Aktuell Vereinigte Staaten von Amerika 20. November 2014

Sexuelle und reproduktive Rechte haben Priorität!

Interview mit Nicole Bjerler, UN-Beauftragte von Amnesty
Petitionsübergabe an Ahmad Alhendawi (li.), Gesandter des UN-Generalsekretärs für Jugend, mit Salil Shetty

Petitionsübergabe an Ahmad Alhendawi (li.), Gesandter des UN-Generalsekretärs für Jugend, mit Salil Shetty

Die sexuellen und reproduktiven Rechte von jungen Menschen müssen in der Bevölkerungspolitik und in den künftigen globalen Entwicklungszielen eine hohe Priorität haben. Das fordern mehr als 281.000 Unterstützer_innen und 360 zivilgesellschaftliche Organisationen aus der ganzen Welt. Die Petition wurde von Amnesty International und der Organisation Realizing Sexual And Reproductive Justice (RESURJ) initiiert und im April 2014 an Entscheidungsträger_ innen der UN übergeben. Anlass war die 47. Tagung der UN-Kommission für Bevölkerung und Entwicklung (CPD). Ein Interview mit Nicole Bjerler, der UN-Beauftragten von Amnesty in New York.

Wie wurde die Petition bei den Vereinten Nationen aufgenommen?
Wir haben die Petition unter anderem dem UN-Generalsekretär, dem Vorsitzenden der CPD-Tagung und dem UN-Gesandten für Jugendfragen überreicht. Dies geschah in Anwesenheit von vielen Jugendlichen aus aller Welt, die nach New York gereist waren, um sich für die Wahrung sexueller und reproduktiver Rechte starkzumachen. Die breite Unterstützung der Petition zeigt, dass es für diese Themen viel Rückhalt gibt. Wir haben damit allen UN-Mitgliedsstaaten den Rücken gestärkt, die sich für sexuelle und reproduktive Rechte einsetzen - und das sind ja leider keinesfalls alle.

Was sind die größten Herausforderungen bei der Lobbyarbeit?
Ein großes Hindernis ist die Gruppendynamik innerhalb der UN. Es gibt zum Beispiel eine große Gruppe afrikanischer Staaten, die bei kontroversen Themen fast immer mit einer Stimme spricht. Selbst Staaten, die bei den sexuellen und reproduktiven Rechten große Fortschritte gemacht haben, beugen sich dem Druck und folgen dem Kurs der Konservativen. Ein großes Problem sind auch die Abtreibungsgegner_innen, die bei der UN Lobbyarbeit betreiben. Dabei schrecken sie auch vor falschen Darstellungen nicht zurück, indem sie etwa behaupten, der Sexualkundeunterricht wolle Kinder zur Homosexualität verführen. Das ist natürlich Unsinn. Es geht doch nur darum, dass man Jugendlichen sagt: Es ist normal, homosexuell zu sein. Man muss sich dessen nicht schämen, und man sollte deshalb auch keine Verletzung seiner Menschenrechte erfahren müssen. Aber selbst das ist für einige Staaten inakzeptabel.

Sind die sexuellen und reproduktiven Rechte Teil der Entwicklungsziele?
Das ist ein ganz heißes Eisen. Eine UN-Arbeitsgruppe hat monatelang über die Entwicklungsziele beraten. Dabei wurde das Thema sexuelle und reproduktive Rechte sehr kontrovers diskutiert. Die Arbeitsgruppe hat schließlich einen Vorschlag erarbeitet, der eine Passage über die sexuellen und reproduktiven Rechte enthält. Doch viele Staaten sträuben sich dagegen. Sie befürchten Kürzungen der Entwicklungshilfe, falls sie diese Ziele nicht umsetzen. Die sexuellen und reproduktiven Rechte müssen bei den Entwicklungszielen eine zentrale Rolle spielen, um allen Menschen - vor allem Frauen und Jugendlichen - Selbstbestimmung über ihre Körper und ihre Zukunft zuzusprechen.

Welche Rolle spielt Deutschland?
Deutschland sollte sich weiterhin für sexuelle und reproduktive Rechte einsetzen und versuchen, afrikanische und asiatische Länder für dieses Thema zu sensibilisieren. Dabei ist viel Fingerspitzengefühl gefragt, um nicht den Eindruck zu erwecken, man wolle ihnen etwas aufzwingen und beachte ihre kulturellen und religiösen Besonderheiten nicht. Menschenrechtsverletzungen dürfen jedoch auf keinen Fall durch Kultur, Religion oder Tradition gerechtfertigt werden.

Interview: Matthias Wahsner

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