Amnesty Journal Deutschland 01. November 2019

Lust statt Last

Frauen mit Schirmen in einer Menschenmenge.

Die "MeToo"-Debatte hat die Grenze zwischen Sexualität und Missbrauch klar gezogen, Berlin 2017.  

Miniaturen zu Sexualität und Macht: Im Rahmen der "MeToo"-Debatte wendet sich die Publizistin Carolin Emcke dem Begehren und der Lust zu. Gewalt und Drohungen werden geächtet.

Von Maik Söhler

"Es geht um die Lust auf Sexualität. Missbrauch und Nötigung sind keine Sexualität. Sie sind Missbrauch und Nötigung." Das sind drei Sätze der Publizistin und Philosophin Carolin Emcke aus ihrem neuen Buch "Ja heißt ja und …" – drei Sätze von bestechender Klar- und Wahrheit. Wie auch viele weitere in diesem Buch. Das Werk überzeugt auch aus einem anderen Grund: Emcke greift darin bewusst und gekonnt zum Stilmittel des fragmentarischen Schreibens, um das Vorsichtige und Fragile zu verdeutlichen, das überall dort auftauchen kann, wo sich Sexualität und Freiheit begegnen.

Dabei entstehen gute 100 Seiten voller Gedankensplitter, Fragen und Antworten, Zitate, Thesen, Zweifel, Reflexionen, ­Anregungen, Kritik. Die Autorin selbst spricht von Miniaturen. Emckes Text ist die mehr als gelungene Verschriftlichung eines Bühnenprogramms, das erstmals im Dezember 2018 an der Schaubühne Berlin aufgeführt wurde. "Ja heißt ja und …" schreibt sich ein in die seit wenigen Jahren geführte, seit Jahrzehnten überfällige "MeToo"-Debatte zu sexualisierter Gewalt und Macht in Politik, Ökonomie, Kultur, Sport und Gesellschaft.

Emckes Buch geht aber weit über "MeToo" hinaus, indem es grundsätzlich wird. "'Nein' zu einer bestimmten Person oder einer bestimmten Handlung, Geste, Praxis zu sagen, heißt nicht, dass es nicht mit einer anderen Person oder gar mit derselben Person ein breites Spektrum an Handlungen, Gesten, Praxen gäbe, die gewollt, erwünscht, bejaht sind. Ein 'Nein' grenzt nur etwas ab, um, womöglich, dadurch die Räume zu öffnen für das, was gewollt wird, was Lust bereitet." Es ist ein Genuss, wie beiläufig und filigran Emcke den Vorwürfen entgegentritt, "MeToo" sei ideologisch und dahinter verberge sich nichts anderes als Lustfeindlichkeit oder Tugendterror.

"Ja heißt ja und …" ist auch ein Buch der Rechte. Der Rechte aller an einer selbstbestimmten Sexualität. "Es ist so beschämend wie ermüdend, die eigenen Rechte oder die Rechte anderer immer wieder einklagen zu müssen", schreibt Emcke und klagt exakt diese Rechte doch ein. Es geht ja nicht anders, solange Sexualität immer noch nicht dem Zugriff der Macht entzogen ist und solange eine neue Wahrnehmung gehemmt wird. Denn darum geht es Emcke: "Um ein Ausweiten der Fantasie, um das, was wir uns nicht gern vorstellen wollen, was wir nicht wollen, was möglich sei. Um das Verändern des Blicks, der wechselseitiger, freier, beweglicher, gerechter werden muss."

Da endet dann wohl die Last und beginnt die Lust, und das Fragmentarische, das Brüchige, das Emcke ihren Leserinnen und Lesern mitgibt, zeigt sich als erstaunlich solider Weg, um Möglichkeiten und Grenzen zu erreichen, die jenseits von Macht, Einschüchterung, Nötigung, Drohung und Gewalt liegen. "Ja heißt ja und …" ist eines der wichtigsten Bücher dieses Jahres, und Carolin Emcke hat dem Sprechen und Schreiben über freie Sexualität eine passende, weil freie Form gegeben.

Carolin Emcke: Ja heißt ja und … . S.Fischer, Frankfurt am Main 2019. 112 Seiten, 15 Euro.

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