Schikanen gegen Anwältin

Der aus Dagestan stammenden Anwältin Sapiyat Magomedova drohen Anklagen, nachdem sie den Vorwurf erhoben hat, von PolizeibeamtInnen brutal geschlagen worden zu sein. Am 30. September 2010 wurden Reisebeschränkungen gegen sie verhängt, die ihr verbieten, nach Moskau zu reisen, um die notwendige rechtliche Unterstützung und medizinische Behandlung zu erhalten.

Appell an

LEITER DER ERMITTLUNGSABTEILUNG DER STAATSANWALTSCHAFT
Aleksandr Bastrykin
Technicheskii per. 2, Moscow, 105005
RUSSISCHE FÖDERATION
(korrekte Anrede: Dear Chairman)
Fax: (007) 499 265 97 75 oder (007) 499 265 90 77

Sende eine Kopie an

LEITER DES SICHERHEITSAUSSCHUSSES
Vladimir A. Vasiliev
State Duma Committee for Security
Okhotny Ryad 1, Moscow 103265
RUSSISCHE FÖDERATION
(korrekte Anrede: Dear Mr Chairman)
Fax: (007) 495 692 95 75
E-Mail: vasiliev-site@yandex.ru

ANWALTSKAMMER VON DAGESTAN
Boris N. Aguzov
Ul. Daniyalova 18, Makhachkala 367012, Republic of Dagestan
RUSSISCHE FÖDERATION
(korrekte Anrede: Dear Mr Aguzov)
Fax: (007) 8722 67 06 46
Faxversand am besten während der Bürozeiten (MEZ +3h). Wenn jemand abhebt, sagen Sie deutlich "FAX".

BOTSCHAFT DER RUSSISCHEN FÖDERATION
S. E. Herrn Vladimir M. Grinin
Unter den Linden 63-65, 10117 Berlin
Fax: 030-2299 397
E-Mail: info@Russische-Botschaft.de

Bitte schreiben Sie Ihre Appelle möglichst sofort. Schreiben Sie in gutem Russisch, Englisch oder auf Deutsch. Da Informationen in Urgent Actions schnell an Aktualität verlieren können, bitten wir Sie, nach dem 17. November 2010 keine Appelle mehr zu verschicken.

Amnesty fordert:

SCHREIBEN SIE BITTE FAXE, E-MAILS ODER LUFTPOSTBRIEFE MIT FOLGENDEN FORDERUNGEN

  • Ich fordere Sie auf, die Reisebeschränkungen gegen Sapiyat Magomedova umgehend aufzuheben.

  • Ich bitte Sie, die von Sapiyat Magomedovas erhobenen Vorwürfe sowie die Anklagen gegen sie von den Bundesgerichten und nicht von den Behörden in Dagestan untersuchen zu lassen.

  • Gewährleisten Sie bitte ihre Sicherheit und suspendieren Sie ihre mutmaßlichen AngreiferInnen so lange vom Dienst, bis die umfassende und unparteiische Untersuchung abgeschlossen ist.

PLEASE WRITE IMMEDIATELY

  • Calling for an immediate lifting of her travel restriction (podpiska o nevyezde);

  • Urging that the investigations of Sapiyat Magomedova’s allegations, and of the criminal allegations against her, are transferred from the investigation authorities of Dagestan to investigation officials at the Federal level;

  • Urging the authorities to ensure her safety, and suspend her alleged assaulters from their duties until a thorough, independent and impartial investigation is completed.

Sachlage

Sapiyat Magomedova ist eine 31-jährige Anwältin aus Chassawjurt im Nordkaukasus. Sie arbeitet an Fällen schwerer Menschenrechtsverletzungen, die durch BeamtInnen mit Polizeibefugnissen begangen wurden.

Ihren Angaben zufolge wurde die Anwältin am 17. Juni 2010 von PolizeibeamtInnen brutal geschlagen und gewaltsam zum Verlassen der Polizeiwache von Chassawjurt (GOVD) gezwungen wurde, als sie einen ihrer dort inhaftierten Mandanten besuchen wollte. Amnesty International liegt ein ärztliches Gutachten vor, das bestätigt, dass Sapiyat Magomedova Kopf- und Brustverletzungen sowie Hämatome erlitten hat. Nach dem Übergriff wurde ein Strafverfahren wegen "öffentlicher Beleidigung von Staatsbediensteten" gegen sie eröffnet. 2008 war bereits ein anderes Strafverfahren mit den gleichen Vorwürfen gegen die Juristin eröffnet worden, nachdem sie Anzeige gegen ErmittlerInnen aus dem Büro der Staatsanwaltschaft von Chassawjurt erstatten wollte, von denen sie bedroht worden war.

Durch die am 30. September gegen Sapiyat Magomedova verhängten Reisebeschränkungen (podpiska o nevyezde) kann sie nicht nach Moskau reisen. Dort sollte sie die weiterhin notwendige medizinische Behandlung ihrer Verletzungen sowie Rechtshilfe und andere Unterstützung durch Menschenrechtsorganisationen bezüglich der gegen sie erhobenen Vorwürfen erhalten. Sie geht davon aus, dass die Reisebeschränkungen gegen sie verhängt wurden, um sie davon abzuhalten, in Moskau an Menschenrechtsaktivitäten teilzunehmen und die dort ansässigen Medien zu kontaktieren.

Obwohl nach dem gegen Sapiyat Magomedova verübten Übergriff im Juni ein Strafverfahren gegen die PolizeibeamtInnen eröffnet wurde, glaubt die Juristin, dass nicht effektiv und vollständig ermittelt werden wird, da die Untersuchungen von ErmittlerInnen aus der Region Dagestan durchgeführt werden. Gegenüber Amnesty International erwähnte sie schwerwiegende Verfahrensfehler, Verwendung von gefälschten Dokumenten und politischen Druck auf den Ermittler. Zudem wurde sie daran gehindert, ihre Menschenrechtsarbeit weiter auszuüben. Der Leiter der Ermittlungsabteilung in Moskau könnte die Untersuchungen auf die Bundesebene heben. Außerdem ist er befugt, die Reisebeschränkungen gegen Sapiyat Magomedova aufzuheben und ihre mutmaßlichen AngreiferInnen für den Zeitraum der Untersuchungen vom Dienst zu suspendieren.

Hintergrundinformation

Hintergrund

Sapiyat Magomedova gehört der in Chassawjurt ansässigen Anwaltsvereinigung "Omarov und Partner" an, die durch ihre Arbeit zu einigen der komplexesten Fälle von Menschenrechtsverletzungen in Dagestan Bekanntheit erlangt hat, darunter Fälle von "Verschwindenlassen", Folter und außergerichtlichen Hinrichtungen. Die Rechtsanwältin hat mehrfach den Vorwurf erhoben, bestimmte ErmittlerInnen hätten ihre Befugnisse überschritten, Druck auf ihre MandantInnen ausgeübt, amtliche Papiere zu fälschen versucht und sie selbst davon abhalten wollen, Mandate zu übernehmen. Sapiyat Magomedova hat sich beim Leiter der Ermittlunsgabteilung der russischen Staatsanwaltschaft und bei anderen AmtsträgerInnen über das Vorgehen beschwert, wie aus Kopien ersichtlich ist, die Amnesty International vorliegen. Amnesty International befürchtet, dass die Ermittlungen in den beiden gegen Frau Magomedova angestrengten Strafverfahren wie auch die Untersuchungen in dem von ihr beantragten Verfahren weder umfassend noch unabhängig und unparteiisch geführt werden, solange die Zuständigkeit dafür bei den Strafverfolgungsbehörden von Dagestan verbleibt. Vier der von Sapiyat Magomedova bearbeiteten Fälle sind dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte vorgelegt worden. Drei davon sind zur Verhandlung zugelassen worden. Darin geht es jeweils um den Vorwurf schwerer Rechtsverstöße durch MitarbeiterInnen der russischen Strafermittlungsbehörden.

In den beiden gegen Sapiyat Magomedova eröffneten Strafverfahren geht es um den Vorwurf der Beleidigung von Staatsvertretern (Paragraph 319 des Strafgesetzbuchs des Russischen Föderation). Bei einem Schuldspruch droht ihr eine Geldstrafe oder eine bis zu sechsmonatige Freiheitsstrafe mit Zwangsarbeit. Außerdem würde ihr die Zulassung als Rechtsanwältin aberkannt werden. Aufgrund der gegen die verhängten Einschränkungen ihrer Bewegungsfreiheit darf Frau Magomedova keine Reisen nach Moskau unternehmen. Dort war sie wegen ihrer Verletzungen in medizinischer Behandlung gewesen, hatte die Arztbesuche jedoch einstellen müssen, weil sie sich aus familiären Gründen veranlasst sah, nach Chassawjurt zurückzukehren. Während ihrer Aufenthalte in Moskau hatten sich die Medien sehr für Sapiyat Magomedova interessiert. Sie war unter anderem einer Einladung in eine Fernsehsendung gefolgt, in der die Menschenrechtsverletzungen in Dagestan thematisiert worden waren.

Am 17. Juni 2010 suchte Sapiyat Magomedova die Polizeibehörde von Chassawjurt auf, um ihren dort seit einigen Stunden einsitzenden Mandanten zu besuchen. Auf der Wache, so Frau Magomedova gegenüber Amnesty International, habe ihr der Ermittler der Polizei den Zugang zu ihrem Mandanten verwehrt. Der Leiter der Dienststelle habe sogar Anweisung gegeben, sie "rauszuwerfen". Anschließend wurde die Juristin von PolizistInnen derart schwer geschlagen, dass sie vorübergehend das Bewusstsein verlor. Ihr Kollege rief zwei Mal einen Notarztwagen herbei, der jedoch nicht auf das Gelände der Polizeibehörde vorgelassen wurde. Erst nach einem dritten Anruf konnte Frau Magomedova außerhalb des Polizeigeländes einen Notarztwagen besteigen, so dass ihre medizinische Versorgung erst nach erheblicher Verzögerung möglich war. Aus Angst vor Repressalien seitens der Strafverfolgungsbehörden weigerten sich Berichten zufolge vor Ort tätige ÄrztInnen, die von Sapiyat Magomedova erlittenen Verletzungen schriftlich festzuhalten. Bei der Entlassung gaben sie ihr lediglich einen Überweisungsschein mit. Frau Magomedova fand zunächst in einem Krankenhaus einer anderen Stadt Aufnahme und wurde später in eine Moskauer Klinik verlegt. Amnesty International hat Einblick in medizinische Unterlagen nehmen können, aus denen ersichtlich ist, dass die bei Sapiyat Magomedova festgestellten Verletzungen die von ihr erhobenen Misshandlungsvorwürfe belegen.

Amnesty International äußert Besorgnis darüber, dass Sapiyat Magomedova aufgrund ihrer rechtmäßigen Aktivitäten als Anwältin Schikanen ausgesetzt ist. Prinzip 16 der UN-Grundprinzipien betreffend die Rolle der Rechtsanwälte sagt Folgendes aus: "Der Staat stellt sicher, dass der Rechtsanwalt a) in der Lage ist, alle seine beruflichen Aufgaben ohne Einschüchterung, Behinderung, Schikanen oder unstatthafte Beeinflussung wahrzunehmen; b) in der Lage ist, zu reisen und sich mit seinen Mandanten frei zu beraten, sowohl im eigenen Lande als auch im Ausland; und c) wegen Handlungen, die mit anerkannten beruflichen Pflichten, Verhaltensregeln und Ehrenpflichten im Einklang stehen, keine Verfolgung oder verwaltungsmäßige, wirtschaftliche oder andere Sanktionen erleidet oder damit bedroht wird." Prinzip 17 schreibt fest: "Wo die Sicherheit eines Rechtsanwalts infolge der Wahrnehmung seiner Aufgaben bedroht ist, haben die Behörden ihn angemessen zu schützen."