Jetzt im Kino: "Just the Wind"
**Wie Gewalt gegen Minderheiten entsteht: Bence Fliegaufs düsteres Meisterwerk "Just the Wind" über eine Mordserie an ungarischen Roma kommt jetzt ins Kino.**
_Von Jürgen Kiontke_
Sie sind nachts gekommen, haben zugeschlagen: In einem ungarischen Dorf wurde eine ganze Roma-Familie erschossen. Gehört hat keiner was, es scheint, als wüsste nur die Abendbrise, wer die Menschen auf dem Gewissen hat. Passend dazu die polizeilichen Ermittlungen - nur warme Luft.
"Just the Wind" heißt nur folgerichtig die filmische Aufarbeitung dieses grausamen Verbrechens. Ausgehend von einer realen Mordserie, der in Ungarn in gut einem Jahr acht Menschen zum Opfer fielen, schildert Regisseur Bence Fliegauf die drückende Pogromstimmung, aus der Gewalt gegen Minderheiten entsteht.
Wie man sich wohl fühle, wenn im Ort die Nachbarn erschossen werden - dies wollte Fliegauf nacherlebbar machen. Er stellt die Kamera nicht vor, sondern zwischen die Menschen, liefert klaustrophobische Bilder seiner Laiendarsteller. In ärmlichen Hütten leben sie, den Terror abwehren können sie kaum. Türen gibt’s nicht. Die Wände - aus Pappe. Am Tag sitzt die Tochter in der Schule vor dem Computer und surft im Internet. Das Wort, das sie in die Suchmaske eingibt, lässt nichts Gutes ahnen. Es lautet "Zigeunererschießungen". Einträge dazu gibt es genug.
Bald ist es wieder Abend, die Angst besetzt die Räume. Fliegaufs Film wartet auf das Schlimmste. Mit düstersten Mitteln macht hier ein Künstler auf die reale Situation einer drangsalierten Bevölkerungsgruppe aufmerksam.
Die Menschen in Fliegaufs Film ahnen die Katastrophe, viel Fantasie ist dazu nicht nötig. Diskriminierung ist für sie alltäglich. "Das ist nur der Wind", reden sich die Protagonisten ein, wenn sie draußen Geräusche hören. Aber vielleicht ist es auch nicht. Der Film erzählt vom Leben der Familie von Mari (Katalin Toldi), einer Hausfrau, deren Mann in Kanada arbeitet, die sich um die Kinder zu kümmern hat und um den kranken Vater. Sie lebt in einer Siedlung am Rande einer Kleinstadt, arbeitet als Putzfrau oder Müllsammlerin.
Fliegaufs Film beruht auf einer Anschlagsserie in den Jahren 2008 und 2009. Die Vorgehensweise war immer gleich: Häuser wurden von den Angreifern mit Molotow-Cocktails in Brand gesetzt, anschließend wurden die Flüchtenden erschossen.
Die Taten sind Ausdruck eines Rassismus, der in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen hat. Rechtsradikale ungarische Parteien schüren ethnische Spannungen, um sich Wahlerfolge zu sichern. In Zeiten wirtschaftlich schwieriger Bedingungen ein billiges, populistisches Mittel.
Die Kamera filmt die Menschen in diesem Film nicht. Sie ist mitten unter ihnen, zwischen ihnen, schaut ihnen über die Schulter. Er ist mitten in der Angst. Der Zuschauer erlebt plastisch, was geschieht. Fliegaufs filmischer Ansatz schafft die Möglichkeit, ganz in der Geschichte zu sein. Wenig fragt der Film nach Ursachen und gesellschaftlichen Entwicklungen - und birgt damit Potenzial für kontroverse Diskussionen. Ist Ungarn ein Einzelfall? Worin gründet sich der Rassismus dort?
Fliegauf will etwas anderes klären. Mit seiner spezifischen Perspektive soll der Film das Klima ständiger Bedrohung erlebbar zu machen. Anhand der Figur der Mari und ihrer Familie hakt Fliegauf wie auf einer Check-Liste die Facetten des Rassismus ab. Wird ein Bildschirm geklaut, fällt der Verdacht zuerst auf Maris Tochter Anna. "Sie stinken", sagt Maris Chef, und stellt ihr beim Gespräch den Ventilator vors Gesicht. Der Bus hält 50 Meter hinter der Haltestelle, wenn Mari einsteigen will. Als ein schwarzer Wagen dem Sohn Rio (Lajos Sárkány) folgt, ist klar: Bis zu den nächsten Gewehrschüssen ist es nur noch ein Schritt. Fliegauf lässt dem Publikum wenig vom Glauben an eine Besserung der Zustände - sein Film ist ein deprimierendes Werk, das die ganze Hoffnungslosigkeit der Lage auf Spielfilmlänge komprimiert. Mit Laiendarstellern habe er gearbeitet, sagt der Regisseur, da es ihm um die Nachbildung von Vorgängen einer realen Welt gegangen sei. Fliegaufs Werk ist bedrückender Spielfilm, der wenig Fiktionales an sich hat.
Ein Film, der auch die Jury-Mitglieder des Amnesty-Preises 2012 tief beeindruckte - Schauspielerin Birgit Minichmayr, Regisseur Ayat Nayafi und Amnesty-International-Kommunikationschef Deutschland Markus Beeko. Sie verliehen Fliegauf die mit 5.000 Euro dotierte Auszeichnung. Die Begründung: "’Just the Wind’ weist kunstvoll auf die erschreckende Situation der Roma in Ungarn hin. Die außergewöhnliche Nähe, die die nervöse Kameraführung schafft, bringt uns der Angst der Protagonisten verstörend nahe. Die spürbar brodelnde Angst unter der Oberfläche hat hier adäquate Bilder gefunden."
Dem Berliner Peripher-Filmverleih gebührt der Dank dafür, diesen beispiellosen Film hierzulande in die Kinos zu bringen.
Von Jürgen Kiontke
**Just the Wind (Csak a szél). HUN/D/F 2012. Regie: Bence Fliegauf. Darsteller: Lajos Sárkány, Katalin Toldi u. a. Kinostart: 18. Juli 2013**
_Der Autor ist Filmkritiker des Amnesty Journals_