Scandar Copti, Yaron Shani: Ajami
Am Boden. Filmszene aus "Ajami"
© Neue Visionen
Hervorragende Arbeit an verschiedenen Perspektiven: Der Episodenfilm "Ajami" von Scandar Copti und Yaron Shani verknüpft die Welten von Juden, Christen und Muslimen.
Angst ist eine große Schande. Nur Feiglinge laufen weg. So lauten die Glaubenssätze, die sich die Figuren in "Ajami", dem mehrfach preisgekrönten Film von Scandar Copti und Yaron Shani, an den Kopf werfen müssen. Und sie haben auch allen Grund dazu: Omar (Shahir Kabaha), sein kleiner Bruder Nasri (Fouad Habash) und Kumpel Malek (Ibrahim Frege) haben einen der gefährlichsten Beduinenclans Südisraels am Hals. Eines Tages steht ein Mitglied dieser Gang im Café von Omars Onkel – und ballert mit der Maschinenpistole herum.
Es dauert nicht lange, da ist der Gangster querschnittsgelähmt und der Onkel schwer verletzt. Macht unterm Strich eine fünfstellige Ausgleichssumme, wie der weise Dorfrichter feststellt. Eines ist klar: Aus der Sache rauskommen, wird teuer. Wenn das Geld nicht nach 37 Tagen auf dem Tisch liegt, wird die ganze Familie ermordet. Omar und sein Kumpel müssen sich ranhalten: Autodiebstahl, Drogenverkauf – sie probieren alles aus, was Geld einzubringen verspricht und was sie nicht können.
Das Viertel Ajami in der israelischen Stadt Jaffa ist ein Schmelztiegel verschiedener Kulturen: Juden, Muslime und Christen wohnen hier. Sie haben nicht nur unterschiedliche Ansichten und Gebräuche, sie haben auch unterschiedlich viel Macht.
Omars Lebensgeschichte macht nur ein gutes Drittel von "Ajami" aus: Er ist der Protagonist jenes Erzählstrangs, der das Leben arabischer Israelis in der Stadt Jaffa nahe Tel Aviv widerspiegelt. Wie die Araber haben auch Christen und Juden in "Ajami" ein hartes Leben. Da ist der christliche Kaufmann, der die Kontrolle über das Familienleben, wie er es kannte, verliert. Und da ist der jüdische Polizist, dessen Bruder getötet wird. Der Episodenfilm verknüpft das Leben aller auf schicksalhafte Weise. Und ist von Kameramann Boaz Yehonatan Yaacov perfekt in Bildern festgehalten. Aber er ist nicht der einzige, der das Geschehen festhält. Nasri versteht sich schon mit 13 Jahren als Fotoreporter – der kleine Erzähler zeichnet das gesamte Geschehen als Graphic Novel auf, als gezeichneten Comic-Roman.
Charakteristisch an "Ajami" ist: Hier wird keine Schuld gesucht. Hier treffen Menschen unterschiedlicher Weltreligionen in einer explosiven Region zusammen. Armut und Enge – ja, und auch die Beschränktheit aller Beteiligten lassen scheinbar unausweichliche Konflikte entstehen. "Die Idee war, verschiedene Geschichten zu erzählen, eine nach der anderen", sagt Regisseur Shani. Aber dann wurde es eine, die aus verschiedenen Blickwinkeln erzählt wird – das war der bessere Ansatz. Alle Rollen wurden mit Laiendarstellern besetzt. Und das war eine gute Wahl.
Von Jürgen Kiontke, Amnesty Journal Februar 2010
"Ajami". D, IL 2009. Regie: Scandar Copti, Yaron Shani. Darsteller: Shahir Kabaha, Fouad Habash, Ibrahim Frege u.a. Start: 11. März 2010
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