Pressemitteilung Brasilien 08. Mai 2019

Brasilien: Die Regierung muss die indigene Bevölkerung vor illegaler Landnahme schützen und die weitere Abholzung der Amazonasgebiete verhindern

Illegale Landnahme und Abholzung in indigenen Gebieten im brasilianischen Amazonasgebiet nehmen zu. Aktuelle Kürzungen bei der staatlichen Überwachung verschärfen den Konflikt zwischen der indigenen Bevölkerung und bewaffneten Personen, die unbefugt in di

Amnesty International untersuchte kürzlich drei indigene Gebiete im Norden Brasiliens, in denen unbefugte Personen in die Gebiete eindrangen, das Land beschlagnahmten und damit begannen, die Bäume abzuholzen. Indigene Sprecherinnen und Sprecher berichteten von Morddrohungen, die sie wegen der Verteidigung ihres Landes erhalten haben. Außerdem befürchten sie, dass es in der Trockenzeit (Mai/Juni bis Oktober/November) zu neuen Vorfällen kommen könnte, da die Rodung und Brandrodung dann durch den leichteren Zugang zum Wald vereinfacht würde.

„Wir befürchten, dass es zu gewalttätigen Zusammenstößen zwischen indigenen Gemeinschaften und den Personen, die unbefugt in ihr Land eindringen, kommen wird. Die Regierung muss indigene Gemeinschaften schützen, die ihr Land verteidigen“, sagt Dr. Julia Duchrow, Leiterin der Abteilung Politik und Activism bei Amnesty International in Deutschland.

„Die indigene Bevölkerung in den Amazonasgebieten kämpft an vorderster Front für den Schutz der wertvollsten Wälder der Welt. Um eine weitere Abholzung der Amazonasgebiete zu verhindern, ist der Schutz ihrer Menschenrechte essenziell. Wir fordern die internationale Gemeinschaft dazu auf, die Situation in Brasilien sorgfältig im Auge zu behalten. Die Bundesregierung sollte den Druck auf die brasilianische Regierung erhöhen, so dass sich der Schutz der indigenen Bevölkerung im Amazonas wieder verbessert.“

Im April 2019 befragte Amnesty International 23 Indigene aus drei Gebieten im Norden Brasiliens – Karipuna und Uru-Eu-Wau-Wau im Bundesstaat Rondônia sowie Arara im Bundesstaat Pará. Außerdem sprach Amnesty International mit verschiedenen Personen, die über Eingriffe in indigenen Gebieten gut informiert sind, darunter Regierungsvertreter, Staatsanwälte und Angehörige von Nichtregierungsorganisationen. 

Angehörigen von Nichtregierungsorganisationen und Behörden zufolge handelt es sich bei den unbefugt eindringenden Personen häufig um einheimische Personen, die von örtlichen Landwirten und Politikern ermutigt und unterstützt werden, Grundstücke zu besetzen und das Holz zu verkaufen.

Die Indigenensprecher von allen drei Orten prangerten wiederholt die jüngsten illegalen Landnahmen und Abholzungen bei Regierungsbehörden an. Darauf haben die Regierungsbehörden bislang kaum reagiert, die illegalen Landnahmen und Abholzungen wurden fortgesetzt.

Kürzungen bei der staatlichen Überwachung verschärfen das Konfliktrisiko 

Die indigene Bevölkerung zeigte sich enttäuscht, dass nur wenige Personen, die unbefugt in die indigenen Gebiete eingedrungen waren, zur Rechenschaft gezogen werden. Fachleute betonten, wie wichtig es sei, gegen jene Personen zu ermitteln, die die illegalen Landnahmen und Abholzungen unterstützen und finanzieren. Nach Amnesty-Recherchen wurden die Überwachungsmaßnahmen in den vergangenen Monaten wegen Budgetbeschränkungen reduziert.

„Die Reaktion der Regierung auf diese illegalen Landnahmen und Abholzungen ist nach wie vor unzureichend. Besorgniserregend ist dabei, dass die Rolle der Behörde zum Schutz von Indigenen (FUNAI) in den letzten Monaten durch die Regierung von Bolsonaro strukturell geschwächt wurde. Sogar die brasilianische Generalstaatsanwaltschaft hat in mindestens vier Briefen an das zuständige Ministerium seit Januar diesen Jahres deutlich gemacht, dass sich die Sicherheitslage in den Gebieten der Karipuna und der Uru-Eu-Wau-Wau deutlich verschlechtert hat und forderte kurzfristigen Schutz durch nationale Sicherheitsbehörden und ein langfristiges Schutzkonzept für die Gebiete von der eigenen Regierung“, erklärte Dr. Julia Duchrow. 

Abholzung in indigenen Gebieten nimmt zu

Illegale Landnahmen und Abholzungen sind in der Regenzeit (Oktober/November bis Mai/Juni) meist seltener als in der Trockenzeit (Mai/Juni bis Oktober/November). Die Nichtregierungsorganisation Imazon hat den Verlust von 110 Quadratkilometern Wald in indigenen Gebieten des Amazonas in den ersten drei Monaten dieses Jahres gemeldet. Dies bedeutet eine Zunahme von 82 % gegenüber dem Vergleichszeitraum 2018.

Studien zeigen, dass die Demarkation indigener Gebiete Schutz vor Entwaldung bieten kann. Der Erhalt der Primärwälder ist ein entscheidender Faktor im Kampf gegen den Klimawandel, denn wenn Wälder gerodet oder brandgerodet werden, wird gespeicherter Kohlenstoff hauptsächlich als Kohlendioxid in die Atmosphäre abgegeben. 
 

Mehr dazu