluge Köpfe voller Ideen, der von der Trauer und der Ratlosigkeit des Überlebenden erzählt. In den anschließenden Gesprächen führten die Zuschauer hochemotionale und engagierte Debatten, außerdem gastierte die Inszenierung in Berlin und Frankfurt am Main.

Seitdem hatte in Osnabrück sein gemeinsam mit Regisseur Tuğsal Moğul und Dramaturgin Maria Schneider entwickeltes Stück "Die unbekannte Stadt" Premiere; in Kiel inszenierte er ein Odyssee-Projekt. Dass dies Formate fürs Kindertheater sind, die wieder von Flucht und Integration handeln, zeigt die Grenzen auf, mit denen sich geflüchtete Theatermacher oft konfrontiert sehen – zu selten werden sie danach gefragt, was sie noch erzählen wollen. Anders das Boat People-Projekt in Göttingen. Während große Häuser wie die Münchner Kammerspiele und das Berliner Gorki Theater erst vor Kurzem damit begonnen ­haben, professionelle Exil-Ensembles aufzubauen, arbeitet die freie Gruppe seit 2009 mit professionellen geflüchteten Künstlern zusammen. Für seine Produktionen sucht das Boat People-Projekt in ganz Niedersachsen nach Mitwirkenden, lädt die Künstler zur Mitarbeit ein, produziert ihre Arbeiten. Wie Hamdouns neues Stück "Die Probe", das er gerade mit Sophie Diesselhorst schreibt und das im September in Göttingen Premiere hat. Wieder reflektiert er eigene Erfahrungen, diesmal mit dem Theater. Es handelt von den Absurditäten, die einer syrischen Regisseurin begegnen, als sie an einem deutschen Stadttheater ein Stück von Bertolt Brecht inszenieren soll. Diese Produktion wird vermutlich keine Leben retten. Aber sie vermittelt eine wichtige Botschaft: dass Ankommen ein langer Prozess ist, den beide Seiten wollen müssen, um davon zu profitieren.

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