Aktuell Türkei 28. Juli 2017

"Zusammen dranbleiben"

Porträtfoto von Magdalena Freudenschuss

Magdalena Freudenschuss, Lebensgefährtin des in der Türkei inhaftierten Menschenrechtsaktivisten Peter Steudtner, am 26. Juli 2017 in Berlin

Der deutsche Aktivist und Menschenrechts-Trainer Peter Steudtner wurde am 5. Juli 2017 zusammen mit neun weiteren Menschenrechtlerinnen und –rechtlern festgenommen, als er als Trainer an einem Workshop nahe Istanbul teilnahm. Amnesty sprach mit seiner Lebensgefährtin, der Soziologin Magdalena Freudenschuss.

Haben Sie Kontakt zu Peter Steudtner?

Ich hatte bisher keinen direkten Kontakt mit Ausnahme eines kurzen Telefonats, etwa 30 Stunden nach der Festnahme. Seitdem gibt es Kontakt über die Anwältinnen und Anwälte und das deutsche Konsulat, dessen Vertreterinnen und Vertreter Peter am 24. Juli treffen konnten. 

Was wissen Sie über die Haftbedingungen?

In der Untersuchungshaft ist Peter jetzt gemeinsam mit seinem Trainer-Kollegen Ali Gharavi untergebracht, sie können sich gegenseitig unterstützen. Für Peter und Ali sind die Bedingungen dort in Ordnung. Sie können täglich mit ihren Anwältinnen und Anwälten sprechen, während die anderen Sieben nur einmal die Woche ihre Rechtsbeistände konsultieren dürfen. 

Wie geht ihr Lebensgefährte persönlich mit der Situation um?

Peter und auch Ali haben Zeit gebraucht, um sich an die Situation anzupassen, auch an die jetzige Untersuchungshaft. Ich habe großes Vertrauen in Peters innere Kraft, in seine Fähigkeiten, sich um sich selbst und andere zu kümmern – auch in der jetzigen Lage. Sein Arbeitsschwerpunkt als Trainer liegt auf psychosozialen Aspekten bei digitalen Sicherheitstrainings. Ihm geht es darum digitale Sicherheit nicht nur als technische Frage zu begreifen, sondern auch den aufmerksamen Umgang mit sich selbst und anderen zu schulen. Dazu gehört es Wege zu finden, mit den eigenen Gefühlen, der eigenen Traumatisierung umzugehen. Das ist für Menschenrechtsverteidigerinnen und –verteidiger grundsätzlich wichtig, die oft mit großer Arbeitsbelastung konfrontiert sind aber auch mit vielen persönlichen Geschichten etwa von Gewalt und Folter. 

Was sagen Sie zu dem Vorwurf der „Unterstützung einer bewaffneten terroristischen Organisation“, mit dem die türkischen Behörden die zehn Festgenommenen konfrontieren? 

Es ist das Gegenteil, die Antithese, zu dem, wofür Peter, Ali und die acht Anderen stehen. Peter und Ali, die ich persönlich kenne, stehen für mich für Gewaltfreiheit in allem, was sie tun, ob als Trainer oder Person. Und ich muss betonen: Der Workshop war ein Routine-Training, was Peter und Ali schon oft zuvor in anderen Ländern und Kontexten gegeben haben.

Markus N. Beeko, Generalsekretär der deutschen Amnesty-Sektion, und Magdalena Freudenschuss, die Lebensgefährtin von Peter Steudtner, am 26. Juli 2017.

Wie gehen Sie selbst mit der plötzlichen Veränderung um?

Es ist ein tägliches Lernen, was ich machen kann, um meinen Beitrag zur Freilassung aller Zehn zu leisten. Und auf einer alltäglichen Ebene heißt es, dass jemand fehlt: Zum Reden, Lachen, Zuhören, jemand, der den Haushalt mitbestreitet, Wäsche wäscht und kocht. Insgesamt umfasst die Situation viele Ebenen und ist mit viel Ungewissheit verbunden. Zugleich erfahre ich auch meine eigene, innere Stärke: Ich kann das jetzt auch, denn ich muss und will das auch können. Und ich möchte auch für die Menschen, die Peter wichtig sind, da sein.  

Welche nächsten Schritte planen Sie und das Unterstützungsnetzwerk?

Mir ist wichtig, dass es Peter und auch Ali so gut wie möglich geht in dieser Situation und dass wir als Unterstützungsnetzwerk auch die türkische Amnesty-Direktorin İdil Eser und die sieben weiteren Menschen im Blick haben.

Wie laufen die Kooperationen mit den Menschen und Organisationen, mit denen Sie und das Unterstützungsnetzwerk zusammenarbeiten, darunter auch Amnesty?

In den letzten drei Wochen gab es neben allem anderen auch viele Momente, in denen ich dachte, es entsteht etwas unglaublich Schönes: Mit Formen von Solidarität auf einer privaten, persönlichen und institutionellen Ebene. Viele Menschen bringen ihre persönliche Verbundenheit ein, genauso wie ihr Fachwissen. Es gibt Rückmeldungen, Unterstützungsangebote und eine enge Zusammenarbeit mit verschiedenen Organisationen. Das macht klar, welche Kraft darin liegt, zusammen an etwas zu arbeiten und zusammen dranzubleiben.

Interview: Andreas Koob

Weitere Informationen zur Lage der Menschenrechte in der Türkei findest du auf www.amnesty.de/tuerkei

Verfolge die aktuellen Entwicklungen zu İdil Eser und Taner Kılıç in unserem News-Blog

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